Junge mit Periskop (Foto: iStock by Getty Images)

Musiktheater | Uraufführung

Kapitän Nemos Bibliothek

STAND

Jedes Jahr entsteht im Auftrag der Schwetzinger SWR Festspiele eine neue Oper. Heike Hoffmann sprach mit dem Komponisten Johannes Kalitzke kurz vor der Fertigstellung der Partitur.

Handlung: In einem kleinen nordschwedischen Dorf – einer Welt von Armut und bigotter Religiosität – werden 1934 zwei Jungen geboren. Sie wachsen miteinander auf, sind Freunde. Was allen auffällt: Sie sind der Mutter des jeweils anderen wie aus dem Gesicht geschnitten. Schließlich ergibt eine Untersuchung, dass sie bei der Geburt vertauscht worden sind und ein Gericht befindet, dass die beiden "zurückgetauscht" werden müssen. Damit beginnt eine Tragödie, weil sich das "richtige" Leben als das Falsche erweist und in einen Kreislauf von Gewalt und Wahnsinn mündet. Per Olov Enquist erzählt in seinem Roman Kapitän Nemos Bibliothek eine Geschichte von den Grenzerfahrungen des Erinnerns, die gleichermaßen faszinierend wie verstörend ist.

Johannes, Kapitän Nemos Bibliothek ist Deine siebente Arbeit für das Musiktheater. Hast Du eigentlich gezielt nach einem Stoff gesucht oder hat die Lektüre des Romans von Per Olov Enquist die Idee ausgelöst, daraus eine Oper zu machen?

Schon zu Milan Sládek Zeiten in Köln hatte mich die Idee umgetrieben, eine Oper für Figurentheater zu schreiben. Diese Idee ist dann unterschwellig immer dageblieben, und sie ist durch die Vielzahl von hervorragenden Spielern und Compagnien, die sich in den letzten Jahren in diesem Bereich aufgetan hat, wieder aktuell geworden. Nur ganz bestimmte Stoffe lassen Puppen oder Pantomime im Musiktheaterbereich denkbar erscheinen, und nach langer Suche erinnerte ich mich an ein vor langer Zeit gelesenes Buch von Enquist, dessen frühere Werke für mich zu seinen stärksten zählen.

Johannes Kalitzke (Foto: Nafez Rerhuf)
Der Komponist Johannes Kalitzke. Nafez Rerhuf

Welche Aspekte dieses eindrucksvollen Romans haben Dich besonders interessiert? Die Geschichte der vertauschten Kinder ist ja nur die Oberfläche, die darunter liegenden Erzählschichten sind komplex und durchaus uneindeutig ...

Gerade das Uneindeutige, Mythische, das immer wieder durchbricht, stimuliert zur musikalischen Arbeit. Vor allem hat mich fasziniert, dass hier eine Bibliothek in einem U-Boot ein Reich der Phantasie andeutet, das als Rückzugsort dient, wenn das Leben unerträglich wird. Poesie als Reflex auf die lebensfeindliche Unübersichtlichkeit der Welt, das ist eine Thematik, die mir ungemein gegenwartsnah erscheint.

Die Dramaturgin Julia Hochstenbach hat das Kunststück fertiggebracht, aus dem Roman ein Libretto zu erarbeiten, das nicht nur die Geschichte erzählt, sondern vielfältigen Deutungsmöglichkeiten Raum lässt und durch die szenische Struktur gleichzeitig einen Rahmen setzt für die kompositorische Arbeit.

Ja, das ist eine sehr gelungene Arbeit, weil sie die Atmosphäre beibehält und den Bildern, die beim Lesen des Buches im Kopf entstehen, Raum gibt.

