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Vielgestaltig und zeitlos aktuell prägt der Orpheus-Mythos seit zweieinhalbtausend Jahren die Kultur des Abendlandes.

Der mythische Musiker Orpheus, im kollektiven Erinnerungsschatz eine Gestalt von besonderer Strahlkraft, betrat die Weltbühne im Laufe des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts. Als seine Heimat gilt Thrakien, eine der ältesten Kulturlandschaften Europas am heutigen Dreiländereck von Bulgarien, Griechenland und der Türkei. Von dort stammen auch herausragende Gottheiten wie Apoll und Dionysos, die gefürchteten Nordwinde des Boreas oder der prominente Gladiator Spartakus: eine von jeher bedeutsame Region also, die aber erst seit Gründung der noch jungen archäologischen Disziplin "Thrakologie" wieder mehr ins allgemeine Bewusstsein rückt. So förderte u. a. die Europäische Union das LEADER-Projekt "Rhodopen – auf den Spuren von Orpheus und Eurydike", das mit dem größtenteils bulgarischen Rhodopen-Gebirge die Heimat des Orpheus auch für den Tourismus erschloss. Seit einiger Zeit ermöglicht dort ein Abstieg in die Teufelsschlund-Höhle zumindest eine Ahnung davon, auf welch gefährlichem Weg Orpheus zu seiner Eurydike in die Unterwelt hinabstieg … Ob sich nun aber die kleine Stadt Smoljan zu Recht dieses großen Sohnes rühmt oder ob das Felsengrab bei Tatul wirklich dessen sterbliche Überreste birgt? Ob am Anfang des Mythos vielleicht tatsächlich ein leibhaftiger Mensch stand? All das bleibt ein Geheimnis der Geschichte, zumal sich unter den widersprüchlichen Überlieferungen auch durchaus plausible Hinweise darauf finden, dass Orpheus göttlichen Ursprungs ist und noch heute an Eurydikes Seite durch die Auen des Jenseits wandelt.

Weitgehende Einigkeit besteht darüber, dass Orpheus’ Mutter die Zeus-Tochter Kalliope war, als eine der neun Musen vor allem zuständig für Gesang und epische Dichtung, aber auch bewandert im Saitenspiel. Je nach Überlieferung empfing sie ihren Sohn von dem mythischen König und Flussgott Oiagros oder aber von dem Lichtgott Apoll, mit dem sie die Kunst-Leidenschaft teilte; aus dieser Verbindung stammt zudem ein zweiter Sohn namens Linos, der bis heute im Schatten seines Bruders steht. Es war naheliegend, dass Orpheus und Linos eine fundierte künstlerische Ausbildung erhielten: Apoll, selbst ein nicht unbedeutender Musiker, schenkte seinen Söhnen ein Saiteninstrument (in den meisten Berichten eine Lyra) und Kalliope unterwies die beiden nicht nur in dessen virtuoser Handhabung, sondern lehrte sie zudem die Kunst der Dichtung. Obgleich Linos seinerseits so herausragend die Saiten zupfte, dass ihm die Ehre zuteil wurde, Musiklehrer des Herakles zu werden, tat er sich vor allem als Mann des Wortes hervor: Er gilt als Meister der geschliffenen Rede und des lyrischen Gesangs und soll gar in Griechenland das phönizische Alphabet eingeführt haben. Ein allzufrühes Ende fand er, als sein jähzorniger Schüler ihn aus Wut über allzuviel pädagogische Unterweisung kurzerhand erschlug. So versank Linos in Vergessenheit und lässt heutzutage allenfalls noch als Buchstaben- Kobold in Lesebüchern an seine einstige Bedeutung erinnern.

Welch ungleich ruhmreicheres Schicksal Orpheus zuteilwerden sollte, zeichnete sich schon im 5. Jahrhundert v. Chr. ab, als sich in seinem Namen Religionsgemeinschaften zusammenschlossen, um als "Orphiker" religiöse Grundsatzfragen zu erörtern und nach der Unsterblichkeit der Seele zu streben. Von ihren zahlreichen Schriften sind der Nachwelt vor allem 87 "Orphische Hymnen" erhalten, deren Autorschaft lange Zeit irrtümlich Orpheus selbst zugeschrieben wurde. Überhaupt wurde er schon früh in kultischen Grundsatzfragen positioniert: So soll er mit seinen harmonischen Klängen dem exzessiven Dionysos-Kult apollinische Ordnung entgegengesetzt haben (was ihm die Dionysos-Anhänger sehr lange nachtrugen).

Orpheus war als ein ungewöhnlich ausdrucksstarker Musiker bekannt

Bald war weithin bekannt, dass Orpheus ein ungewöhnlich ausdrucksstarker Musiker war, der mit dem kunstvollen Miteinander von Lyraspiel und Gesang Herzen rühren, wilde Tiere zähmen, die Elemente besänftigen sowie Götter und Steine erweichen konnte. Orpheus’ schon frühe Berühmtheit lässt sich auch daran ermessen, dass Jason ihn als einen der ersten für die Besatzung der Argonautenfahrt anheuerte. (Apollonios von Rhodos erzählt davon anschaulich in seiner "Argonautika".) Und tatsächlich trug der Musiker maßgeblich zum Gelingen der Operation "Goldenes Vlies" bei, indem er u. a. den Rudertakt vorgab, Streitereien schlichtete, Opferzeremonien die gebotene Feierlichkeit verlieh, das aufgewühlte Meer beruhigte und den lebensbedrohlichen Gesang lockender Sirenen übertönte.

