STAND

SWR2 Redakteurin Bettina Winkler hat Katharina Bäuml, die Gründerin des Ensembles, zum Gespräch getroffen

Sie blasen nicht nur vom Turm herab, die Mitglieder der Capella de la Torre, sie sind vielmehr auf deutschen und internationalen Konzertbühnen zu Hause, glänzen mit einer beachtlichen Zahl von preisgekrönten CD-Produktionen und widmen sich mit genauso viel Begeisterung der Musikvermittlung. Taucht die Truppe zum Konzert oder zur Aufnahme auf, ist erst einmal für gute Stimmung gesorgt. Katharina Bäuml, Gründerin und Leiterin der Capella de la Torre, weiß genau, wie sie ihr Ensemble motivieren kann. Stehen sie dann gemeinsam auf der Bühne oder geht das Rotlicht im Aufnahmesaal an, ist vollkommene Konzentration angesagt. Passt das Tempo? Sitzt die Verzierung? Stimmt die Intonation? Nicht immer ganz einfach bei historischen Blasinstrumenten wie Schalmei oder Zink. Aber gleichgültig, welches Repertoire sie sich vornehmen, ihnen gelingt es immer wieder, ihr Publikum zu fesseln und zu begeistern. Und im Laufe der Jahre haben Katharina Bäuml und die Capella de la Torre ihr Repertoire geöffnet, Improvisationen und Neue Musik spielen genauso eine Rolle wie die Zusammenarbeit mit anderen Ensembles und Künstler aus anderen Bereichen.

Katharina, Du bist experimentierfreudig und entwickelst immer wieder ungewöhnliche Ideen und Konzepte. 2021 ist die Capella de la Torre mit drei ganz unterschiedlichen Programmen Residenzensemble bei den Schwetzinger SWR Festspielen. Bei einem gibt es eine, wie ich finde, besonders spannende Kombination: Karate und Renaissance-Polyphonie – wie passt denn das zusammen? Wir gehen im Konzert vom Atem als Grundlage aus: Bei unseren Blasinstrumenten spielt er eine große Rolle, aber auch im Karate folgt alles den Regeln des Atems. Die Idee unseres Projektes "Dimensions – Polyphonie und Karate" ist es, verschiedene Kunstrichtungen – in unsrem Fall Karate Shotokan und polyphone Musik von Josquin Desprez miteinander zu kombinieren und dabei eine neue Form von Zusammenwirkung zu erzielen. Keine der beiden Disziplinen soll der anderen untergeordnet sein, vielmehr sollen beide gleichberechtigt und authentisch funktionieren können. Durch dieses Zusammenspiel wollen wir einen neuen Raum entstehen lassen, der beiden Künsten Platz gibt und eine weitere Dimension schafft. Wir haben dazu auch ein kleines Video gedreht, das man sich im Internet anschauen kann.

Es wird noch zwei weitere Konzerte geben: Eines zusammen mit dem Chorwerk Ruhr und Florian Helgath – "Bachs Erinnerungen". In diesem Programm spüren wir der Musik und den Klängen nach, die Johann Sebastian Bach in seiner Jugend umgeben haben. Das Ganze wird kombiniert mit einer zeitgenössischen Komposition von Martin Wistinghausen, die extra für Singstimmen und unsere historischen Instrumente entsteht. Weiterhin freue ich mich auch noch auf ein Konzert mit Renaissancemusik und Texten des Schriftstellers W. G. Sebald, gelesen von Hanns Zischler. Auch dieses Konzert verbindet ja verschiedene Kunstrichtungen, man könnte sagen, dass das eine Art roter Faden unserer Schwetzingen-Konzerte im kommenden Jahr ist.

Katharina Bäuml (Foto: Wildundleise)
Katharina Bäuml geboren in München, studierte zunächst moderne Oboe, dann Barockoboe und historische Rohrblattinstrumente an der Schola Cantorum in Basel. 2005 gründete sie ihr Ensemble Capella de la Torre, eines der bedeutendsten deutschen Ensembles für Renaissancemusik. Wildundleise

Dein Instrument ist die Schalmei … Ja, ich spiele Schalmeien verschiedener Lagen (auch Alt- und Tenorschalmei, sogar Großbass-Schalmei) und in verschiedenen Stimmtönen. Schalmei-Spielen ist wie Singen. Man muss sich den Ton ganz genau vorstellen und ihn schon vor dem Blasen formen. Das Instrument ist sehr flexibel, mit vielen Klangfarben und großer dynamischer Bandbreite. Ich spiele schon Schalmei, seit ich ein Kind war. Trotzdem habe ich dann zuerst Oboe und Barockoboe studiert, bevor ich zur Schalmei zurückgekommen bin.

