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Mit der Schola Heidelberg hat die Region ein Spitzenensemble der Alten und Neuen Musik

Als "Abglanz unmittelbaren Lebens im Medium der Erinnerung" bezeichnete Theodor W. Adorno den ersten Satz von Mahlers neunter Sinfonie. Die Formulierung ließe sich durchaus auch auf manche Werke des Programms des Klangforum Heidelberg beziehen. Einige gleichen klingenden Epitaphen. Josquin Deprez betrauert in "Nymphes de bois" den Tod von Johannes Ockeghem. Hieronymus Vinders wiederum schrieb "O mors inevitabilis" im Gedenken an Josquin. Damit wird gleichsam eine musikalische Generationenfolge beschworen, die eine der entscheidenden Perioden der abendländischen Musikgeschichte repräsentiert, die sogenannte franko-flämische Vokalpolyphonie – Echo der Bestrebungen der Renaissance im Bereich der Musik. Die umfassende Erneuerung des Geisteslebens, die damals vollzogen wurde, war verbunden mit einem Akt der Erinnerung. Es waren die Ideale der griechischen und römischen Antike, die in der Renaissance wiederbelebt werden sollten. An die Stelle des theozentrischen Weltbildes des Mittelalters trat eine zunehmend auf den Menschen gerichtete Sicht. Genau dieser Aspekt kommt auch in der franko-flämischen Vokalpolyphonie zunehmend zum Tragen. Ganz im Sinne der Renaissance wird Musik – zumal die weltliche – immer mehr zum Echo menschlichen Empfindens und Erlebens, werden die den Kompositionen zugrundeliegenden Texte mit ihren affektiven Gehalten musikalisch en detail ausgedeutet. Gleichzeitig wurden die Schöpfer jener Musik, in denen das Subjektive widerzuhallen vermochte, in ihrer Einzigartigkeit anerkannt und entwickelte sich auch ihr Selbstverständnis in diesem Sinne: Der Komponist als Künstler im modernen Sinne betrat die Szene. Mit Guillaume Dufay setzte diese über zwei Jahrhunderte reichende musikalische Periode ein. Johannes Ockeghem hat Dufay gut gekannt. Auf den Tod des Älteren hat er ebenso eine Lamentation komponiert wie sein musikalischer Erbe Josquin auf ihn selbst. Die franko-flämische Vokalpolyphonie – benannt nach den Gegenden im heutigen Ostfrankreich, in Belgien und den Niederlanden, in denen viele ihrer Vertreter beheimatet waren – bildete die Basis, auf der dann die reiche italienische Vokalmusik des 16. Jahrhunderts erblühen konnte, zu deren herausragendsten Vertretern Luca Marenzio zählt.

"Così nel mio parlar voglio esser aspro, La qual’ ogn’ hor impetra ..." – mit einer Vertonung dieses Textes von Dante eröffnet Marenzio den Zyklus der im IX. Madrigalbuch versammelten und in seinem Todesjahr 1599 veröffentlichten Gesänge zu fünf Stimmen. "Ich möchte in meinem Sprechen so schroff sein wie diese schöne Steinerne in ihrem Tun": Dieses Entrée hat programmatisches Gewicht. Ungewöhnlich schon die Wahl des Dichters, der von Marenzios Zeitgenossen und auch von ihm selbst sonst kaum berücksichtigt wurde, hier aber an herausgehobener Stelle positioniert wird. Ungewöhnlich erst recht der in der ersten Zeile artikulierte Vorsatz, den man durchaus auch auf die musikalische Sprache des Komponisten beziehen könnte. Der Schmerz des zurückgewiesenen Liebenden hallt in der dissonanzgetränkten Musik nach.

Mit den Meistern der Renaissancemusik kommunizieren zwei zeitgenössische Komponisten, deren Musik immer wieder Zeugnis davon ablegt, dass das eigene Schaffen in ein geschichtliches Kontinuum eingebettet ist. Sowohl Isabel Mundry als auch José M. Sánchez-Verdú haben sich in mehreren Werken direkt oder indirekt auf Musik der Renaissance bezogen. In Zusammenhang mit ihrem neuen Werk für die Schola Heidelberg beschäftigt sich Isabel Mundry gegenwärtig u. a. mit Praktiken der oralen Weitergabe von Musik, wie sie in vielen Kulturen üblich ist und in der europäischen Musik vor der Erfindung der Notenschrift praktiziert wurde. So wurde beispielsweise der gregorianische Choral ursprünglich mündlich überliefert, bevor man Wege fand, die Melodien schriftlich zu fixieren. Welche Konsequenzen eine solche orale Überlieferung von Musik für das Hören hatte, das in seiner aktivsten und bewusstesten Weise zur unabdingbaren Voraussetzung wurde, um Klang in solcher Form Erinnerung werden zu lassen, dass er in der Gegenwart reproduziert werden konnte, ist einer der Aspekte, für die sich die Komponistin interessiert. Erst recht ist die Beschäftigung mit der Musik und der Literatur der Renaissance, aber auch des späten Mittelalters für das Komponieren von José M. Sánchez-Verdú prägend geworden. Schon als Sánchez-Verdú bei Hans Zender Komposition studierte, schrieb er seine Magisterarbeit über Das quantitative Denken in der Rhythmik der frühen Renaissance. Es sind die Techniken, Strukturen, Raumperspektiven, die harmonische und kontrapunktische Durchdringung des Materials, die ihn an den alten Meistern interessieren. Den Klang des solistisch besetzen Vokalensembles, wie es in der Alten Musik ausgeprägt wurde, nutze er ergänzt um instrumentale Farben jüngst in "Inferno" (2019), dem ersten Teil eines dreiteiligen Zyklus, der sich auf Dantes "Divina Commedia" bezieht. Dessen zweiter Teil, "Purgatorio / Der Läuterungsberg" ist nunmehr im Entstehen begriffen. "Paradiso" als der dritte Teil wird das Werk beschließen.

