L'Isola d'Alcina (Foto: Elmar Witt)

Oper | Wiederentdeckung

Der bezirzende Mythos von ewiger Jugend

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Nach 250 Jahren kehrt Giuseppe Gazzanigas vergnügliche Oper buffa "L'Isola d'Alcina" wieder auf die Schwetzinger Opernbühne zurück.

Auf seiner langen Irrfahrt durch die Meere strandete Odysseus einst an der Insel Aiaia. (Nach jüngster wissenschaftlicher Erkenntnis handelt es sich dabei um die kleine Vulkaninsel Ustica nördlich von Sizilien, die sich bis heute durch eine besonders reizvolle Beschaffenheit und einige seltene Tierarten auszeichnet.) Dort lebte Kirke, verstoßener Spross eines führenden Clans der Alten Götterwelt: Ihr Vater war der Sonnengott Helios, ihre Schwester die kretische Königin Pasiphaë, ihre Nichte Medea … Ab und an schaute Götterbote Hermes auf der Insel vorbei, um Kirke über den neuesten Familienklatsch auf dem Laufenden zu halten. Gesellschaft leisteten ihr zudem einige junge Nymphen, denn es hatte sich unter verzweifelnden Eltern herumgesprochen, dass ein vorübergehender Pensionsaufenthalt auf Aiaia erzieherisch äußerst wirksam sein konnte. Und immer wieder legten an der Insel durchreisende Schiffe an, deren Besatzung von Kirke (zunächst) gastfreundlich aufgenommen wurde.

Aufgrund ihres kräuterkundigen Wissens und ihrer magischen Kräfte geriet Kirke zunehmend in den Ruf, eine böse Zauberin zu sein. Sie galt nicht nur als unwiderstehlich verführerisch, sondern auch als gnadenlos im Umgang mit Männern. Die meisten ihrer Inselbesucher verwandelte sie in Tiere: manchmal in Löwen oder Wölfe, vorzugsweise aber in Schweine. Einiges spricht allerdings dafür, dass sie zu dieser drastischen Maßnahme erst griff, nachdem sie feststellen musste, dass die meisten ihrer Gäste sich auch wie ebensolche benahmen. Einer der wenigen, die diesem Verwandlungsschicksal entgingen, war Odysseus, denn er war zuvor von Hermes gewarnt worden und hatte sich mit dem Gegenkraut Moly gegen Kirkes Zauberkräfte gewappnet. Nicht zuletzt dadurch konnte er mit ihr eine Liebesbeziehung eingehen: Über ein Jahr verweilte er mit seinen Gefährten (nachdem sie wieder menschliche Gestalt angenommen hatten und sich nun angemessen verhielten) auf Aiaia, zog dann weiter und hinterließ Kirke u. a. den gemeinsamen Sohn Telegonos.

Durch ihre göttliche Abstammung blieb Kirke unsterblich, während die Generationen der Alten Welt nach und nach an ihr vorüberzogen. Sie wurde zur Personifikation von ewiger Jugend und Schönheit, zum Inbegriff einer Hetäre und zum Urbild der gefürchteten "Femme fatale".

Der Mythos bei Ludovico Ariost

Dieser Mythos hat sich in der Kunst nachhaltig niedergeschlagen und wurde durch Ludovico Ariosts epochales Versepos Orlando furioso seit dem frühen 16. Jahrhundert vorzugsweise der Fee Alcina zugeschrieben. Deren Insel lag nun im Indischen Ozean (was exotischer anmutete) und als Schwestern gesellte Ariost ihr die Feen Morgana und Logistilla zu. Morgana hatte in der abendländischen Literatur bereits als Halbschwester von König Artus auf der Insel Avalon eine wichtige Rolle gespielt, als Alcinas Schwester schlägt ihre große Stunde zweihundert Jahre später in Händels Alcina-Oper. Vor allem aber hat sich Fata Morgana bis heute als Sinnbild für Trug und Illusion behauptet. Die gute Fee Logistilla hingegen hat zwar über Ariost hinaus nicht so viele Spuren hinterlassen – dort jedoch ist sie eine wichtige Verbündete im Kampf gegen die bösen Mächte und bewirkt u. a., dass sich ein bedrohliches Zauberschloss "in Rauch und Nebel" aufzulösen vermag.

Bei Ariost ist es nicht mehr Odysseus, sondern ein gewisser Ruggiero, ein Paladin Karls des Großen, der auf die Insel gelangt, und auch nicht per Schiff, sondern auf einem "Wunderpferd mit Schwingen" herbeifliegend. Obgleich er von einem sprechenden Myrtenbaum – kein Geringerer als der englische Königssohn Astolfo – eindringlich gewarnt wird, gerät auch Ruggiero in den Bann der unwiderstehlichen Inselbewohnerin. Nur dank eines Gegenzaubers kann er gerade noch rechtzeitig fliehen, bevor auch er zu Stein oder Pflanze geworden wäre: Ein magischer Ring, den ihm seine Verlobte Bradamante zuspielt, lässt ihn erkennen, dass in der schönen jungen Alcina eigentlich ein hässliches altes Weib steckt …

