Nils Mönkemeyer (Foto: Irène Zandel)

Residenzkünstler Nils Mönkemeyer

Tonschönheit ist Nebensache

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Dem Bratschisten Nils Mönkemeyer geht es vor allem um eines: Wahrhaftigkeit.

Ja, die sogenannten "Sozialen Medien" weiß Nils Mönkemeyer auch zu bedienen. Seine Facebook-Seite hat mehr als 6000 Abonnenten. Dort postet er Nachrichten aus der Welt eines reisenden Virtuosen oder verlinkt auf seinen Teaching Channel bei Youtube, in dem er sein Insiderwissen weitergibt an den lernwilligen Bratschisten-Nachwuchs. Und wer diesen Mönkemeyer auch einmal ganz privat erleben möchte – beim Rasenmähen etwa oder träumend auf der Couch –, der wird auf seinem Instagram-Account einiges an Anschauungsmaterial finden. Die Klickzahlen seiner Fans sind beachtlich – und doch ein Nichts im Vergleich zu anderen Größen des Klassik-Business. Für einen Sony-Exklusivkünstler, der Nils Mönkemeyer seit jetzt mehr als zehn Jahren schon ist, kommen seine Auftritte auf den digitalen Marketing-Bühnen der Klassikszene überraschend leise daher, mit sympathischem, unaufdringlichem Charme. Er weiß, so scheint es, um die Notwendigkeit dieser Nebensachen, würde aber nie Gefahr laufen, sie aufzublähen zu einer zweiten Hauptsache.

Der Corona-Lockdown hat den 1978 geborenen und noch immer verblüffend jugendlich wirkenden Nils Mönkemeyer in eine Sinnkrise gestürzt. Nicht, dass sich dadurch eine ganze Welt für ihn auf den Kopf gestellt hätte. Eher das Gegenteil war der Fall: Die tiefe Überzeugung, die er als Mensch und Musiker schon lange verkörperte, trat jetzt mit einem Mal schlagartig ins Bewusstsein der musikalischen Öffentlichkeit. "Musik ist etwas zutiefst Soziales. Sie ist ein systemrelevantes Allgemeingut": So hörte man ihn in den Wochen und Monaten, als die Konzertsäle in Deutschland und auf der ganzen Welt verstummt waren, des Öfteren sprechen. Was aus dem Munde eines wohlbestallten deutschen Viola-Professors, der er seit 2011 in München ist, durchaus auch wohlfeil klingen könnte, kam bei Mönkemeyer aus dem Herzen. Und das auch deshalb, weil er sich den Blick über den glamourösen Bühnenrand hinaus nicht erst seit Corona zu eigen gemacht hat.

Als Musiker will Mönkemeyer Brücken bauen und seine Kunst zu den Menschen bringen. Dass er dabei seinen eigenen Beruf mit einer gehörigen Portion Selbstkritik versieht, lässt sein Anliegen nur noch glaubwürdiger erscheinen: "Musik muss aus dem Elfenbeinturm herausgeholt werden", sagt er. "Denn Musik muss für alle da sein." Im Jahr 2019 hat er deshalb einen Herzenswunsch in die Tat umgesetzt und gemeinsam mit der Caritas Bonn das Kammermusikfestival Klassik für alle gegründet. Bedürftige und benachteiligte Menschen, die sich einen Konzertbesuch nicht leisten können, erhalten Paten-Tickets, die andere für sie gekauft haben. Und mehr noch: Mönkemeyer bricht mit seiner Bratsche auf, geht an die Ränder der Gesellschaft. Er besucht Obdachlose, spielt im Freien oder in Treppenhäusern, in Wohnheimen für Psychisch-Kranke oder Suchtgefährdete. "Und da habe ich immer das Gefühl: Das, was ich da gerade mache, hat einen ganz wichtigen Grund. Es macht Sinn. Musik, überhaupt Kultur ist ein Kitt der Gesellschaft."