Dantes epochale, zwischen 1307 und 1321 entstandene Divina Commedia entwirft die Vision einer jenseitigen Welt. Wir erleben, wie der Ich-Erzähler "vom rechten Weg abgekommen" sich in einer Waldschlucht verirrt und hier einer Gestalt begegnet, die sich als der römische Dichter Vergil entpuppt, der ihn nun auf seiner Reise durch das Reich der Toten begleiten wird. Sie gelangen in die Hölle, die als eine gigantische, bis zum Mittelpunkt der Erde reichende trichterförmige Vertiefung auf der Nordhalbkugel vorgestellt wird, die beim Sturz Luzifers und seines Gefolges entstand. Konzentrisch sind terrassenartige Sphären angeordnet, die den jeweiligen Sünden und den ihnen zugeordneten Bestrafungen zugeordnet sind. Auf der dem Höllentrichter gegenüberliegenden Seite der Erdkugel, also am Südpol, wurde beim Sturz Luzifers gleichsam als Äquivalent ein Berg aufgeworfen, der sogenannte "Läuterungsberg", das "Purgatorio". Er ist von einem spiralförmig in sieben Runden in die Höhe führenden Weg umschlossen, den diejenigen Sünder absolvieren müssen, die im Gegensatz zu den in die Hölle Verbannten, durch Buße Erlösung erlangen können. Den Gipfel des Berges bildet das irdische Paradies, der Garten Eden. Dante begegnet seiner einstigen Geliebten, Beatrice. Sie geleitet ihn durch die neun Sphären des himmlischen Paradieses, bis die Göttliche Komödie mit dem Anblick des dreieinigen Gottes endet.

José M. Sánchez-Verdú versucht nicht, Dantes Dichtung als Ganzes zu vertonen, sondern destilliert einige Textfragmente aus dem umfangreichen Werk. Die Besetzung und die formale Struktur der drei Teile des Zyklus sind gleich: Vier Vokalsolisten und sechs Instrumentalisten sind in einer bestimmten räumlichen Konfiguration im Aufführungsraum zu positionieren. Die einzelnen Teile des Zyklus setzen sich dabei jeweils aus drei vokal-instrumentalen Sätzen zusammen, die durch instrumentale Partien, die Sphaerae, verbunden werden. Schon durch diese Benennung wird auf bestimmte kosmologische, astronomische und astrologische Vorstellungen Dantes angespielt, die eine alle Teile des Zyklus durchdringende Perspektive darstellen.

Sind im ersten Teil des Konzertes jahrhundertealte und gegenwärtige Klänge sinnfällig ineinander verwoben, so begegnet im zweiten Teil mit Alban Bergs Violinkonzert ein Werk, in dem das Thema "Erinnerung" in vielfältigsten Brechungen aufscheint. Als Alban Berg 1935 vom amerikanischen Geiger Louis Krasner den Auftrag zu einem Violinkonzert erhielt, arbeitete er noch an seiner Oper "Lulu" und schimpfte in einem Brief an seinen Bruder über die "Viechsarbeit", die auf ihn zukäme. Freilich musste er den Auftrag annehmen, weil er dringend auf das Honorar angewiesen war. Den eigentlichen Impuls zur Komposition aber vermittelte der Tod der 18-jährigen Manon Gropius, der Tochter von Alma Mahler und Walter Gropius. Berg stand dem Kreis um die Mahler-Witwe nahe und war durch diesen Todesfall zutiefst betroffen. Manon ist also der "Engel", dessen Andenken das Konzert gewidmet ist. Aber dieses Violinkonzert ist nicht nur ein Werk des Abschieds von einer geliebten Person, sondern es wird zum Abgesang auf ein Zeitalter, auf eine Epoche insbesondere der Wiener Musik, die von Mozart ausging, von Schubert und Bruckner fortgesetzt wurde und über Mahler und Zemlinsky bis in die frühe Moderne reichte. In diesem Kontext scheint es bemerkenswert, dass Bergs Violinkonzert in seiner Konzeption einem anderen Werk des Abschieds zutiefst verwandt ist: Mahlers neunter Sinfonie. Das Violinkonzert gleicht eher einer Sinfonie mit obligater Violine als einem klassischen Konzert. Seine zwei Sätze sind in sich jeweils zweigeteilt und lassen die viersätzige Form der Neunten durchscheinen, und je näher man das Werk betrachtet, desto frappierender – bis in motivische Details hinein – werden die Bezüge. Die Nähe Bergs zu Mahler ist freilich nicht die eines Epigonen, der seinem Vorbild nicht entkommt, sondern sie ist bewusst gesucht, gleicht einem Bekenntnis, denn letztlich ist auch Bergs Werk "Abglanz unmittelbaren Lebens im Medium der Erinnerung".