Warum hast Du Dein Ensemble gegründet und was hat es mit dem Namen auf sich? Für Schalmeispieler gibt es nicht "automatisch" Arbeit wie z. B. für Oboisten, die in vielen Stücken besetzt sind. In der frühen Neuzeit muss man immer verschiedene Quellen befragen, um sich ein Bild über Besetzung oder mögliche Aufführungsarten zu machen. Die meiste Literatur ist auch für mehrere Spieler geschrieben, deswegen war schon früh klar, dass ich selbst ein Ensemble gründen würde. So kann ich die Schalmei, die ja als Instrument für die Musik der frühen Neuzeit sehr gut dokumentiert ist, dem Publikum nahe bringen. Tatsächlich spielen die Rohrblattinstrumente wie die Schalmei im Konzertleben unserer Zeit nicht die Rolle, die ihnen eigentlich zusteht. Auch das wollte ich ändern. Der Name "de la Torre" ist auf zweierlei Weise zu verstehen: Anfang des 16. Jahrhunderts komponierte der Spanier Francisco de la Torre das wohl berühmteste Stück für eine Bläserbesetzung, seine "Danza Alta". Neben dieser Hommage an den Komponisten ist der Name aber auch ganz wörtlich zu verstehen: "De la Torre" bedeutet übersetzt "vom Turm herab"; Bläsergruppen musizierten seinerzeit bei den verschiedensten Gelegenheiten auf Türmen oder Balkonen. Wir spielen vorwiegend Musik des 15. bis 17. Jahrhunderts, immer in einem Kontext oder mit einer besonderen Geschichte, die wir erzählen wollen.

Wie entwickelst Du Deine Programmideen? Meistens habe ich viel mehr Ideen als es Möglichkeiten gibt. Deswegen gibt es Projekte, die über mehrere Jahre reifen können, bevor sie auf die Bühne kommen. Wichtig ist mir aber immer der Dialog mit Musikwissenschaftlern, Philosophen und meinen Musikerkollegen, damit sich die Programme angemessen entwickeln können. Ich suche dabei nach einer künstlerischen Authentizität, die uns als Ensemble ausmacht.

Für jeden Musiker ist das Publikum wichtig. Gibt es bei Euch besondere Aktionen wie Publikumsgespräche? Nach den vergangenen Monaten ohne Konzerte oder vor Kameras während des Lockdowns ist mir noch einmal mehr bewusst geworden, wie wichtig das Publikum für uns ist. Die Reaktionen der Zuhörer beeinflussen unser Spiel beinahe genauso stark, wie die Kommunikation mit den Kollegen auf der Bühne. Wir versuchen, für unser Publikum ansprechbar und immer offen zu sein, wo es die Situation erlaubt. Während der Corona-Krise entstand so unser neuer Blog, um die Kommunikation untereinander, aber auch besonders mit unserem Publikum zu fördern.

Ihr konzertiert ja nicht nur, sondern habt auch diverse CDs aufgenommen … Ja, CD-Produktionen gehören einfach dazu. Vor einigen Wochen haben wir die 27. CD aufgenommen mit Musik von Michael Praetorius. Es ist schön, diese Veröffentlichungen zu haben und damit auch die Entwicklung von Capella de la Torre nachverfolgen zu können. Trotzdem ist das Live-Event noch ein direkteres und auch emotionaleres Erlebnis.

Ein besonderes Anliegen der Capella de la Torre ist neben den Konzerten die Arbeit mit einem jungen Publikum, die in einer Vielzahl von Vermittlungsprojekten ihren Ausdruck findet. Was bietet Ihr an? Wir haben einen Education-Bereich, der seit einigen Jahren stetig wächst und aus immer mehr und immer wieder neuen Formaten besteht. Die Education-Programme von Capella de la Torre wollen vor allem eines: Neugier wecken! Dabei legt das Ensemble Wert darauf, Menschen verschiedenster Altersgruppen anzusprechen. Von Kindern ab vier Jahren bis hin zu Erwachsenen mit oder ganz ohne Vorkenntnisse ist für jeden etwas dabei. Familienkonzerte wie das "Klingende Museum" (das 2013 den Förderpreis Musikvermittlung in Niedersachsen erhielt) oder "Die echten Stadtpfeifer" stehen dabei anderen ungewöhnlichen Formaten gegenüber. "Zeitmaschine" ist ein Angebot für Klassen allgemeinbildender Schulen. Auch im Rahmen unserer Schwetzinger Residenz wollen wir mit Schülern arbeiten.

