Sagen wir es frei heraus …

Liselotte von der Pfalz und das Leben am Hof des Sonnenkönigs

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AUTOR/IN
Kai Weßler

Sie zählt zu den ungewöhnlichsten Frauenfiguren der Barockzeit: Liselotte von der Pfalz (1652–1722) lebte als Schwägerin des »Sonnenkönigs« Ludwig XIV. am Hof von Versailles und zeichnete in ihren unzähligen Briefen ein lebhaftes Bild dieser Epoche. Im Programm »Tweets aus Versailles« liest die Schauspielerin Franziska Troegner aus diesen Briefen, das Barockensemble lautten compagney Berlin mit seinem Musikalischen Leiter Wolfgang Katschner spielt französische Musik dieser Zeit. Wir haben die Prinzessin, die bekannt ist für ihre offenen Worte, zu einem (fiktiven) Interview getroffen.

Liselotte von der Pfalz, da wir es hier selten mit gekrönten Häuptern zu tun haben: Wie dürfen wir Sie ansprechen?

Ich bin eine geborene Prinzessin von der Pfalz und wurde nach meiner Heirat mit dem Bruder des Sonnenkönigs Ludwig XIV. zur Herzogin von Orléans. Da müssten Sie eigentlich »Euer Durchlaucht« zu mir sagen. Aber mein Ruftitel am Hof von Versailles war »Madame«. Und dabei können wir es auch gerne lassen.

Sie waren 19 Jahre alt, als Sie nach Frankreich gekommen sind. War es Ihr Wunsch, den Bruder des damals mächtigsten Königs Europas zu heiraten?

Sagen wir es ganz offen: Mein Vater hat mich verkauft! Alle Fürsten in dieser Zeit haben mit Hochzeiten Politik gemacht, und wir Prinzessinnen waren die beliebteste Ware. Mein Vater war Kurfürst von der Pfalz und dachte, dass er durch meine Heirat den Frieden mit Frankreich sichert. Aber das war ein bitterer Irrtum, wie Sie an der Ruine des Schlosses in Heidelberg, wo ich geboren wurde, sehen können. Nein, gefragt hat mich niemand, und als ich aus Heidelberg nach Versailles gefahren bin, habe ich von Straßburg an nichts anderes getan als geweint.

Ihr Mann, der Herzog von Orléans, war zehn Jahre älter als Sie und bereits einmal verheiratet. Waren Sie glücklich zusammen?

Ganz am Ende hatten wir uns wohl arrangiert. Aber wissen Sie – Monsieur und ich waren völlig verschieden:

Ich war lebhaft, wild, mein Mann war eher geziert; ich ging gern auf die Jagd und in die Natur, mein Mann liebte mehr das Tanzen und das Glücksspiel sowie alle Arten von Schmuck und Spezereien. Also alles, was die Damen lieben, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Madame, das müssten Sie näher erläutern.

Sagen wir es frei heraus: Mein Mann war mehr an jungen Buben interessiert als an seiner Frau! Das hätte mich gar nicht so sehr gestört, wenn er seinen Gespielen nicht unser ganzes Geld hinterhergeworfen hätte. Alles Silberzeug, also meine Mitgift, hat Monsieur einschmelzen lassen und verkauft und alles den Buben gegeben. Als Monsieur gestorben ist, war ich völlig mittellos und musste von des Königs Gnaden leben.

Aber Sie haben doch trotzdem Kinder bekommen, oder?

Ja was denken denn Sie, dafür waren wir adeligen Fräuleins ja da! Ich habe mit Monsieur drei Kinder bekommen, von denen mein Sohn Philippe nach dem Tod des Königs Regent von Frankreich geworden ist, und meine Tochter Elisabeth Charlotte hat den Herzog von Lothringen geheiratet. Nur unser ältester Sohn Alexandre ist mit kaum drei Jahren als Kind verstorben. Monsieur hat also alle seine königlichen Pflichten wohl erfüllt. Aber wenn man Jungfrau wieder werden könnte, nachdem man in 19 Jahren nicht bei seinem Mann geschlafen hat, so war ich es gar gewiss wieder.

Ein Leben am Hofe von Versailles, das klingt ja aus heutiger Sicht extrem luxuriös. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Ich habe mehr als 50 Jahre in Versailles gelebt, und hier gilt das alte Sprichwort: Es ist nicht alles Gold, was glänzt! Natürlich ging es dort ungeheuer prunkvoll zu, vor allem in den ersten Jahren, als unser großer König noch jung war. Aber wissen Sie, das Hofleben lässt einen die Menschen besser kennen, und man wird aller Bosheit und Falschheit gewahr. Das verleidet alle Lust – und macht einen die Einsamkeit lieben.

Und wie war Ihr Verhältnis zu König Ludwig XIV.?

Unser großer König war einer der schönsten und höflichsten Männer unserer Zeit! Er war hochgewachsen und mit ausdrucksvollen Augen, ganz anders als Monsieur. Als ich jung an den Hof gekommen bin, war ich oft mit ihm auf der Jagd und bin neben ihm geritten. Aber in der Mitte seines Lebens hat er sich plötzlich eingebildet, fromm zu sein, nur weil er aufgehört hat, bei jungen Mädchen zu liegen. Diese Frömmelei hat allen Menschen die Laune verdorben und dafür gesorgt, dass der Hof zu einem der langweiligsten Orte auf der Erde geworden ist.

