Residenzkünstler der Schwetzinger SWR Festspiele 2019 Jean-Guihen Queyras: Neugier braucht Freiheit

Der Cellist Jean-Guihen Queyras zwischen Boulez, Bach und Folklore.

Jean-Guihen Queyras (Foto: Francois Sechet -)
Cellist Jean-Guihen Queyras Francois Sechet -


Auf Neuland trifft man das Violoncello eher selten an. Anders als, beispielsweise, Klarinette, Saxophon oder Schlagzeug gehört dieses Instrument nicht zu den jungen Pionieren, schon aus historischen Gründen. Das Cello ist eines der ältesten und zuverlässigsten Alleskönner, seit rund 600 Jahren hat es nur marginale Veränderungen durchgemacht, einen Stachel bekommen, die Saiten gewechselt. Lange war es in der Streicherfamilie zuständig für Fundament und Continuo. Dank Johann Sebastian Bach musste es lernen, als Melodieinstrument polyphon mit sich selbst zu singen. Aber erst im romantischen 19. Jahrhundert fand das Violoncello dann zu solistischer Brillanz, in zahlreichen hochvirtuosen Solokonzerten, und zu einer großen emotionalen, ja, sogar sentimentalen Gesangskarriere, die sich fortsetzte im 20. Jahrhundert in Jazz- und Popauftritten, bei Udo Lindenberg und Metallica.

Letzteres erklärt vielleicht, warum es nur so wenig bahnbrechende Schlüsselwerke der Moderne für das Violoncello gibt. Helmut Lachenmanns Pression von 1970 gehört dazu, und unbedingt Bernd Alois Zimmermanns Solosonate von 1960. Man sollte aber auch bereits Debussys Cellosonate von 1915 dazu rechnen sowie das zweite Cellokonzert von Dmitri Schostakowitsch von 1966 und das im selben Jahr entstandene Konzert für Violoncello und Orchester von György Ligeti, eine Klangskulptur, die aus einem einzigen Celloton heraus entsteht, einem eingestrichenen e, "unhörbar, wie aus dem Nichts kommend". Uraufgeführt und ersteingespielt wurde dieses Werk von seinem Widmungsträger Siegfried Palm. Die plattenpreisgekrönte Referenzaufnahme dazu entstand freilich erst viel später, 1992, im Pariser IRCAM, mit Pierre Boulez und einem jungen Solocellisten aus dem Ensemble intercontemporain: Jean-Guihen Queyras.

Queyras, geboren 1967 in Montreal, aufgewachsen erst in Algier, dann "jottwede" auf dem Lande, in der südfranzösischen Provence, war mit 23 Jahren zu dem von Boulez gegründeten Ensemble in Paris gestoßen. Er hatte erst im Alter von neun Jahren mit dem Cellospiel begonnen. Zunächst per Fernstudium, autodidaktisch, lernte er alsbald am Konversatorium in Lyon bei Reine Flachot, danach an der Freiburger Musikhochschule und ab 1987 an der Juilliard School in New York. Sein Examen legte er ab bei Timothy Eddy am Mannes College, das Ensemble intercontemporain war seine erste Festanstellung. Knapp zehn Jahre gehörte er dazu, man kann sie die "Gesellenjahre" von Queyras nennen, denn sie haben Weichen gestellt, was seinen Umgang mit Kollegen und mit dem zeitgenössischen Repertoire anbelangt, aber auch in Bezug auf das Ethos einer streng aus der Analyse des jeweiligen Werkes entwickelten, quasi objektiv »richtigen« Interpretation, wie Boulez es exemplarisch vertrat. Boulez hatte seinen Cello-Schützling freilich auch organisatorisch unter die Fittiche genommen, er förderte ihn, ermöglichte Ausflüge, Aufträge und Preise, dergestalt, dass die machtgeschützte Sicherheit des Ensemblespiels zum Sprungbrett werden konnte für eine internationale Solokarriere.

Nach Vorbildern befragt, setzte Queyras noch Jahre später Pierre Boulez an die erste Stelle, noch vor seinen beiden anderen musikalisch so unterschiedlichen Idolen, den Cellogroßmeistern Mstislaw Rostropowitsch oder Yo-Yo Ma, mit denen er jeweils in Meisterkursen gearbeitet hatte: "Boulez ist absolut eine Schlüsselfigur meines Lebens. Mit ihm fing ich praktisch als professioneller Musiker an. Er hat mich auf allen Ebenen geprägt. Die Klarheit, die Transparenz war ihm sehr wichtig. Ich lernte, Emotionen niemals als Pose darzustellen oder hinauszuposaunen, sondern verinnerlicht darzubieten. Das finde ich sehr wichtig für einen Interpreten!" Und so gibt es Queyras weiter auch an seine eigenen Schüler in Freiburg, wo er inzwischen seit Jahren eine Professur inne hat. Gleichwohl wäre es falsch, ihn als einen waschechten Boulezianer abzuheften. Von seinen ersten Anfängen an legte er, nicht zuletzt dank seiner unkonventionellen familiären Umgebung, Lust an Abenteuern an den Tag, Mut zu Widersprüchen. Seine erste Liebe gehörte dem eleganten, lyrischen Cellokonzert von Saint-Saëns. Seine zweite dem einzigen Cellokonzert von Henri Dutilleux: "Von meiner Lehrerin Reine Flachot habe ich eine goldene Regel gelernt: Man muss nicht unbedingt Pausen einlegen. Aber man muss für Abwechslung sorgen. Dadurch ergeben sich immer neue Ideen und Verknüpfungen. Aber es gibt Grenzen. Ich höre gern Jazz, aber ich weiß, ich werde nicht die Zeit haben, die ich bräuchte, um mich zu trauen, Jazz zu spielen.

