Isabelle Faust (Foto: Felix Broede)

Residenzkünstlerin

Dem Lärm der Welt entgehen

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Die Geigerin Isabelle Faust und ihre Suche nach der verlorenen Stille

Ihr geht es um nichts anderes als um die Essenz der Musik. Geradlinig und ohne jedes Brimborium hat sie sich den Weg an die Weltspitze der Geigenszene gebahnt. Und noch heute, wo sie eine der gefragtesten Geigerinnen ihrer Zeit ist, liegt es ihr denkbar fern, viel Aufhebens um die eigene Person zu machen. "Schwetzingen ist ein Stück Heimat für mich", sagt die im schwäbischen Gerlingen aufgewachsene Isabelle Faust zwar mit Blick auf ihre Kindheitserinnerungen an den wunderbaren, weitläufigen Park, den sie mit ihrer Familie oft besuchte.

Schwetzingen ist ein Stück Heimat für mich

Doch schnell geht es in unserem Gespräch um ihre eigentliche Heimat, von der sie weitaus lieber spricht: die Musik. Es ist das Reich, in dem Isabelle Faust mit untrüglichem Gespür für das Kostbare und Wesentliche den Dingen auf den Grund geht. Wer in diesem Reich hingebungsvoll Suchende und glücklich Findende ist wie sie, kennt wohl keinen Drang nach Selbstdarstellung. Fast symptomatisch ist es, dass Isabelle Faust auf einen eigenen Internet-Auftritt verzichtet. Sie kommt auch ohne Aushängeschilder und multimediale Dauerpräsenz aus, und fast scheint es, als würde dieses konsequente Vermeiden trivialer Posen ihre Sinne schärfen für die Nuancen und Zwischentöne, für die Farben und die feinsten Fasern der Musik. Sie ist so frei, sich auf die Essenz der Musik konzentrieren zu können. „Ich finde, es wird heutzutage sehr viel auf Kontraste und auf Mitreißendes gesetzt“, sagt sie unumwunden. "Und das, was dem Zuhörer als ein In-sich-hinein-Hören abverlangt wird, wird von den meisten Interpreten nicht an erster Stelle gemocht und nur selten gesucht. Ich denke aber, dass das genaue, intensive Hinhören auf die Musik etwas ist, was den Menschen sensibilisieren und in seiner ganzen Persönlichkeit prägen kann. Es ist ja etwas, was wir auch in unserer Gesellschaft brauchen können: Anderen Leuten zuzuhören, sich anderen Nuancen, anderen Kulturen, anderen Gedanken zu öffnen. Ich bemerke, dass die Gesellschaft sich individualisiert und Schwierigkeiten hat, miteinander zu kommunizieren. Und ich glaube, dass das Zuhören und das Raum-Lassen, das Gelten-Lassen der Stille eine positive Auswirkung hat auf unser Miteinander."

Das Zuhören und das Raum-Lassen, das Gelten-Lassen der Stille hat eine positive Auswirkung auf unser Miteinander.

Mit ihrer unprätentiösen Haltung, hellhörig und reflektiert zum Kern der Werke vorzustoßen, hat Isabelle Faust als Interpretin eines beeindruckend weitgespannten Repertoires seit Jahren anhaltenden Erfolg. Ihre Konzerte sind zumeist schnell ausverkauft, hochgelobt und preisgekrönt sind ihre in schöner Regelmäßigkeit erscheinenden CD-Produktionen beim französischen Label "Harmonia Mundi". Und schon beinahe legendär sind die Klarheit und die Klugheit, zugleich die unerhörte Frische, mit der Isabelle Faust den komplexen Kosmos der Solosonaten und Partiten Johann Sebastian Bachs zu entfalten weiß und dabei ihr Publikum in Bann zieht.