2016 bekamt Ihr den ECHO Klassik in der Kategorie "Ensemble des Jahres". 2017 gab es einen weiteren ECHO Klassik für die CD "Da Pacem – Echo der Reformation" zusammen mit dem RIAS Kammerchor. Und 2018 erhielt die Capella de la Torre den ersten OPUS Klassik für die Aufnahme "Serata Venexiana". Welche Rolle spielen solche Preise für Euch? Es ist großartig, dass durch solche Preise eine größere Öffentlichkeit auf uns und unsere Musik aufmerksam wird. Natürlich freut es uns aber auch, wenn unsere Arbeit auf diese Weise zusätzliche Anerkennung findet.

Um die Musik vergangener Jahrhunderte für heutige Ohren lebendig werden zu lassen, finden aktuelle historische und musikwissenschaftliche Erkenntnisse ständig Eingang in Eure Programme. Wie wichtig ist da die Arbeit mit Quellen und Originaltexten? Sehr wichtig. Sie spielt bei allen Projekten eine herausragende Rolle. Viele unserer Stücke gibt es noch nicht in moderner Notation, ich schreibe sie selbst um, damit sie aufgeführt werden können.

Die Corona-Pandemie hat ja das gesamte Kulturleben beeinträchtig? Wie seid Ihr durch die Krise gekommen? Wir haben versucht, möglichst kreativ mit der Situation umzugehen und als erstes den bereits erwähnten Blog ins Leben gerufen. Dort wollen wir auch in diesen besonderen Zeiten als Musiker untereinander, aber auch mit unserem Publikum in Kontakt bleiben. Besonders wichtig sind mir auch neue Projekte, die sich im Augenblick teilweise digital und teilweise analog entwickeln. So haben wir beispielsweise einen ersten Online-Workshop für Alte Musik durchgeführt, oder auch das deutschlandweit verortete Projekt "CapellaNATIONWIDE". Im Moment arbeiten wir an einer neuen digitalen Bühnenplattform, die neben Streams auch neue 95 Capella de la Torre Konzert- und Education-Formate beinhalten wird. Besonders wichtig ist mir hier eine Interaktionsmöglichkeit mit dem Publikum, die über die bislang bekannten Tools bei Facebook oder Youtube hinausgeht. Bereits im Herbst 2020 soll es die ersten Pilotprojekte geben, und ich freue mich schon sehr darauf.

Du bist ja nicht nur Ensemble-Leiterin, Du bist auch für mehrere Festivals und Konzertreihen verantwortlich. Welche Projekte stehen da im Vordergrund? In der augenblicklichen Situation ist es mir besonders wichtig, den Kollegen trotz der Pandemie- Einschränkungen und der damit einhergehenden Probleme die Möglichkeit zum Auftreten zu geben. Wo es aufgrund der aktuell geltenden Bestimmungen nötig ist, verringern wir Besetzungen und passen Programme an, damit auch in diesem Jahr etwas stattfinden kann. Die Pandemie und ihre Auswirkungen werden uns alle noch lange beschäftigen, deswegen müssen wir zusammen neue Wege suchen und sie dann auch zu gehen beginnen.

Und wie sind Eure Zukunftspläne? Gibt es neue Konzert-Ideen? Im Zusammenspiel mit der Entwicklung der neuen Digital-Plattform für Musik wird es auch speziell auf diese Gegebenheiten zugeschnittene neue Konzertformate geben. Wir sind davon überzeugt, dass es Mut braucht, um neue Wege zu gehen. Auch scheinbar festgefügte Regeln und Rituale im Konzertbetrieb müssen dabei neu beleuchtet und den Gegebenheiten angepasst werden. So erarbeiten wir beispielsweise zusammen mit dem französische Installations- und Videokünstler Jean-François Guiton ein neues Konzertformat, das analoge und digitale Komponenten vereint. Der "magische Moment" eines Konzertes mit Publikum im selben Raum ist in seiner reinen Form sicherlich nicht ersetzbar. Es braucht jetzt aber komplementäre Ideen und neue Wege, um Musik auf höchstem Niveau auch weiterhin und womöglich noch mehr als bisher für alle zugänglich zu machen.

Konzerttermine

Grenzgänge | Capella de la Torre Dimensions – Polyphonie & Karate

Grenzgänge: Dimensions – Polyphonie & Karate  mehr...

Capella de la Torre & Chorwerk Ruhr Bachs Erinnerungen

Chorwerk Ruhr & Capella de la Torre  mehr...

STAND
AUTOR/IN