"Man muss für Abwechslung sorgen."

Jean-Guihen Queyras hat sich früh und schnell einen festen Platz an der Spitze der internationalen Cellisten-Elite erspielt, er konnte es sich alsbald leisten, seine Projekte selbst auszusuchen. Das ist nicht selbstverständlich. Es gab damals schon, in den Neunzigern, sehr viele sehr gute junge Cellisten, die genau das erreichen wollten: als Solist von der Musik leben. Was also war und ist das Geheimnis von Queyras, diesem beraus freundlichen, jungenhaften Mann ohne Unique Selling Point? Queyras ließ sich in keine Schublade stecken. Er entwickelte seinen eigenen, unverwechselbaren Stil. Spielte mit Stahl- oder mit Darmsaiten, je nach Werk. Widmete sich alter und neuer Musik aus dem klassischen, romantischen, barocken oder zeitgenössischen Bezirk mit der nämlichen Ausdrucksintensität und technischen Perfektion, spielt große, beliebte Solokonzerte mit konventionellen Orchestern oder aber intime, unbekanntere Kammermusiken mit speziellen Freunden, stürzte sich in Cross-Over-Experimente. Die französische Kritik fand das zunächst eklektisch, seine deutsche Agentur spricht lieber diplomatisch von "Vielfältigkeit" – Jean-Guihen Queyras selbst indes von Neugierde und von Freiheit. "Ich war immer schon neugierig," sagt er, mit einem Lächeln hinzufügend: "… und ein Gourmand." Humor hat er nämlich außerdem auch noch.

Jean-Guihen Queyras (Foto: Francois Sechet -)
Jean-Guihen Queyras Francois Sechet -


Letzten Endes hat sich Queyras durchgesetzt mit einem altmodischen Rezept: Er vermeidet Routine. Was immer er spielt und mit wem immer er auftritt – er liefert stets sein Bestes ab, in konsequenter Soll-Übererfüllung. Das Publikum merkt sich so etwas. Wer einmal eine Sternstunde mit Queyras erlebt hat, kommt wieder. 2002 gründete er, gemeinsam mit Gleichgesinnten, das Arcanto-Quartett: Antje Weithaas und Daniel Sepec gehören dazu, außerdem die Bratscherin Tabea Zimmermann. Vier Solisten, die sich sechsmal jährlich projektweise treffen, können niemals mit einer professionellen Quartettformation konkurrieren, warum also? "Ich könnte mir nicht vorstellen, einfach an diesem Repertoire vorbeizugehen," sagt Queyras: "95 Prozent der Komponisten haben ihr Bestes in dieser Gattung geschrieben."

Seit vielen Jahren verschwindet Queyras im Juli, mitten in der Festspielzeit, plötzlich von der Bildfläche, weil er sich daheim bei seinen Eltern, im provenzalischen Forcalquier, ein kleines Kammermusikfest leistet, ein Familienunternehmen, gegründet gemeinsam mit dem professionell geigespielenden Bruder und den beiden dito cellospielenden Ehefrauen – sowie illustren Gästen. In diesem Sommer war der Komponist Tristan Murail zu Gast, außerdem der Pianist Kristian Bezuidenhout. Eines der erfolgreichsten Cross-Overprojekte, die Queyras bislang realisiert hat, ist die Tanztheaterproduktion, die er gemeinsam mit der Tänzerin Anne Teresa De Keersmaeker für die Ruhrtriennale erarbeitete: Mitten wir im Leben sind, nach den Bachschen Solosuiten. Dabei folgte nicht nur, wie es üblich ist, die Choreographie schnurgerade den Bewegungsabläufen der Musik, auch umgekehrt reagiert das Spiel des Cellisten unmittelbar auf die Ausdrucksmuster der Tänzer – was der mathematischen Strenge des Entwurfes wiederum einen improvisatorischen Impuls entgegensetzt. Einen völlig anderen Weg geht er in den gebauten Improvisationen der Thrace – Sunday Morning Sessions mit den Chémirani-Brüdern und dem Lira-Spieler Sokratis Sinopoulos, die, wie er, in der Haute-Provence aufgewachsen sind: wundersame Tänze und Balladen, basierend auf arabischen und nordafrikanischen Traditionals, gekreuzt mit westlicher Avantgarde, der Celloklang schwärmt aus, er ist auf Neuland unterwegs, mikrotonal vagabundierend. Dafür steht die Kunst des Cellisten Jean-Guihen Queyras: Dass zwischen Bach und Boulez, zwischen Lutosławski und Folklore noch unendlich viel Neues zu entdecken ist.

von Eleonore Büning

STAND