Selbstverständlich hat sie auch nach Schwetzingen Bach mitgebracht – "Bach ist einfach omnipräsent bei mir und wird es hoffentlich auch immer bleiben" –, diesmal jedoch nicht als Monolithen, sondern in geselliger Partnerschaft mit zwei Geigen-Stars seiner Zeit, Johann Paul von Westhoff und Ignaz Franz Biber: "Die Westhoff-Sonaten sind heute seltsamerweise nicht sehr bekannt", meint Faust und fängt zu schwärmen an: "Das sind unglaublich tolle Stücke, voll von Phantasie und geigerisch so interessant gemacht, wie das selten in dieser Zeit zu finden ist! Diese und auch die feurigen Sonaten Bibers ergänzen sich schön mit den Bach-Sonaten, die doch so ganz anders wirken und viel mehr im Innern bleiben. Bei Bach muss sich der Zuhörer bemühen, hineinzukriechen in die Werke, um dann einen riesigen Garten an Ausdrucksgröße zu finden." Ihr Publikum zu dieser besonderen Art des Zuhörens zu stimulieren, darum geht es Faust in diesem Konzert unverkennbar. Sie wird dafür von ihrer „Dornröschen“-Stradivari auf eine Barockgeige von Jakob Stainer umsteigen und zudem mit Kristian Bezuidenhout am Cembalo den von ihr bevorzugten Bach-Begleiter an ihrer Seite haben.     

Auch mit dem Pianisten Alexander Melnikov verbindet Isabelle Faust eine lange und intensive künstlerische Partnerschaft. Ein weiterer Glücksfall wird es deshalb sein, Faust und Melnikov in Schwetzingen mit einem reinen Beethoven-Programm zu erleben. Eine kleine Sensation war es vor gut zehn Jahren, als die beiden mit ihrer Gesamtaufnahme der Violinsonaten ein gänzlich neu durchdachtes Beethovenbild entwarfen und seither niemand mehr an diesen Einspielungen vorbeikommt.

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Man höre nur einmal den Beginn der sogenannten "Frühlings-Sonate". Erstaunlich daran ist, wie Faust und Melnikov das vermeintlich Bekannte vollkommen neu deuten und befühlen und an die Stelle geschmeidiger Arabesken in der Geige und dezenter Begleitfiguren im Klavier einen Beginn wie aus einem Guss zaubern: In atemberaubendem Zusammenspiel entsteht eine feingewirkte Textur, in der jeder einzelne Ton zu leben und zu atmen scheint, in den zartesten Farben, geheimnisvoll-verhangen, wie aus einem Traum-Raum kommend – eine verheißungsvolle Ahnung eines fragilen, schier utopischen Frühlings, wie man sie so noch nie vernommen hat. "Wir hatten um die ‚Frühlings-Sonate‘ langezeit einen Bogen gemacht, denn sie ist eines der Werke, von dem man auch mal eine Pause braucht", erinnert sich Isabelle Faust heute. "Und wir hatten dann, als wir uns ihr wieder annäherten, einen sehr frischen Blick auf sie. Wir schauten uns genau an, was der Komponist geschrieben hat und überlegten uns, ob das nicht vielleicht auch anders sein könnte als das, was man so im Ohr hat und wie das die meisten Kollegen traditionellerweise so spielen. Wir beide dachten bei diesem Beginn an etwas ganz Zartes, und unsere Bemühungen um die historische Aufführungspraxis bestätigten diesen Eindruck. Denn tatsächlich deutet hier Vieles, wie überhaupt in Beethovens Violinsonaten, auf eine andere Art von Artikulation und Rhetorik hin als wir das etwa aus den Aufnahmen von Oistrach oder Szeryng kennen. Man kommt mit dieser Kenntnis und diesem Bewusstsein dann schon gar nicht mehr ins Hochromantische!"

Wie hier, so scheut Isabelle Faust auch bei jedem anderen Werk, das sie einstudiert, keine Recherchearbeit, um als Interpretin zum Kern der Dinge vorzustoßen. Sie liest Briefe, studiert Skizzen und hinterfragt beständig eingefleischte Hör- und Spielgewohnheiten, auch die eigenen. Im Falle ihres dritten Schwetzinger Konzertprogramms galt es für Faust freilich auf nochmal ganz andere Weise, in die Musik hineinzuhorchen – und auf sich selbst zu blicken. Denn kein Geringerer als einer der Großmeister der kleinen, zarten musikalischen Formen – der Schweizer Komponist Heinz Holliger – hat ihr drei Solo-Stücke auf den Leib geschrieben. Im Jahr 2014 sind diese Drei kleine Szenen auf Wunsch von Isabelle Faust entstanden, und für die Geigerin sind es »wahre Perlen, die auf ganz besonders intime Weise von der Seele des Komponisten, von seinen subtilsten Gedanken und Wahrnehmungen, vom Sinnieren und Fantasieren erzählen«. Und sie erzählen ganz gewiss auch von der Eigenart ihrer Widmungsträgerin, wenn im ersten Stück die Geigerin zu expressiven Doppelgriff-Arabesken ein leises, inniges Singen anstimmt; während sich im darauffolgenden Stück eine Bühne zu öffnen scheint und sich die Musik mit einem Mal ganz theatralisch gebärdet. Unüberhörbar jedoch ist es eine innere Bühne, die der Komponist aufklappt, um tollkühner Griffbrett-Akrobatik freien Lauf zu lassen: Bei aller Dramatik verbleibt alles im Zurückgenommenen, im Geheimnis. »Geisterklopfen« eben, wie Holliger das Stück treffend bezeichnet hat.