Man muss im Falle von Nils Mönkemeyer freilich nicht erst hinter die Kulissen der strahlenden Klassik-Bühnen blicken, um zu erkennen, wie ernst er es meint mit seinem Anliegen. Seine Haltung als hellhöriger Vermittler und sensibler Brückenbauer zeigt sich bereits auf der Konzertbühne selbst – ganz gleich, ob er dort als Solist vor einem Orchester oder als Kammermusiker im engsten Kreis von Freunden zu erleben ist. Immer steht bei Nils Mönkemeyer das individuelle, wandlungsfähige Eingehen auf seine Mit-Musiker im Vordergrund, das empathische Lauschen auf die Musik, die Hingabe an den Hörer. Auch deshalb wohl hat für ihn früh festgestanden, dass er eine Laufbahn als Orchestermusiker wohl ausschlagen müsse: »Ich war 19 und machte bei einer CD-Produktion der NDR Radiophilharmonie Hannover mit«, erinnert er sich. »Auf dem Programm stand eine für die Bratschengruppe ziemlich schwierige Sinfonie von Dmitri Kabalewski, und als der Dirigent uns Bratschen alleine vorspielen ließ, drehte sich der Kollege vor mir um und sagte: ›Nils, nicht mit Absicht hässlich spielen!‹ Und das ist irgendwie bezeichnend für meine Orchesterkarriere! Ich hatte das Gefühl, dass das, was ich natürlicherweise machen würde, immer falsch ist. All die Qualitäten, die mir als Solist helfen – nämlich den Klang individuell zu formen, sich Zeit zu nehmen beim Spielen, die Musik ganz persönlich zu gestalten –, das ist etwas, was dem Gruppenklang im Orchester widerspricht. Das hatte ich damals noch gar nicht recht verstanden. Ich hab’ die Töne am Ende zu lange gehalten, mit viel zu viel Vibrato gespielt …"

Die Solistenkarriere war da bereits vorgezeichnet. Zehn Jahre später, 2009, wird ihm die "ZEIT" einen entscheidenden Anteil an der »verblüffenden solistischen Aufwertung der Viola« zuschreiben. Da hatte Mönkemeyer gerade sein sensationelles CD-Album "Ohne Worte" mit dem Pianisten Nicholas Rimmer vorgelegt – Lieder von Schubert, Mendelssohn und Schumann, mit denen Mönkemeyer zeigte, dass die Viola nicht nur, wie zu erwarten war, verträumt, innig, offenherzig, lyrisch und anmutig klingen kann, sondern einen ganzen Kosmos an Ausdrucksvaleurs in sich trägt: Verführerisches und Impulsives genauso wie Obszönes, Listiges und Amüsantes. Wer die verblüffende Verwandlungsfähigkeit des Bratschenklangs erleben möchte, der muss seitdem Mönkemeyer erleben. Die alte Vorstellung des melancholischen, schöntönenden, warmtimbrierten Instruments hat spätestens von da an ausgedient. Nicht das Auffinden von Schönheit kennzeichnet Mönkemeyers Künstlertum, sondern die Suche nach Wahrhaftigkeit. Und so ist es kein Wunder, dass die Überschrift des Finalsatzes der Solo-Sonate op. 25 Nr. 1 von Paul Hindemith – "Tonschönheit ist Nebensache" – für Nils Mönkemeyer mehr ist als nur eine Vortragsanweisung: "Das ist mein Lebensmotto!"

Mag Nils Mönkemeyer als Solist auch weltweit gefeiert sein – unübersehbar ist, dass sein eigentliches musikalisches Zuhause die Kammermusik ist. "Wir Menschen sind doch grundsätzlich besser in der Gemeinschaft, als wenn wir alleine sind", sagt er lapidar. Das Faszinierende der Kammermusik sei für ihn, dass er seine Stimme gar nicht teilen müsse, wie man glauben könnte. "Meine Stimme selbst ist und bleibt individuell! Ich muss also nicht versuchen, mich ins Ganze perfekt einzufügen. Vielmehr entsteht aus den individuellen Stimmen das Ganze. Das ist eine Musizierhaltung, die mir viel näher ist als das Orchesterspiel, aber auch näher als das solistische Spiel mit Orchester. Spiele ich solistisch, empfinde ich mich eher als Gegenüber einer Gruppe. Bei Kammermusik aber ist es, als ob alle gemeinsam den Komponisten wie zusammengerückt erleben. Und das kommt mir sehr nahe: Mir geht es ums gemeinsame Erleben, und da ist das Publikum ein genauso wichtiger Teil wie die Mitspieler. Das ist etwas, was mir im Lauf der Zeit immer klarer geworden ist: Dass ich Musik mache, um Verbindung zu schaffen."

Und so ist es sicherlich ganz bezeichnend, dass Nils Mönkemeyer für seine Schwetzinger Residenz nicht nur zwei Kammerkonzerte, sondern zudem ein Solistenkonzert programmiert hat, das sich seinerseits wiederum als eine heimliche Kammermusik ausgeben wird: die berühmte Sinfonia concertante KV 364 von Wolfgang Amadeus Mozart. Für Mönkemeyer ist sie nicht nur "eines der schönsten Konzerte, die Mozart geschrieben hat", sondern tatsächlich "eigentlich auch Kammermusik". An der Seite der Geigerin Alina Ibragimova und des SWR Symphonieorchesters will er sie als einen "Dialog zweier Liebender" interpretieren – "und das Orchester bildet dafür die Szenerie". Überhaupt, Mozart: Dass er ein begnadeter Klavierund Violinspieler war, ist bekannt. Nicht ganz so bekannt hingegen ist, dass Mozart auch ein ausgezeichneter Viola-Spieler war und ihm die Bratsche sehr am Herzen lag. Zu seiner Salzburger Zeit hatte er eine Geiger-Karriere mit Akribie verfolgt. Auf der großen Reise nach Mannheim und Paris 1777 spielte er, "als ob ich der größte Geiger in Europa wäre". Erst die Übersiedlung ins "Clavierland Wien" 1781 brachte die Entscheidung zugunsten des Klaviers, das fortan Mozarts Lebensgrundlage bildete; Geige spielte er nie wieder öffentlich. Als Kammermusikinstrument bevorzugte er von nun an vielmehr die Bratsche und spielte sie auch im Quartett mit Vorliebe selbst.

