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Musik ist nichts anderes als Erinnerung. Je nach Alter, Herkunft, Ausbildung und kultureller Praxis haben wir unsere musikalischen Erinnerungen in einem Reservoir abgespeichert, aus dem wir sie zu gegebener Zeit und gegebenem Anlass wieder abrufen können. Auch nach vielen Jahren Pause kann einem ein Musikstück plötzlich präsent werden, manchmal reicht ein einziger Ton, um es zu identifizieren, oft behalten wir Themen und Melodien lange als Ohrwürmer im Kopf. Von diesen Erfahrungen berichtet auch Tanja Tetzlaff, die Cellistin des Tetzlaff Quartetts, wenn Musik bei ihr Erinnerungen auslöst: "Das kann eine Mahler-Sinfonie sein, die ich irgendwann mal gespielt habe, es kann Musik sein, die mich an Natur erinnert. Es gibt ganz unverhofft Situationen, wo ich denke, oh, da wird etwas von ganz früher angerührt." Oft sind es gerade die musikalischen Urerlebnisse, die den Grundstock des Gedächtnisses bilden, Erinnerungen aus der Kindheit und Jugend, wo man noch unbeleckt von äußeren Umständen aufnahmefähig ist wie ein Blatt weißes Papier.

Alle Mitglieder des Tetzlaff Quartetts dürften über ähnliche Erfahrungen erzählen können, denn sie sind alle musikalisch "vorbelastet", ja sogar in musikalischen "family affairs" verbunden. Christian (Primarius) und Tanja (Violoncello) sind Geschwister aus einem Pfarrhaushalt, in dem viel gesungen und musiziert wurde. Elisabeth Kufferath an der zweiten Geige stammt aus einer großen, weit verzweigten Musikerfamilie. Ihr Onkel Hans-Wilhelm Kufferath war 30 Jahre Cellist im Bayreuther Festspielorchester, ihr Urgroßvater Wilhelm, ebenfalls Cellist, war noch mit Wagner, Brahms, Hans von Bülow und Leo Blech bekannt. Hanna Weinmeister, aus einer Salzburger Musikerfamilie stammend, ist Bratscherin im Tetzlaff Quartett und außerdem Geigerin im Trio Weinmeister, zusammen mit ihren Geschwistern Gertrud (Bratsche) und Bruno (Cello). Hanna Weinmeister und Elisabeth Kufferath sind beide Doppelbegabungen für Violine und Viola: Hanna auch als Konzertmeisterin im Opernhaus Zürich, Elisabeth auf ihrer jüngsten Solo-CD Two, auf der sie sich als Geigerin und Bratscherin der zeitgenössischen Musik widmet, u. a. den beiden Solosonaten für Violine und Viola von Bernd Alois Zimmermann. Auch sie kennt die Orchesterarbeit als Konzertmeisterin bei den Bamberger Sinfonikern – eine Position, die sie zugunsten einer Professur für Violine in Detmold und später in Hannover aufgab.

Aber damit sind die "family affairs" noch nicht erschöpft. Tanja Tetzlaff ist mit dem Geiger Florian Donderer verheiratet, Konzertmeister bei der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen – der übrigens auch Tanja eine Zeit lang angehörte – und selbst Primarius des Signum Quartetts. Und noch eine Gemeinsamkeit: Christian Tetzlaff, Hanna Weinmeister und Elisabeth Kufferath spielen ein modernes Instrument des Geigenbauers Peter Greiner. Nur Tanja schwört auf ihren "Freund", das historische Cello von Giovanni Battista Guadagnini aus dem Jahr 1776.