Julia Hochstenbach (Foto: Agentur)
Die Dramaturgin Julia Hochstenbach. Agentur

Was auf den ersten Blick nach künstlich überspitzter Konstruktion aussieht, erweist sich im Roman als bewusst akzentuierendes Gerüst für eine scharfe psychologisch-soziale Analyse: Unter den in fernen Zeiten und Sozialverhältnissen angesiedelten Vorgängen legt Enquist Strukturen und Prozesse frei, die für unsere Zeit und Gesellschaft nach wie vor wirksam sind – wenn auch in subtileren Erscheinungsformen – und teilweise sogar an Bedeutung gewinnen. Es geht um Identität, um Wahrheit und Realität, um die zerstörerische Macht von Normen und Konventionen, um Außenseitertum, um das Verhältnis von Einzelnem und Gesellschaft allgemein und um Phantasie und die Bedeutung des Geistig-Schöpferischen für den Menschen.

Dein Wunsch nach einer szenischen Realisierung mit Puppen stand bereits ganz am Anfang unserer Gespräche im Raum. Worin könnte der Mehrwert im Vergleich zu einer herkömmlichen Inszenierung bestehen?  

Grundsätzlich habe ich mich immer für die Unbelebtheit, die starre Mimik von Puppen begeistert. Denn wenn sie richtig geführt werden, erlaubt das dem Zuseher, ihre physiognomische Unbeweglichkeit mit einer eigenen Projektion von Ausdruck "auszufüllen". Das heißt, er gibt selbst etwas hinzu, um die Figuren als lebendig wahrzunehmen. Nach dem Finden des Stoffes war es mir ein Anliegen, dieses Format unbedingt einmal umzusetzen, auch weil ich in jeder Oper eine andere Begegnung mit Medien oder Theaterformen suche. Meine letzte Oper etwa bezieht sich auf einen Film, davor hatte ich eine Mischform von Ballett und Musiktheater entwickelt.

Christoph Werner hat gemeinsam mit seiner Ausstatterin Angela Baumgart ein szenisches Konzept entwickelt, das in einem atmosphärisch dichten "Erinnerungsraum" durch das Neben- und Miteinander von Sängerdarstellern, Puppen und Puppenspielern die Vielschichtigkeit und Ambivalenz des Werkes, der permanente Wechsel zwischen Realität und Traumwelt erfahrbar gemacht werden. Inwiefern korreliert dieses Regiekonzept mit der musikalischen Struktur des Werkes? Es ist ja parallel zur kompositorischen Arbeit entstanden, das heißt der Regisseur konnte sich nicht an einer bereits existierenden Musik orientieren.

Das ist bei Uraufführungen – im Unterschied zum Repertoire – leider meistens so, die Stücke werden ja in der Regel nicht so weit vorher geschrieben und aufgenommen, dass man eine seriöse Vorstellung vom musikalischen Resultat hat und dann in genauer Kenntnis des Werkes inszeniert. Auch mit einer Klavierreduktion zu arbeiten, ist eine einzige Quälerei, schon weil man damit elektronische Klangwelten nicht darstellen kann, und die Soundtracks werden natürlich erst hergestellt, wenn das Stück fertig ist. Andererseits ist es gar nicht falsch, von zwei Seiten zu kommen und sich dann zu nähern, und was ich bisher gesehen habe, ist spannend und kommt meiner Musik sicher entgegen. Christophs Ansatz, reale und Traumwelt gegeneinander zu stellen, entspricht auch dem Prinzip der zwei Welten, das sich auf der musikalischen Ebene herauskristallisiert hat. 

Kapitän Nemos Bibliothek ist eine brutale Geschichte, bei der das Kreatürliche des Menschen uns unvermittelt begegnet und eben das kann die Puppe, wie wir sie verstehen, am besten zeigen. Denn jede Puppe, egal wie sie gestaltet ist, hat etwas Exemplarisches, etwas Kindliches, sie ist immer auch "der Mensch an sich" und das macht sie fürs Theater so tauglich. Dass Puppen und Menschen sich einen Bühnenraum teilen werden, das ist die Herausforderung bei dieser Inszenierung.