  Don Pedro Caldéron de la Barca und der antike Mythos

Gut 100 Jahre später wird auch Kirke selbst zur Protagonistin einer Zauberkomödie, in der der spanische Dramatiker Don Pedro Caldéron de la Barca den antiken Mythos mit viel Humor auseinandernimmt und als wichtigste Waffe gegen die Zaubermacht die Liebe setzt: "Über allem Zauber Liebe", erschienen 1637. Hier treffen Odysseus und seine Gefährten (inklusive deren Frauen und Begleiterinnen) auf Kirke und deren (nur noch) zwei Nymphen und es entspinnt sich eine konfliktreiche Liebesbeziehung zwischen Odysseus und Kirke. Kirke wird zum Verhängnis, dass sie den geliebten Odysseus nicht – wie einst bei Homer – selbstlos ziehen lässt. Die Verzweiflung darüber, ihre Liebe verraten und ihre Zaubermacht schwinden zu sehen, gipfelt in autoaggressiver Selbstauflösung: "Kann ich mich nicht rächen an dem Flieh‘nden, kann ich es doch an mir selbst! So sei dieser einst durch magische Kunst gebildete Palast von nun an zu Staub und Asche durch ein einz’ges Wort vernichtet!" Die Zerstörung der Gaukelei, die bei Ariost noch durch Fremdeinwirkung geschah, nimmt die Zauberin nun selbst vor, und zwar gründlich, indem sie gleich die ganze Insel in Trümmer legt. Dass sich daraus umgehend feuerspeiend der Vulkan Ätna erhebt, zeigt, wie fraglos zu Calderóns Zeiten die geographische Nähe von Kirkes Insel zu Sizilien war.

Giuseppe Gazzanigas Oper

In der 1772 uraufgeführten Oper L’Isola d’Alcina von Giuseppe Gazzaniga sind Elemente verschiedener Mythos-Überlieferungen humorvoll mit der Entstehungszeit des Werkes verknüpft: Vier Männer unterschiedlicher europäischer Nationalität (aus Italien, Spanien, Frankreich und England) gelangen auf ein unbekanntes Eiland. Höchst verwundert erfahren sie, dass es sich um die mythische Insel der Alcina handelt und die Inselherrin ihnen trotz ihres zweifellos hohen Alters in Kürze jugendlich schön entgegentreten wird. In Erinnerung an ihre Ariost-Lektüre schwören die vier einander, sich keinesfalls ›bezirzen‹ zu lassen. Ungeschickterweise aber trinken sie kurz darauf aus dem Brunnen des Vergessens, dessen Wasser auch gleich die Erinnerung an ihren Schwur löscht … So nähern sie sich Alcina einer nach dem anderen, doch bei keinem will es so richtig funken und auch Alcina zeigt nicht gerade Entschlossenheit in der Wahl ihres nächsten Liebhabers. Die verfahrene Situation findet ein Ende, als der nachträglich eingetroffene fünfte Mann im Bunde – der gegen alle Reize immune deutsche Baron Brikbrak – Alcina in einer Nacht- und Nebelaktion kurzentschlossen ihren Haarzopf abschneidet. Die Zauberin verliert dadurch ihre Macht und bleibt vor Wut tobend zurück, während die Inselbesucher sich auf und davon machen.

Es ist davon auszugehen, dass der versierte Librettist Giovanni Bertati nicht nur Ariosts Orlando furioso im Kopf hatte, sondern auch die Kirke-Geschichten von Homer und Calderón (und sicher auch noch einige mehr). Es findet sich eine Fülle von Parallelen und Anspielungen, von denen einige hier beispielhaft aufgezeigt seien: Die einstigen Gefährten des Odysseus sind bei Bertati kondensiert auf fünf prototypische Vertreter des erstarkenden Europas. Sie werden in der Tradition der Commedia dell’arte, bzw. komischen Oper zum wandelnden Klischee, was sich üblicherweise auch in ihrer Sprache niederschlägt: von eingestreuten muttersprachlichen Redewendungen oder Ausrufen bis hin zum italienischen Kauderwelsch vor allem des Deutschen.

Was mag die fünf auf die Insel verschlagen haben? Das wird verschwiegen, doch dürfte zu einer Zeit, in der Männer wie James Cook die Welt und exotische Inseln entdeckten, die Frage nach dortigen unerwarteten Begegnungen immer wieder auch lustvolle Gedankenspiele in Gang gesetzt haben ...

Während bei Calderón ein geheimer Nebenflussdes mythischen Lethe das Löschen von Erinnerung verspricht, ist es auf Bertatis Isola ein – vorsichtshalber beschrifteter – "Brunnen des Vergessens", von dessen Wasser die Inselbesucher nur zu gerne trinken: gilt es doch Schulden, eine Schlägerei oder Frauengeschichten zu vergessen. Die Gewohnheit, ihre Besucher in Schweine oder Bäume zu verwandeln, hat Alcina angeblich mittlerweile aufgegeben.  Aber kann man sich unter den gegebenen Umständen da wirklich sicher so sein …?