Man sagt ja, Sie seien lange beim König in Ungnade gewesen, weil es zwischen Ihnen und der Mätresse des Königs, der Madame de Maintenon, immer wieder zu Streit gekommen ist.

Ich habe über diese alte Zott oft in meinen Briefen geschrieben, und da des Königs Spione alle meine Briefe gelesen und dem König hinterbrachten, habe ich für manches offene Wort bitter bezahlt. Genug davon, wir haben uns nach Monsieurs Tod wieder versöhnt. Ich kann zu dieser alten Zott nur ein altes Sprichwort sagen: Wo der Teufel nicht hinkommt, da schickt er ein alt Weib. Reden wir von etwas anderem!

Hätten Sie selbst denn gern mehr Einfluss gehabt?

Ich versichere Ihnen, dass ich nichts weniger wünschte, als Königin zu sein. Je höher man ist, je gezwungener muss man leben, und wäre meine Position als Schwägerin des Königs ein Posten, den man verkaufen könnte, so hätte ich ihn längst weggegeben.

Aber Sie haben sich ja sehr gut abgelenkt, indem Sie viele, sehr viele Briefe geschrieben haben. Wer waren Ihre Briefpartner?

Meine wichtigste Brieffreundin war meine Tante Sophie von Hannover, die kurz vor ihrem Tod beinahe Königin von England geworden wäre. Außerdem die Raugräfin Louise, meine Tochter in Lothringen, die beiden Königinnen von Sizilien und die von Spanien sowie meine Verwandten in Deutschland. Aber ich habe auch mit Gelehrten geschrieben, mit Leibniz zum Beispiel, der ja bei meiner Tante am Hof beschäftigt war. Die Kunst, viel in wenigen Worten zu sagen, habe ich nie beherrscht. Darum mache ich auch so lange Briefe.

Brief der Liselotte an die befreundete Hofdame Madame de Ludres (Foto: Universitätsbibliothek Heidelberg/Heid.Hs. 3903,31 )
Brief der Liselotte an die befreundete Hofdame Madame de Ludres Universitätsbibliothek Heidelberg/Heid.Hs. 3903,31

In Ihren Briefen wettern Sie immer wieder gegen die Ärzte Ihrer Zeit. Was war der Grund dafür?

Ich habe mit meinem deutschen Dickschädel immer darauf bestanden, dass man sich bei einer Grippe lieber ins Bett packt, als sich in die Hände der Ärzte zu begeben. Wissen Sie, die Herren Doktores aus Paris wussten nichts anderes zu verordnen als Aderlässe und Klistiere. Zum Beispiel hatte unsere Königin ein Geschwür unter ihrem Arm. Anstatt es nach außen zu ziehen, hat der Arzt sie zur Ader gelassen. Nach dem Aderlass gab er ihr noch eine große Portion Brechmittel, bei dieser Behandlung ist die arme Königin ins Jenseits übergegangen. Ich könnte Ihnen da allerhand Geschichten erzählen.

Sie waren für eine Frau Ihrer Zeit ungewöhnlich belesen, haben eine große Bibliothek besessen. Was waren Ihre Interessen?

Ich hatte eine beträchtliche Sammlung an Büchern, auch Münzen und Preziosen, und war an Astronomie ebenso interessiert wie an Philosophie. Nur mit der Politik habe ich mich nie befasst. Aus meiner protestantischen Heimat hatte ich die Gewohnheit übernommen, recht viel in der Bibel zu lesen, obwohl das von unseren katholischen Geistlichen gar nicht gern gesehen wurde.

Und wie war Ihr Verhältnis zur Musik?

Musik gab es überall am Hof des Sonnenkönigs, und natürlich habe ich sie geliebt!

Schon wenn morgens unser König feierlich aufgestanden ist, wurden die Symphonies unseres wunderbaren Jean-Baptiste Lully gespielt; Musik erklang zum Essen, beim Kartenspiel, natürlich bei den Bällen und in der Kirche. In meiner Jugend waren mir die Hörner bei der Jagd am liebsten, und später bin ich mit viel Vergnügen in die Oper gegangen, wo die Werke von Lully gespielt wurden.

Haben Sie auch selbst ein Instrument gespielt?

Natürlich, das war bei uns Prinzessinnen selbstverständlich! Ich habe die Gitarre gespielt, aber unter uns: Ich war mit diesem Instrument nicht eben sehr geschickt. Mein Sohn hat sehr vortrefflich auf der Flöte gespielt und viel Freude daran gehabt. Sein Lehrer war Marc-Antoine Charpentier, der nach dem Tod des großen Lully sehr in Mode gekommen ist. Aber auch Marin Marais auf der Gambe oder Robert de Visée für die Laute haben uns unvergleichliche Musik geschenkt. Die größte Musik für den größten König, das war es, was Versailles so besonders gemacht hat!

Madame, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Lesung mit Franziska Troegner Tweets aus Versailles

Eine deutsche Prinzessin am Hof des Sonnenkönigs

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Kai Weßler