In Deiner Komposition scheinen immer wieder Elemente von Bachkantaten auf, oft elektronisch verfremdet ...

Das ist Chiffre für die gesellschaftliche Normierung, den protestantischen Hintergrund dieser Gemeinden, für den ich eine klangliche Einbettung finden wollte. Geplant ist, dass diese Bachsche Kantate (es ist nur eine) erst nur durchschimmert und am Ende fast Besitz von allem ergreift, wobei dabei paradoxerweise deren tröstliche Melancholie am Ende zum Schlüssel des poetischen Ausblicks wird. Das Oratorische zieht sich wie Schatten des Unterbewussten durch das ganze Stück, im Sinne einer Ambivalenz von Heilsversprechen und Bußfertigkeit. Im Vordergrund dagegen die permanente Angespanntheit der Protagonisten als musikalische Traumerzählung, angetrieben durch die Unruhe ihrer inneren Not.

Du hast eine relativ schlanke Besetzung gewählt, kein klassisches Orchester, aber verwendest neben den weitgehend solistisch besetzten Instrumenten Sampler. Welche Funktion haben diese im musikalischen Gesamtzusammenhang?

Elektronik dient mir meistens als Erweiterung instrumentaler und stimmlicher Farben, als Metastasierung der spektralen Eigenschaften von Originalklängen oder -sequenzen in Bereiche hinein, wo Instrumente nicht mehr hinkommen. Das ist – praktisch gesprochen- eine Klangwelt, mit der man Träume oder Visionen besonders gut musikalisch darstellen kann.

Noch ein Wort zu den Sängerdarstellern, die Du mit ausgewählt hast und denen Du die Rollen dann gewissermaßen auf den Leib geschrieben hast …

Mit einigen von ihnen habe ich schon in meinen früheren Opern oder als Dirigent anderer Werke zusammengearbeitet und kenne ihre Stärken, ihre Belastbarkeit und Wendigkeit. Da fühle ich mich dann beim Schreiben recht sicher.

Du wirst die Uraufführung und auch die Folgevorstellungen bei den Bregenzer Festspielen selbst dirigieren. Mit den Musikern des Ensemble Modern bist Du aus vielen Projekten bestens vertraut. Dennoch: Hat das nur Vorteile oder besteht auch die Gefahr, dass der Komponist dem Dirigenten widerspricht, bzw. vice versa?

Autokorrektur gehört zum Handwerk, ich freue mich über jeden Fehler, den ich finde, um ihn zu beseitigen und um alles zu viel, das wieder weg kann. Ich bin immer froh, wenn ich auch etwas ins Ungewisse schreiben kann, das erst mal erprobt werden muss, um sich zu bewähren. Die Seiten, die man an sich selbst noch nicht kennt, halten einen schließlich lebendig. Außerdem muss immer jemand anderes die Abstimmung von Ensemble und Elektronik aus dem Saal heraus bewältigen, weil der Dirigent das an seinem Platz nicht kann. Aber ich würde nichts komponieren, was ich anschließend nicht dirigieren kann …

Über den Komponisten

Vorstellungstermine

Musiktheater | Uraufführung Kapitän Nemos Bibliothek

Oper von Johannes Kalitzke (Musik) und Julia Hochstenbach (Libretto) nach dem gleichnamigen Roman von Per Olov Enquist  mehr...

Musiktheater | Uraufführung Kapitän Nemos Bibliothek

Oper von Johannes Kalitzke (Musik) und Julia Hochstenbach (Libretto) nach dem gleichnamigen Roman von Per Olov Enquist  mehr...

Musiktheater | Uraufführung Kapitän Nemos Bibliothek

Oper von Johannes Kalitzke (Musik) und Julia Hochstenbach (Libretto) nach dem gleichnamigen Roman von Per Olov Enquist  mehr...

STAND
AUTOR/IN