Trotz dieser engen Familienbande sind die Mitglieder des Tetzlaff Quartetts gleichzeitig musikalische Einzelgänger, die eigene solistische und kammermusikalische Wege gehen. Am stärksten natürlich Christian Tetzlaff, der weltweit gefragte Solist ohne Starallüren und Facebook-Aktivitäten, der Interpret auch ausgefallener oder eher gemiedener Violinkonzerte, wie etwa von Joseph Joachim, Edward Elgar oder Jörg Widmann. Die Frage eines Journalisten ist deshalb nicht abwegig, ob man Streichquartett auch "nebenbei" spielen könne. Was Christian locker mit den Worten pariert: "Diese Perfektion im Zusammenspiel, dieses Aufeinander-eingeschworen-sein, dieser Wunsch nach totaler Geschlossenheit – das finde ich in Einzelfällen fantastisch, aber manchmal auch problematisch. Ich möchte unbedingt diese Literatur spielen, und ich finde, wir spielen gut. Ich sehe den Aspekt der Perfektionierung als etwas nebensächlicher an als andere. Im Quartett kommen wir vier aus verschiedenen Ecken. Man versucht sich anzugleichen, aber dass die Dinge klanglich etwas unterschiedlicher sind, ist auch eine Qualität." Perfektion ist für Christian ohnehin ein zweischneidiger Begriff: "ein Kind, das sieben Stunden am Tag übt, ist ein Fall für UNICEF, finde ich. Das ist wie Kinderarbeit, auch wenn es vielleicht schöner anmutet, als irgendwo in einer Fabrik zu arbeiten, aber es ist ein emotionaler Stress für etwas, was eigentlich größte Befreiung und Ausdruck seelischer Freiheit sein sollte." Und Tanja assistiert: "Kammermusik ist für uns eine Herzensangelegenheit. Man kann ganz intim arbeiten mit einem fantastischen und unendlich abwechslungsreichen Repertoire."

Mit einem solchen gastieren das Tetzlaff Quartett und seine Partner bei den diesjährigen Schwetzinger Festspielen. Im reinen Quartettabend widmet es sich zwei Streichquartetten aus op. 20 von Joseph Haydn, die beide mit großartigen, keineswegs "altmodischen" Fugen schließen. Dazu die Lyrische Suite von Alban Berg, die musikalische Beschwörung einer Erinnerung an Hanna Fuchs (die Schwester von Franz Werfel), in die Berg unsterblich verliebt war. Für das Tetzlaff Quartett ein Leibund Magenstück, das es 2013 auf seiner zweiten CD zusammen mit dem Streichquartett op. 13 von Mendelssohn veröffentlicht hat. Und auch das vierte Werk des Abends, das in seinem Trauermarsch das doloroso der Lyrischen Suite wieder aufgreift, gehört zu den Lieblingsstücken der Tetzlaffs: das dritte Streichquartett es-Moll op. 30 von Pjotr Tschaikowski. Christian und Tanja haben es zusammen mit Antje Weithaas und Tatjana Masurenko beim Festival Spannungen in Heimbach aufgeführt und als Live- Mitschnitt veröffentlicht. Vor allem der langsame Satz dieses Quartetts wirkt wie das tönende Credo von Christian Tetzlaff: Es seien ja die Komponisten, "die die Welt verändern, die neue Einblicke in die Seele geben – das sind nicht die Interpreten. Der Interpret kann glücklich sein, sich ganz mit auf diese Reise zu begeben. Dabei spüre ich die große Möglichkeit, mich zu erweitern, mich in Abgründe zu bewegen, die es in uns allen wahrscheinlich gibt, aber bei denen man normalerweise nicht einfach sagen kann ›So, ich gehe jetzt mal dahin!‹ Das ist ja die Aufgabe, die uns die Komponisten geben, aber auch ihre eigene Mission: dass es bei den Menschen ein Bedürfnis gibt, in sich hinabzusteigen, sich von gewissen Dingen zu befreien, im Konzert weinend zu sitzen und zu merken, wir sitzen alle im selben Boot."

In vielen Streichquartetten wird das Innerste des Menschen angesprochen und herausgefordert.

Christian Tetzlaff

Mit seinem langjährigen Klavierpartner, dem Gründer und Leiter des Kammermusik- Festivals Spannungen Lars Vogt, bestreitet das Tetzlaff Quartett seinen zweiten Abend in Schwetzingen – ein reines Kontrastprogramm, mit einem der schönsten und heikelsten Mozart-Quartette, dem in Es-Dur KV 428 und dem hymnischen, vor Melodien und Rhythmen überbordenden Klavierquintett A-Dur op. 81 von Antonín Dvořák. Hier muss man sich regelrecht beherrschen, um nicht laut die im Gedächtnis eingravierten Melodien mitzusingen oder gleich mitzutanzen. Auch dieser Aufführung geht eine intensive Beschäftigung mit Dvořák voraus: Christian, Tanja und Lars Vogt haben 2018 die beiden Klaviertrios op. 90 und op. 65 veröffentlicht – eine Einspielung, die sofort als Referenzaufnahme gefeiert wurde.