Dass Nils Mönkemeyer mit seinen Musiker-Freunden Christian Poltéra (Violoncello), William Youn (Klavier) und noch einmal Alina Ibragimova (Violine) in einem Kammerkonzert ganz besonders Wolfgang Amadeus Mozart huldigen wird, liegt vor diesem Hintergrund also auf der Hand. Und er scheut sich deshalb auch nicht, die im Original für Violine komponierten sechs Variationen über "Hélas, j’ai perdu mon amant" KV 360 auf der Viola zu spielen. Ohnehin ist zu einem Markenzeichen Mönkemeyers geworden, mit Musik, die nicht ursprünglich für Bratsche geschrieben worden ist, ebenso sensibel wie kreativ umzugehen. "Eine Bearbeitung zu machen, ist einerseits eine Herausforderung, weil man dem Stück ein neues Klanggewand gibt, das so zwingend funktionieren muss, dass man an das Original nicht mehr denkt oder das Original neu hören kann. Gleichzeitig ist es für mich eine Befreiung, weil ich kein Vorbild habe: Ich hab’ kein Bratschen-Ideal im Ohr, sondern versuche, mit dem Klang der Bratsche das Stück neu zu erfinden. Es reizt mich, zu ahnen, was in dem Original stecken könnte, was auf der Bratsche funktioniert." Auf diese Weise hat Mönkemeyer in den vergangenen Jahren das nicht allzu große Repertoire an Solo- Musik für Bratsche erheblich erweitert und um etliche Perlen, die Bestand haben werden, bereichert.

Noch weit mehr als auf Mozart trifft dieser Spürsinn freilich auf die Werke des Grenzgänge-Programms in der Schwetzinger Orangerie zu. Nils Mönkemeyer wird es gemeinsam mit der Blockflötistin Dorothee Oberlinger gestalten: Hildegard von Bingen trifft dabei auf John Cage, Johann Sebastian Bach auf Luciano Berio und die zeitgenössische Komponistin Konstantia Gourzi und der Uraufführung ihre Stücks "Messages between trees". Mit Oberlinger konzertiert Mönkemeyer schon seit längerem. Spannende Dialoge werden also garantiert sein – und nicht allein des musikgeschichtlichen Panoramas wegen, das hier gleichsam im Flug genommen wird. "Uns geht es bei diesem Programm auch um die Frage, was wir und wie wir mit unseren Instrumenten kommunizieren können: Dorothee mit ihren vielen verschiedenen Blockflöten, ich mit meiner Bratsche." Die Intimität der Orangerie wird ihren Teil dazu beitragen, worauf sich Mönkemeyer schon jetzt besonders freut: "Dieser Ort ist kein normaler Konzertsaal, sondern ein Raum für das Andere. Wir haben uns schon einiges ausgedacht, wie wir mit ihm spielen werden. Diesen Abend wollen wir zu einem berührenden Erlebnis für unser Publikum machen."

Überhaupt, Schwetzingen und sein Publikum: Für Nils Mönkemeyer ist das eine ganz besondere Symbiose. "Ich durfte ja schon oft bei den Schwetzinger SWR Festspielen sein. Und immer hab’ ich gespürt, dass das Publikum hier ganz anders gestimmt und auch anders eingestimmt ist als zum Beispiel ein Publikum in einem Konzertsaal mitten in der Stadt. Hier kommt man nicht direkt aus dem Parkhaus, sondern ist davor schon durch diesen unfassbar schönen Park geschlendert. Dieser Ort hat so viel Flair, und ich glaube, dieses Flair überträgt sich auch irgendwie. Das Publikum kommt mit einer solchen Offenheit und Entspanntheit in den Konzertsaal und hört so konzentriert zu: Das finde ich einfach wunderbar!"

Konzerttermine

Grenzgänge | Music for two Nils Mönkemeyer & Dorothee Oberlinger

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Nils Mönkemeyer & Freunde Mönkemeyer, Ibragimova, Poltéra, Youn

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