Ein solches Programm zu komponieren, das nahezu ein Jahrtausend Musikgeschichte umfasst, dabei die einzelnen Werke so miteinander verknüpft, dass sich ungezählte Bezüge zwischen den Werken ergeben und sie darüber hinaus Assoziationsräume eröffnen, in welche die Hörenden ihre eigenen Erfahrungswelten einfließen lassen können – das ist typisch für das Klangforum Heidelberg und namentlich seinen Leiter Walter Nußbaum. Wohl kaum ein anderes Ensemble ist so wie dieser Doppel-Klangkörper in der Lage, den Anforderungen, die so unterschiedlich geartete Musik stellt, in höchster Qualität gerecht zu werden. 1992 wurde das Klangforum Heidelberg gegründet, das aus zwei Formationen besteht: zum einen der Schola Heidelberg, einem Vokalensemble, das in unterschiedlichen Besetzungen vom Solo bis zum Kammerchor agiert und sich sowohl den Herausforderungen der zeitgenössischen Musik und ebenso denen der Alten Musik stellt. Zum anderen gibt es das ensemble aisthesis, in welchem bis zu 20 Musikerinnen und Musiker vereint sind, die sich der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts ebenso widmen wie ausgewählter Musik des 19. Jahrhunderts (teilweise in Bearbeitungen) und der Alten Musik, die in historisch informierten Aufführungen interpretiert wird. In teilweise jahrelanger Arbeit beleuchtet das Klangforum Heidelberg bestimmte Themenfelder. Das kann ein Komponist sein wie René Leibowitz, dessen Musik dem weitgehenden Vergessen entrissen wurde. (Leider ist die Aufführung einer seiner Opern, die für 2020 bei den Schwetzinger SWR Festspielen geplant war, einstweilen auf Eis gelegt, da sich kein Kooperationspartner finden ließ.) Für das 2001 begonnene Projekt Prinzhorn wurden Komponisten eingeladen, sich in neuen Werken auf Texte, Bilder und Skulpturen von Patienten psychiatrischer Kliniken, die in der Sammlung Prinzhorn versammelt sind, zu beziehen. Mittlerweile sind 22 Werke von 12 Komponisten entstanden. Im 2017 veranstalteten Festival Diktaturen wurde ein Aspekt ganz besonders deutlich, der die Projekte des Klangforum Heidelberg eigentlich immer prägt: Musik wird als Medium der Reflexion von Wirklichkeit betrachtet und dabei als ein Phänomen begriffen, das von Geschichte durchtränkt ist. Die Überzeugung, dass wir unsere Gegenwart nur begreifen und unsere Position nur bestimmen können, wenn wir uns unserer Geschichte bewusst sind, ist für die Arbeit des Ensembles essentiell. Deshalb ist das Klangforum geradezu prädestiniert, in einem Festival zum Thema "Erinnern" einen substantiellen Beitrag zu leisten.

Merkwürdigerweise ist die Beziehung zwischen dem Klangforum Heidelberg und den Schwetzinger SWR Festspielen noch gar nicht so alt. Erst 21 Jahre nach seiner Gründung war das Klangforum 2013 erstmals bei den Festspielen zu Gast. Seit 2017 nun gibt es regelmäßig Konzerte mit dem Ensemble. 2019 brachte es im Rokokotheater das Musiktheater Der Fall "Babel" von Elena Mendoza und Matthias Rebstock erfolgreich zur Uraufführung. Ein für 2020 geplantes Hölderlin-Programm fiel der Pandemie zum Opfer. Das für 2021 geplante Konzert mag ein Indiz dafür sein, dass der Spruch vom Propheten, der im eigenen Land nichts gilt, mit Blick auf die Zusammenarbeit von Schwetzinger SWR Festspielen und Klangforum Heidelberg seine Gültigkeit eingebüßt hat.

Konzerttermin

Dialoge des Erinnerns Neuer Termin 18. Oktober

Klangforum Heidelberg & Elisabeth Kufferath  mehr...

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