Die Schar der Nymphen, Kirkes junger Gefährtinnen, ist (wie schon bei Calderón) reduziert auf zwei junge Damen, hier mit den klingenden Namen Clizia und Lesbia. Sie sind nach eigenem Bekunden nur vorübergehend in Alcinas Gesellschaft und suchen nach Mitteln und Wegen, die Insel baldmöglichst wieder zu verlassen. (Da liegt es nahe, sich in einen der ebenfalls fluchtwilligen Herren zu verlieben.) Und Alcina selbst? Die bereitet sich, wie schon bei Homer, in ihrem Palast auf die Neuankömmlinge vor. Allerdings muss sie erst noch ihren Spiegel befragen, ob sie eigentlich noch immer die Schönste ist … Zumindest Clizia und Lesbia beteuern es. Erste Zweifel machen sich bemerkbar, gegen die Alcina entschlossen ankämpft. Sobald sie jedoch ihre Haare verliert, schwindet ihr Zauber ewiger Jugend ebenso schnell wie bei Ariost durch Ruggieros Ring: Bann und jahrhundertelange Gaukelei sind schlagartig aufgelöst. Und als die Männer mit Clizia und Lesbia umgehend die Chance zur Flucht nutzen, tobt Alcina wie eine Furie um die Insel. Es ist anzunehmen, dass auch sie – so wie Calderóns Kirke – von ihren verlorenen Illusionen nicht viel übrig lassen wird.

Die europäische Aufklärung und der Mythos

Zur Entstehungszeit von Gazzanigas Oper war die europäische Aufklärung weit fortgeschritten, was mit sich brachte, dass auch mit alten Mythen aufgeräumt wurde. Man glaubte (jenseits von Opernbühne und Abenteuerroman) nicht mehr an surreale Erscheinungen, Fabelwesen oder obskure Zauberei: Oberstes Gebot war nun die Vernunft. So ist es völlig verständlich, dass die Herren, die mit dem Wissen des fortgeschrittenen 18. Jahrhunderts auf Alcinas Insel landen, unschlüssig sind, ob sie lieber der Ratio folgen (Alcina ist doch 800 Jahre alt!? Sie muss ein Skelett sein!!) oder vorsichtshalber doch die alten Geschichten bedenken sollten ... Sie verwickeln sich in ihre eigenen Ängste und Unsicherheiten, schwanken zwischen "Hoffnung und Furcht" (Ariost) – und überwinden am Ende die insularen Versuchungen.

Parodie und Parabel

L’Isola d’Alcina schildert also die Auseinandersetzung mit einem alten Mythos, der am Ende als "alter Zopf" abgeschafft wird. Und was eignet sich dafür besser als eine Parodie? Mit der gnadenlosen Respektlosigkeit einer neuen, aufgeklärten Generation wird Tradiertes zerstört und parabolisch gezeigt, dass ein Mythos nur dann lebt, wenn man an ihn glaubt: Nur so lange ist Alcina alterslos und trotz ihrer 800 Jahre noch immer jung und attraktiv. Siegt aber die Vernunft, muss auch Alcina zwangsläufig zu Nichts zerfallen. (Die besondere Beziehung von "Mythos und Aufklärung" wird im 20. Jahrhundert ganze philosophische Abhandlungen füllen.)

Und doch beschäftigt das Streben nach ewiger Jugend und Schönheit die Menschheit heute mehr denn je, wodurch Gazzanigas Komödie – ihrerseits zeitlos – auch einen relevanten ernsthaften Kern birgt. Das reichhaltige Parodie-Arsenal, das die Oper und ihre Vorlagen schon 1772 für eine szenische Umsetzung boten, wurde seitdem um etliche satiretaugliche Gesellschafts-Phänomene erweitert, beispielsweise die Verhaltensmuster, die moderner Inseltourismus oder Wellnessbranche und Schönheitswahn zutage fördern ... So hält L’Isola d’Alcina auch der Welt von heute humorvoll einen Spiegel vor.

Termine

Oper | Wiederentdeckung L’Isola d’Alcina

Ein Franzose, ein Engländer, ein Italiener, ein Spanier und
später auch ein Deutscher stranden in einsamer Gegend.  mehr...

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Ein Franzose, ein Engländer, ein Italiener, ein Spanier und
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Ein Franzose, ein Engländer, ein Italiener, ein Spanier und
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Oper bei den Schwetzinger SWR Festspielen "L'Isola d'Alcina" – eine Schwetzinger Wiederentdeckung

Bereits ein Jahr nach ihrer Uraufführung im Jahr 1773 konnte man Giuseppe Gazzanigas komische Oper "L'Isola d'Alcina" im Schwetzinger Theater bewundern. 250 Jahre später zeigt Regisseur Christoph von Bernuth am selben Ort, wie gut das Werk auch heute funktioniert – nicht zuletzt dank unverwüstlicher Nationalitätenklischees.  mehr...

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