Schostakowitsch (Foto: Imago, Alexei Talimonov)

Schwerpunkt multimedial Fokus Dmitrij Schostakowitsch

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Das Publikum hat längst entschieden, Dmitrij Schostakowitsch kommt an. Bei denen, die die Musikgeschichte schreiben und die darin involvierten Figuren nach ihrer Größe sortieren, hat es etwas länger gedauert, bis feststand, dass dieser Komponist eine Schlüsselfigur des 20. Jahrhunderts ist. Erfahren Sie hier mehr über einen gleichermaßen genialen wie gequälten Künstler, dessen Werk und Leben mit der Geschichte der Sowjetunion untrennbar verbunden sind.

Schostakowitsch in Komarowo 1963 (Foto: SWR)
Schostakowitsch in Komarowo 1963

Genosse Schostakowitsch: Lebensgefährliches Katz- und Mausspiel

Das war keine Frage zwischen Ost und West, denn selbst hinter dem Eisernen Vorhang wurde Schostakowitsch mit schöner Regelmäßigkeit als Formalist geächtet, während man ihn im Westen schief ansah, wenn es so aussah, als habe er wieder mal seinen Frieden mit der parteiamtlichen Ästhetik gemacht.

Zitate zu Schostakowitsch

Zitate über Dmitrij Schostakowitsch

Schostakowitsch" auf dem TIME Magazine Cover am 20. Juli 1942 (Foto: TIME Magazin / Cover Credit: Boris Artzybasheff)
"Fireman Shostakovich – Amid bombs bursting in Leningrad he heard the chords of victory." Am 20. Juli 1942 landete der russische Komponist auf dem Cover des Time Magazin als Feuerwehrmann während der Belagerung von Leningrad. Das amerikanische Nachrichtenmagazin thematisierte damit das Komponieren und die Aufführung der siebten Symphonie und deren unheimliche Symbolkraft im belagerten Leningrad. TIME Magazin / Cover Credit: Boris Artzybasheff Bild in Detailansicht öffnen
"Schostakowitsch ist ein kleiner Mann mit nervös umherirrenden Augen. Während ich ihm Fragen stelle, blickt er mich starr, wie hypnotisiert an. Wenn er antwortet, blickt er im Zimmer herum, fährt sich ständig mit zitternden Händen durch das Haar, setzt die Brille auf und ab. Schostakowitsch ist ein gehetzter Mann. Niemand kann wissen, was hinter dem zuckenden Gesicht vorgeht.", so der ARD-Korrespondent Gerd Ruge nach einer Begegnung mit dem Komponisten im Jahr 1959. Imago ITAR TASS Bild in Detailansicht öffnen
"Ich finde seine Musik schrecklich. Es ist das erste Mal, dass ich die Musik nicht höre, wenn ich die Partitur lese. Aber das ist unwichtig. Die Zukunft gehört mir nicht, sondern diesem Jungen." Alexander Glasunow, russischer Komponist und Direktor des Konservatoriums in St. Petersburg, wo Schostakowitsch mit zwölf als Schüler aufgenommen wird. akg-images Bild in Detailansicht öffnen
"Um die Geschichte unseres Landes zwischen 1930 und 1970 nachzuleben, reicht es aus, die Sinfonien von Schostakowitsch zu hören." Russische Wochenzeitung Moskowskije Nowosti dpa - Bildarchiv Bild in Detailansicht öffnen
"Seine Musik ist in vielerlei Hinsicht 'an der Grenze', das liebe ich wirklich sehr an Schostakowitsch. Und gerade in der jetzigen Zeit lohnt sich ein neuer Blick auf sein Werk." Pablo Heras-Casado, 2019 Bild in Detailansicht öffnen
"Noch heute jagt es mir Schauer über den Rücken, weil im Musik ausgesprochen wurde, was in der Literatur undenkbar gewesen wäre zu sagen", so Dirigent Kurt Sanderling 2006 in der Dokumentation "Nahaufnahme Schostakowitsch". Kurt Sanderling (1912-2011) war ein enger Freund von Dmitrij Schostakowitsch. dpa - Bildarchiv Bild in Detailansicht öffnen
"Nach Mahler ist Schostakowitsch einer der größten Symphoniker. Er ist einer der letzten Symphoniker, für wen die Sinfonie die Form (im weitesten Sinne der Sonatenform) eines mehrsätzigen Zyklus eine ganz adäquate natürliche Äußerung war." Der Dirigent Thomas Sanderling, Sohn von Kurt Sanderling, hat den Komponisten Dmitrij Schostakowitsch persönlich gekannt und zwei seiner Sinfonien uraufgeführt. picture-alliance - Tass Emil Matveyev Bild in Detailansicht öffnen
"In Zeiten, in denen die Menschenwürde mit Füßen getreten wurde und die Kriegstragödie das Land überflutete, stellten Schostakowitschs Symphonien ein Symbol der Wahrheit und des unabhängigen Denkens dar. Der Komponist wurde in einem Maße zum Gewissen der Generation, die in der Hölle des Stalinismus lebte, wie kein anderer Künstler", schrieb der polnische Komponist Krzysztof Meyer in seiner Biografie "Schostakowitsch – Sein Leben, sein Werk, seine Zeit". dpa / Jürgen Hocker Bild in Detailansicht öffnen
"Manchmal war es Schostakowitsch unmöglich zu reden. Er mochte aber gern, wenn ein ihm lieber Mensch ohne ein Wort bei ihm im Zimmer saß. Gelegentlich rief er mich an und sagte: 'Komm rasch, beeil dich!' So kam ich dann in seine Wohnung und er empfing mich: 'Setz dich, und nun können wir zusammen schweigen' (...)" dpa / epa Chirikov Bild in Detailansicht öffnen
"Ich saß dann wohl eine halbe Stunde, ohne ein Wort zu sagen. Es war ungeheuer entspannend nur so zu sitzen. Dann stand Schostakowitsch auf und sagte: 'Ich danke dir, auf Wiedersehen, Slava'." Der weltberühmte Cellist Mstislaw Rostropowitsch war ein enger Freund Schostakowitschs. Seine Erinnerungen geben einen Einblick in die Persönlichkeit des stillen, verschlossenen Komponisten. dpa / Hermann Wöstmann Bild in Detailansicht öffnen
"Kunst gehört allen und niemandem. Kunst gehört jeder Zeit und keiner Zeit. Kunst gehört denen, die sie erschaffen und denen, die sie genießen. (…) Kunst ist das Flüstern der Geschichte, die durch den Lärm der Zeit zu hören ist." Julian Barnes in seinem Künstlerroman über Dmitrij Schostakowitsch "Der Lärm der Zeit". mago / Kiepenheuer & Witsch Bild in Detailansicht öffnen

