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Kaum über einen anderen großen Komponisten sind so viele – sich zum Teil widersprechende – Geschichten bekannt. Sie ranken sich um seine verträumte Kindheit, seine verworrene Gefühlswelt und seine problematische Ehe. Aber wussten Sie, dass Gustav Mahler ein passionierter Radfahrer war?

Scherenschnittpostkarte: Radfahrer um 1900 (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Wiener Fahrradfahrer um 1900 picture-alliance / dpa -

"Vorwärts drängend" – diese Spielanweisung hat Mahler den Orchestermusikern gerne in die Noten geschrieben. Und genau wie zu seiner Musik, so passt diese Bezeichnung zu seinem Charakter. Immer war er mit schnellem Schritt unterwegs und hasste den Stillstand. In seiner Zeit als Dirigent am Stadttheater Hamburg war er einer der ersten Fahrradfahrer und bemerkte in einem Brief amüsiert: "Ich errege allgemeine Aufmerksamkeit auf meinem Rad. Ich scheine wirklich für das Rad geboren zu sein und werde bestimmt bald zum Geheimrad ernannt werden. Soweit bin ich schon, dass mir alle Pferde ausweichen... Ihr ergebenster Gustav Mahler, Fahr Radius und Straßen-Durchmesser". Auf dem Fahrrad begegnete ihm im Urlaub im österreichischen Salzkammergut auch seine spätere Frau Alma – wobei auch sie ihm erst einmal auswich und unerkannt davonfuhr (das verraten ihre Tagebücher).

Zur Schnapsbrennerei nicht geeignet

"Der wird Ihre Schnapsfabrik nicht übernehmen", bescheinigte der bekannte Wiener Pianist Julius Epstein dem Spirituosenhändler Bernhard Mahler, nachdem er dessen 15-jährigen Sohn Gustav am Klavier gehört hatte. Und er sollte Recht behalten. Geboren 1860, wuchs Gustav Mahler in Iglau, im heutigen Tschechien auf. Der sensible Junge sog die Klänge seiner Umgebung wie ein Schwamm in sich auf. Kirchenglocken, Wirtshausmusik, Volkslieder und vor allem die Militärparade verankerten sich in seinem Gedächtnis, sodass er später in seinen Kompositionen immer wieder darauf zurückkam.

Eine sorglose Kindheit war es dennoch nicht, denn die Familie musste in regelmäßigen Abständen den Friedhof aufsuchen: Nur sechs seiner 13 Geschwister überlebten die Kinderjahre. Gustavs außerordentliche musikalische Begabung am Akkordeon und am Klavier wurde erkannt und gefördert. Sein erstes eigenes Musikstück schrieb er im Alter von sechs Jahren im Auftrag der Mutter, die ihm zwei Kreutzer dafür bot. Schon im Alter von zehn Jahren gab er im Theater seiner Heimatstadt einen Klavierabend, und mit 15 schafft er die Aufnahmeprüfung am renommierten Wiener Konservatorium.

Stardirigent und Komponist

Als Dirigent startete Mahler eine steile Karriere. Sein Herz pochte allerdings mehr fürs Komponieren. Und wenn er komponierte, wollte er auf keinen Fall gestört werden.

Der Weg nach oben

Als Dirigent hat Gustav Mahler eine Bilderbuchkarriere hingelegt. Nach Kapellmeisterstellen an Opernhäusern in Kassel, Leipzig, Budapest und Hamburg hat er 1897 sein Ziel erreicht: Direktor der Wiener Hofoper. Den Weg dorthin hat sich Mahler hart erarbeitet: Oft mehr als 90 Opernaufführungen und Konzerte in der Saison, darunter viele Opern von Richard Wagner, machten ihn international bekannt. Vollsten Einsatz erwartete er indes auch von den Orchestermusikern und Sängern, mit denen er arbeitete.

Schwierig und schlau

Für seinen Freund und Bewunderer Bruno Walter war es Mahlers "tyrannische Persönlichkeit", die den Musikern "durch eine zwischen Einschüchterung und Anfeuerung wechselnde Methode ein Äußerstes an Leistung abgewann". Trotz größter Erfolge und Anerkennung – auf lange Sicht war damit Ärger vorprogrammiert. Und dieser gipfelte meist darin, dass sich Mahler nach einer neuen Stelle umsah. Glücklicherweise hatte er auch hierfür ein Händchen: Mit Verhandlungsgeschick und dosiertem Einsatz von 'Vitamin B' war ihm stets bald ein neuer, noch besserer Posten sicher. Und auch seine Religionszugehörigkeit sollte da nicht im Wege stehen: Im Frühjahr 1897 ließ sich der als Jude geborene Mahler katholisch taufen, um seine Chancen auf die Stelle des Wiener Hofoperndirektors zu erhöhen.

Alma - nicht nur Ehefrau

Es soll Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. Gustav Mahler und Alma Schindler heirateten schon wenige Wochen, nachdem sie sich kennengelernt hatten. Aber die Ehe brachte ihnen kein Glück.

Ein Mädchen aus gutem Hause

Alma Schindler oder "Almschi", wie Gustav Mahler seine Frau liebevoll nannte, war nicht nur Tochter aus gutem Hause und nach Aussagen von Zeitgenossen "das schönste Mädchen Wiens". Sie kannte sich in der Welt der bildenden Kunst, der Literatur und der Philosophie aus, spielte sehr gut Klavier und – sie komponierte. Für den Hofoperndirigenten Mahler, mit dem sie die Liebe zu Richard Wagners Opern teilte, schwärmte die junge Frau insgeheim. Andererseits war sie auch anderen großen Künstlern ihrer Zeit nicht abgeneigt und hatte etliche Verehrer (z. B. den Maler Gustav Klimt oder den Komponisten Alexander von Zemlinsky).

