Zemira e Azor

Zwischen Komödie und Drama. Das künstlerische Team im Gespräch

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Am 26. Mai 2023 wird »Zemira e Azor« im Rokokotheater Schwetzingen nach 247 Jahren wiederaufgeführt. Mit der Akademie für Alte Musik Berlin und ihrem Musikalischen Leiter Bernhard Forck wird ein auf die Musik vor 1800 spezialisiertes Ensemble dieses ungewöhnliche Werk musikalisch ausgestalten; das Sängerensemble der Mannheimer Oper knüpft darüber hinaus an die Aufführungstradition der historischen Mannheimer Hofoper an. Der Regisseur und Bühnenbildner Nigel Lowery wird das »Feenmärchen«, wie der Komponist selbst das Werk nannte, in eine Phantasiewelt tauchen. Wie, darüber sprach der Dramaturg Xavier Zuber mit Bernhard Forck und Nigel Lowery.


Was hat Euch am Stück als erstes berührt?

Nigel Lowery: Zemira e Azor ist die erste Fassung des Stoffes von der Schönen und dem Biest. Die Oper konzentriert sich dabei nicht auf das Biest als Monster (der Librettist war sehr erpicht darauf, dass das Kostüm des Sängers nicht zu extrem ausfiel), die Charaktere sind für den Komponisten Grétry vielmehr Träger unterschiedlicher Gefühle.

Bernhard Forck: Obwohl die Oper damals unglaublich erfolgreich war und in ganz Europa gespielt wurde, kannte ich bis jetzt nur die Ouvertüre und einige Arien der Zemira. Beim ersten Lesen der Partitur fiel mir sehr positiv auf, dass es neben den Arien – alle übrigens ohne »Da capi«, also ohne Wiederholungen – viele besonders schöne Ensemblestücke gibt.

Welches sind denn die Höhepunkte der Oper?

NL Die Geschichte der zwei Hauptfiguren Azor und Zemira, des verwunschenen Prinzen und der Kaufmannstochter: Auf einer Seite haben wir den einsamen Konflikt eines stets geliebt werden wollenden Prinzen, der auf eine erlösende Liebe hofft; auf der anderen die romantisch anmutende Heldengeschichte eines Mädchens, das auszieht, um Familie und Prinz zu retten. Da ist auch die Figur Sanders, des Vaters von Zemira, der diese verhängnisvolle Dreiecksgeschichte herbeiführt, indem er Azor eine Rose raubt, und so Zemira zu ihm führt.

BF Das ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich wird sich das erst in der Probenarbeit wirklich herausstellen. Besonders ist aber schon eine Szene im 3. Akt, in der Azor, dem Wunsch Zemiras folgend, ihre Familie noch einmal sehen zu dürfen, diese in einem magischen Bild auf der Bühne erscheinen lässt. Dazu gibt es Bühnenmusik, von Holzbläsern gespielt. Die nur hier eingesetzten Klarinetten – damals noch sehr neue Instrumente – geben dieser Szene eine ganz besondere Farbe.

Wie würdet ihr die Musik beschreiben?

NL Sehr rein und durchsichtig im galanten Stil des Rokoko, sie lässt durch ihre Farben der Gefühle der Hauptfiguren klar erkennbar werden. Übrigens spielen wir die Oper in italienischer Sprache. Ein großer Teil der in Mannheim gespielten Musik stammt von Mattia Verazi und Ignaz Holzbauer, die die ursprünglichen französischen Dialoge ins Italienische übertrugen und diese vom Orchester begleiten ließen. Diese Rezitative lassen die Sprache expressiver werden, so dass die Figuren recht exzentrisch wirken.

BF Ja, es ist eine Comédie-ballet, also eigentlich eine komische Oper. Die Musik ist voller Leichtigkeit und Witz, hat aber auch sehr berührende Momente. Die Einfachheit und Schönheit der Melodie ist wichtiger als komplizierte Harmonik. In manchen Momenten erinnert sie mich schon an die Opern Rossinis.

Was für Instrumente benutzt das Orchester?

BF Das Orchester war damals nicht sehr groß besetzt. Neben den Streichern gibt es einen fast schon klassischen Holzbläsersatz, allerdings ohne Klarinetten. Denen ist der bereits erwähnte, zwar kurze, aber dafür sehr besondere Moment als Bühnenmusik vorbehalten. Auf Pauken und Trompeten wird in diesem Stück ganz verzichtet.

NL Die Musik ist von 1771 und ich finde es sehr reizvoll, die Instrumentierung aus der Entstehungszeit zu nutzen. Ursprünglich war das französische Original Zémire et Azor sehr erfolgreich – sogar die russische Kaiserin Katharina die Große nannte ihren Hund nach Zémire. Aber Grétry nutzte auch die Neuerungen der italienischen Oper. Das ist für mich von großem Interesse, insbesondere in den Kontrasten zwischen Komödie und Drama.

Welche Bedeutung kommt dem Text zu?

BF Für Grétry waren die Sprache und die Verständlichkeit des Textes von besonderer Bedeutung. Wir spielen das Stück ja in der Mannheimer Fassung, also in italienischer Sprache. Es ist also sehr spannend zu sehen, wie Ignaz Holzbauer die ursprünglich für die französische Sprache komponierte Musik der italienischen Sprache anpasst und dafür viele kleine, manchmal kaum bemerkbare Veränderungen in der Partitur vornimmt. Die ursprünglich gesprochenen Dialoge hat er in gesungene Rezitative umgewandelt.

NL Im Text werden Gefühle beschrieben. Die italienische Übersetzung folgt frei dem französischen Text und verlegt zum Beispiel die Arie Sanders vom 1. in den 2. Akt mit einem anderen Text. Diese Umstellung mit den neuen Rezitativen und »accompagnati« verteilt die Bedeutung und Gewichtung der Charaktere neu, so wie bei den beiden Schwestern von Zemira, die beide zusätzliche Arien erhielten, obwohl sie zuvor keine einzige Solonummer zu singen hatten. Ihre Texte passen dort auch nicht hin, was die Übersetzer und Arrangeure nicht gekümmert zu haben scheint.

Titelblatt des Librettos zur Mannheimer Fassung, aus Mattia Verazi: Zemira, e Azor, Mannheim 1776 (Foto: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel)
Titelblatt des Librettos zur Mannheimer Fassung, 1776 Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel

Ist diese Oper eine Komödie oder ein Drama?

BF Es ist eine Märchenoper, voller Zauber und dem Wunsch nach Verwandlung. Die Musik kann durchaus ernst sein, sie ist aber selten schwer. Wenn ich einen Vergleich heranziehen sollte, dann sehe ich durchaus eine Verwandtschaft zu Mozarts Zauberflöte.

NL Diese Oper ist ein Hybrid! Obwohl sie vor der Zauberflöte geschrieben wurde, kann man die beiden Werke durchaus miteinander vergleichen: Beide kann man als Singspiel bezeichnen mit noblen Figuren und magischen Momenten, aber auch komischen Figuren und absurden Situationen, die der Ernsthaftigkeit etwas Unterhaltsames entgegenstellen.

Aufführungstermine

Komische Oper Zemira e Azor

Komische Oper von André-Ernest-Modeste Grétry (Musik) und Jean-François Marmontel (Libretto); Fassung mit Musik von Niccolò Jommelli und Ignaz Holzbauer

Komische Oper Zemira e Azor

Komische Oper von André-Ernest-Modeste Grétry (Musik) und Jean-François Marmontel (Libretto); Fassung mit Musik von Niccolò Jommelli und Ignaz Holzbauer

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