Die drei kleinen Szenen von Holliger sind wahre Perlen, die auf ganz besonders intime Weise von der Seele des Komponisten, von seinen subtilsten Gedanken und Wahrnehmungen, vom Sinnieren und Fantasieren erzählen.

Eingebettet sind diese Holliger-Stücke in ein klug ausbalanciertes musikalisches Spiegelkabinett, in dem sich Solo-Werke des 17. und 18. Jahrhunderts mit Musik weiterer Zeitgenossen (von George Benjamin und des 2005 verstorbenen George Rochberg) in fliegendem Wechsel begegnen. Ob wir ihr, der Musikerin Isabelle Faust, bei solchen Hör-Abenteuern vielleicht am nächsten kommen? Mit Blick aufs genaue Hinhorchen und die Stille, die sich dabei immer wieder einstellt, ganz gewiss, wie sie bekennt: "Ja, ich liebe es, Stille in die Konzerte hineinzubringen – sowohl stille Stücke als auch wirkliche Stille. Es entspricht sicherlich meiner Persönlichkeit, meiner Mentalität und dem, was ich persönlich für mich brauche, dass mir Stille so wichtig ist. Mir wird Stille im täglichen Leben immer wichtiger und immer notwendiger, und es wird gleichzeitig immer schwieriger, dem Lärm der Welt zu entgehen. Ganz banal gesagt: Man kommt ja heute kaum mehr in einen öffentlichen Raum, wo man nicht irgendwie mit Lautsprechern zugedudelt wird. Wenn man mal ein Restaurant findet, in dem es keine Musik gibt, dann ist das schon sehr selten. Das klingt vielleicht komisch aus dem Munde einer Musikerin, aber gerade weil ich mich mit Musik auseinandersetze, sind mir auch die ganz stillen Momente besonders wichtig. Ich mache mich deshalb stark für eine Art von Musik und eine Art des Musikhörens, die in die sensibelsten Nuancen hineinhören kann. Die Stille und auch die Stille im Klang ist mir wichtig, also das, was in einer Note oder in einer Phrase innehalten kann. Und diese Stille, habe ich das Gefühl, wird heutzutage nicht mehr so hochgehalten."

Und so endet unser Gespräch wie es begonnen hat: Mit dem Grundanliegen dieser erstaunlichen Künstlerin, ihrem Ergründen der Essenz der Musik und – was wohl gleichbedeutend ist – ihrer Suche nach der verlorenen Stille. Ob eine Welt der wiedergefundenen Stille, in der Musik erst eigentlich wirken könne, ein Ideal für sie sei? Isabelle Faust denkt kurz nach. "Die Stille als Ideal ist natürlich eine schöne Sache", sagt sie – und fügt dann lächelnd hinzu: „Aber was wahrscheinlich noch ein schöneres Ideal für mich wäre oder ein Wunsch: Dass die Musik und diese Art von Musizieren, die mir wichtig ist, einen kleinen Beitrag dazu leistet, dass die Menschheit zuhören kann.“ In Schwetzingen jedenfalls wird sich Isabelle Faust sicher sein dürfen, mit ihrem Publikum in ein kleines Stück Heimat zurückkehren zu können.

Konzerttermine

Kammermusik Isabelle Faust & Freunde

Isabelle Fausts Bach-Abende bleiben jedem, der sie hörte, im
Gedächtnis.  mehr...

Kammermusik Isabelle Faust solo

Die diesjährige Residenzkünstlerin Isabelle Faust bringt Werke des Barock und der jüngeren Vergangenheit in Dialog zueinander.  mehr...

Kammermusik Isabelle Faust & Alexander Melnikov

»Eine intimere Zwiesprache« als in der Violinsonate op. 96, seiner letzten, »hat Beethoven bis dahin kaum in Tönen geführt« (Harry Goldschmidt)  mehr...

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