Schließlich der dritte Abend der Residenz, diesmal zusammen mit der Sopranistin Sarah Maria Sun. Sie wird zusammen mit dem Tetzlaff Quartett das zweite Streichquartett op. 10 von Arnold Schönberg vortragen. Zwei Gedichte von Stefan George liegen den Sätzen drei und vier zugrunde, die Litanei und die Entrückung. Diese beginnt mit der berühmten, oft falsch wiedergegebenen Zeile: "ich spüre Luft von anderem planeten" (nicht: "vom anderen planeten" und auch nicht "von anderen Planeten") und beschreibt eine Elevation: "ich löse mich in tönen", "ich fühle mich wie über letzter wolke", "ich bin ein dröhnen nur der heiligen stimme".

Schönberg mag im Tetzlaff Quartett selbst viele Erinnerungen wachrufen, denn über dessen erstem, monumentalen Quartett d-Moll op. 7 fand das Ensemble 1994 zusammen. Eine Woche lang arbeiteten die vier Musiker voller Begeisterung an der heiklen Partitur, heißt es über die Proben. Man verstand sich dabei auf Anhieb blendend – und blieb bis heute in derselben Besetzung. Aber erst 2010 erschien das erste Schönberg-Quartett auf CD. Kombiniert war es höchst hintersinnig mit einem Streichquartett, das zwar ebenfalls in d-Moll steht, bei dessen Komponistenname aber die Adorno-geimpften Schönbergianer die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben dürften: das Streichquartett op. 56 Voces intimae von Jean Sibelius. Auch dieses ein Monumentalwerk in fünf Sätzen von 45 Minuten Dauer, ein Adagio von über 10 Minuten im Zentrum. Über drei geheimnisvolle e-Moll-Akkorde hat Sibelius hier die Worte "voces intimae" (innere Stimmen) notiert. Weitere AngaInben, gar ein Programm machte er nicht. Aber sind diese "voces intimae" in diesem Programmzusammenhang nicht ein geheimer Fingerzeig auf Schönbergs zweites Quartett, in dem diese Stimmen dann eine visionäre, lyrische Sprache finden? Und wird man sich beim Hören des Schönberg-Quartetts nicht an jenen Satz mit den "inneren Stimmen" erinnern? Wird man die Sätze vergleichen und feststellen, dass Sibelius und früher Schönberg gar nicht so weit auseinanderliegen, wie man uns immer hat weismachen wollen? Es wäre auf jeden Fall eine Überlegung wert und nicht zuletzt auch die Erfüllung von Christian Tetzlaffs selbst gestellter Aufgabe als Interpret: Geschichten zu erzählen, die großen Meisterwerke in nachvollziehbare Erfahrungen zu verwandeln, dem Komponisten gleichsam unter die Haut zu kriechen, damit er von seiner innersten, verborgensten Seite zum Sprechen gelange.

Da wir unser Quartett einst mit Schönbergs erstem Streichquartett aus der Taufe hoben, freuen wir uns besonders auf sein zweites – wegweisend und neue Räume eröffnend!

Tanja Tetzlaff

Ein Interpret, der mit seinen Partnern solches erreicht, wäre ein Berufener in einer derzeit aus den Fugen geratenden Welt. Zum Glück hat der Primarius seine Finger versichern lassen: "aber mehr, weil ich gern koche. Ich schneide alles, schone meine Hände nie und mache alles, was zu Hause anfällt."

Konzerttermine

Streichquartett-Matinee Tetzlaff Quartett

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Kammermusik Tetzlaff Quartett & Lars Vogt

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Kammermusik Tetzlaff Quartett & Sarah Maria Sun

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