Der Komponist saß zwischen den Stühlen. Hier waren es die machtvollen Forderungen nach einem volksnahen Realismus, dort die musikantische Lust, sich in die Modernismen seiner Zeit zu stürzen und sie der eigenen Sprachfähigkeit zuzuführen.

Dieses Katz- und Mausspiel, das in der Sowjetunion lebensgefährlich sein konnte, hat eine Musik geformt, die im ständigen Widerstand gegen das Angesagte listenreich über sich selbst hinausgewachsen ist. Es entstand eine Sprache zwischen den Zeilen.

DSCH - Schostakowitsch  (Foto: SWR)
D-S-C-H: Schostakowitschs Signatur in der Musik

Die populäre Fasslichkeit ist zwar eine Tatsache, aber was gemeint war, versteckte sich gerne in einem attraktiven Zwielicht. Und am Anfang stand das Experiment der angewandten Kunst. Der junge Schostakowitsch erprobte als Stummfilmpianist, wie Musik funktioniert, wie sie ankommt. Diese Arbeit im Halbdunkel des Kinosaals prägte seine reaktionsschnelle Professionalität.

Bezeichnenderweise ist ein gutes Drittel seines Werks Filmmusik. Der daraus geschöpfte populäre Ton verdankt sich einem aktuellen Medium. Die damit assoziierte Musik ist treffsicher und im wahrsten Sinne des Wortes hintergründig.

TV-Dokumentation: Nahaufnahme Schostakowitsch

Der Film von Oliver Becker und Katharina Bruner (Koproduktion mit dem SWR) zeigt viele schwarz-weiße Originalaufnahmen, die abwechselnd durch Interviewsequenzen mit Kurt Sanderling, Maxim Schostakowitsch, Irina Schostakowitsch, Galina Schostakowitsch, Tichon Chrennikow und Solomon Wolkow ein Portrait des russischen Komponisten zeichnen.

Schostakowitsch multimedial: Konzertvideos, Einsteiger-Tipps, Radio-Serie

Konzertvideo
Schostakowitschs Siebte mit Teodor Currentzis und dem SWR Symphonieorchester

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Konzertvideo
Schostakowitschs Fünfte mit Pablo Heras-Casado und dem SWR Symphonieorchester

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Szymanski vermittelt: Schostakowitschs "Leningrader" Sinfonie

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Musik nur, wenn sie traurig ist: Schostakowitsch-Tipps von Musikredakteur Reinhard Ermen

Dauer

Was für ein Mensch war Dmitrij Schostakowitsch? Wie war seine Beziehung zu Stalin und dem sowjetischen Staat? Warum sind seine Werke so populär? Welches Werk eignet sich gut als Einstieg in die Musik des russischen Komponisten? Musikredakteur Reinhard Ermen bringt uns diesen gleichermaßen genialen wie gequälten Künstler näher.

Radio-Serie: Momente im Leben Schostakowitschs
5 Folgen à ca. 3 Min. in SWR2

Folge 1Wie der junge Schostakowitsch zur Musik fandHören
Folge 2Schostakowitschs Weg zur OperHören
Folge 3In Stalins UngnadenHören
Folge 4Die "Leningrader" – Musik gegen die ZerstörungHören
Folge 5D-S-C-H – ein musikalisches DenkmalHören
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