Verliebt, verlobt, verheiratet

Als Gustav Mahler sie 1901 im Salon von Wiens renommiertester Kunstmäzenin Berta Zuckerkandl kennenlernte, war sie 22 Jahre alt, er 41. Auf Gustav Mahler muss die junge, intelligente und selbstbewusste Schönheit mächtig Eindruck gemacht haben. Für ihn war es wohl Liebe auf den ersten Blick. Und auch sie fühlte sich mehr als geschmeichelt. Nur wenige Wochen später fand die Hochzeit statt.

Ehepaar Mahler (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Das Ehepaar Mahler, 1909 picture-alliance / dpa -

Fast zehn Jahre waren Alma und Gustav Mahler verheiratet, eine Ehe, die – besonders aus heutiger Sicht – problematisch und zum Scheitern verurteilt war. Und damit ist nicht nur der Altersunterschied von 19 Jahren gemeint oder die grundverschiedenen Charaktere des Eigenbrötlers und der nach Gesellschaft durstenden jungen Frau. Es war vielmehr ein Versprechen, das Gustav Mahler seiner Auserwählten noch vor der Hochzeit abrang – das Versprechen, nicht weiter zu komponieren und seine Musik als die ihre zu betrachten. Alma erreichte dieses "Komponierverbot" verpackt in einen schnöden Brief, und es traf sie wie ein Blitz: "Mir blieb das Herz stehen... Meine Musik hergeben – weggeben – das, wofür ich bis jetzt gelebt. Mein erster Gedanke war, ihn abschreiben. Ich musste weinen – denn da begriff ich, dass ich ihn liebe."

Alma fügt sich - vorerst

Nach einer schlaflosen Nacht fügte sie sich in die gewünschte Rolle, nicht ohne die Bemerkung in ihrem Tagebuch "aber einen ewigen Stachel wird das zurücklassen". Acht Jahre später, auf dem Höhepunkt ihrer Ehekrise, sollte dieses Thema wieder auf den Tisch kommen. Wie von Reue getrieben, studierte Gustav Mahler nun frühere Liedkompositionen von Alma und ließ einige in seinem Verlag veröffentlichen.

Familienfreud, Familienleid

Mahler hatte als Kind viele seiner Geschwister sterben sehen. Seinen beiden Töchtern sollte es nicht so ergehen. Doch auch hier machte der Kindstod nicht Halt.

Zeit seines Lebens war Gustav Mahler seiner Familie verbunden und verpflichtet. Nach dem Tod der Eltern kümmerte sich der 29-jährige um seine jüngeren Geschwister, was nicht nur eine große finanzielle Verantwortung bedeutete. Seine Schwestern Justine und Emma lebten nun bis zu ihrer Heirat in seinem Haushalt. Als er im Jahr 1901 auf dem Höhepunkt seiner Karriere kurzerhand heiratete und eine eigene Familie gründete, sah er sich dem damaligen Familienbild entsprechend in der Rolle des alleinigen Ernährers. Die beiden Töchter Maria und Anna waren sein ganzer Stolz.

Berühmt geworden sind seine "Kindertotenlieder", die er im Sommer 1904 fertigstellte – zum Unverständnis seiner Frau Alma, denn die Töchter erfreuten sich zu der Zeit bester Gesundheit und spielten munter im Garten. Ahnte er damals bereits das Unglück, dass die Familie nur drei Jahre später in genau dieser Sommerresidenz ereilen würde? Scharlach-Diphterie lautete die Diagnose bei Maria Anna, der älteren Tochter, die nach einem zweiwöchigen Todeskampf starb – mit gerade einmal vier Jahren. Gustav Mahler schwieg und stürzte sich in die Arbeit. Musik begann für ihn dort, wo Worte versagten

Sommerurlaub im Komponierhäusl

Dem Komponieren – seiner eigentlichen Leidenschaft – konnte der vielbeschäftigte Dirigent Gustav Mahler nur in den Sommermonaten nachkommen, wenn der Opernbetrieb Ferien hatte. Während er mit Familie und Freunden in einem Gasthof oder der eigenen Villa am Wörthersee residierte, zog er sich tagsüber in sein geliebtes "Komponierhäusl" zurück. In dieser Einraum-Hütte gab es neben einem Flügel nur ein paar Bücher. Aber er hatte einen schönen Ausblick und – es war ruhig.

Diese Ruhe war Mahler heilig, und sie durfte unter keinen Umständen gestört werden. Selbst die Köchin, die Mahlers Frühstück dort vorbereitete, wurde angewiesen, einen Umweg zu gehen, damit sie dem Komponisten nicht begegnete. Und Mahler? Der hatte einen strikten Zeitplan: Sechs Uhr aufstehen; Frühstück und Arbeit im Komponierhäuschen; 12 Uhr Mittagessen und eine halbe Stunde Gespräch mit den Familienmitgliedern, am Nachmittag eine Wanderung (bis zu vier Stunden). Nach weiterer Arbeit im Komponierhäuschen folgte ein frühes Abendessen, danach war Zeit fürs Vorlesen oder Plaudern; 22 Uhr war Nachtruhe.

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