Schon zuvor wurde Orpheus in der stetig anwachsenden Literatur immer häufiger mit einer Frau in Verbindung gebracht, deretwegen er sich in den Hades wagte. Es ist unklar, wann genau sie in sein Musikerleben trat und wann sie als (Nymphe) Eurydike identifiziert wurde. Schon Platon wusste in seinem Symposion von ihr zu berichten, allerdings ohne Fragen der Liebe (oder auch Kunst) allzu viel Wert beizumessen.

Er bemängelte vor allem, dass der "Spielmann" die Unterwelt lebend aufsuchte, statt – so wie einst Alkestis ihrem Mann – der geliebten Frau heroisch in den Tod zu folgen. Konsequenterweise fand der Philosoph es dann auch durchaus angemessen, dass der "Weichling" letztlich "von Weibern" (Bacchantinnen) in Stücke gerissen wurde. Dieses grausame Ende hatte schon zuvor Aischylos als Stoff seiner "Bassariden"-Tragödie gewählt – dort widerfuhr es Orpheus jedoch vor allem, weil er sich weigerte, Dionysos als größtem Gott zu huldigen. Eurydikes entscheidende Stunde schlug um die Zeitenwende, als Horaz seine Oden schrieb und der Stoff in Vergils "Georgica" und Ovids "Metamorphosen" pastorale Züge sowie die bis heute bekannte Gestalt annahm: Orpheus darf dank seines anrührenden Gesangs Eurydike wieder ins Leben führen, sich währenddessen aber nicht zu ihr umdrehen. Als er es dennoch tut (die Frage nach dem Grund füllt etliche Abhandlungen) verliert er seine Frau endgültig und fällt selbst auf besagte grausame Weise wilden Frauen zum Opfer. Allerdings gesteht Ovid, der erstmals die Liebe besonders heraushebt, dem Paar nach allem Leid eine Wiedervereinigung im Jenseits zu. Und für Verewigung im Diesseits sorgte Apoll, indem er die Lyra seines Sohnes zum Sternbild erhob.

Orpheus war ein beliebtes Projektionsobjekt, vor allem im Musiktheater

In den folgenden Jahrhunderten wurde Orpheus mehr denn je zum Projektionsobjekt: Seine Nähe zu Christus – (dem Himmel nah, die Umwelt beherrschend, den Tod bezwingend und für die Liebe lebend) – erschien den einen ebenso fraglos wie sein abschreckendes Beispiel für weltliche Lust den anderen. Er sang sich durch Bildende Kunst und Literatur, wurde zum Zündstoff philosophischer Traktate und am Ende der Renaissance seinerseits Teil einer speziellen Wiedergeburt: der Erfindung der Oper.

Die Hintergründe sind gemeinhin bekannt: Mitglieder der Florentiner Camerata, eines Kreises von Gelehrten und Künstlern, fassten im Zuge ihrer Rückbesinnung auf die Antike den Entschluss, Dramen musikalisch vorzutragen, auch Dialoge zu singen. Es ist umstritten, welches Werk für sich in Anspruch nehmen darf, die erste Oper der Musikgeschichte zu sein: "Dafne" aus dem Jahre 1598 oder "L’Euridice" aus dem Jahre 1600, die beide aus den Reihen der Camerata stammten. Anders als die über einen längeren Zeitraum entstandene (und nur fragmentarisch überlieferte) Dafne ist Jacopo Peris "L’Euridice" jedoch die erste als Ganzes komponierte (und vollständig erhaltene) Oper, die zur königlichen Hochzeit von Maria de’ Medici aufgeführt wurde und deshalb der Braut zu Ehren Eurydikes Namen im Titel trägt. Dem freudigen Anlass entsprechend ist auch Orpheus’ Befreiungsaktion diesmal von Erfolg gekrönt und mündet in ein großes Fest der Liebenden mit allen anwesenden Hirten und Nymphen. Manch ein Gedanke dieses Pastoralspiels wirkte inspirierend auf Claudio Monteverdi, der 1607 in Mantua seine Favola in musica "L’Orfeo" zu einem – vor allem auf Vergil und Ovid basierenden – Libretto von Alessandro Striggio d. J. uraufführte. Hier nun waren Drama und Musik derart zwingend miteinander verknüpft, dass manch einer erst jetzt die tatsächliche Geburtsstunde der Oper datiert.

Es ist wohl mehr als reiner Zufall, dass nicht nur Orpheus’ Name, sondern auch die von ihm verkörperte (und in den folgenden Jahrhunderten vieldiskutierte) Verbindung von "Musica e Parole", von Musik und Wort, am Anfang dieser Gattung steht. "Man sagt kaum zuviel mit dem Satz, alle Oper sei Orpheus", konstatiert noch über 300 Jahre später Theodor W. Adorno und nennt dabei in einem Atemzug mit Monteverdis "L’Orfeo" die Azione teatrale per musica "Orfeo ed Euridice", mit der Christoph Willibald Gluck 1762 einen weiteren Meilenstein der Operngeschichte setzte: In den anderthalb Jahrhunderten nach Entstehung der Oper war eine Vielzahl von Orpheus-Vertonungen entstanden, in denen neu hinzugefügte Personen, Götter und Nebenhandlungen nicht selten dazu führten, dass die Geschichte nur noch in ihren Grundzügen erkennbar blieb (so verwandelte beispielsweise die thrakische Königin Orasia Telemanns "Orfeo" in ein veritables Eifersuchtsdrama). Und auch die Macht der Musik als Grundaussage des Mythos rückte immer mehr in den Hintergrund.

Im Programm: Orfeo ed Euridice von Gluck

Gluck und sein Librettist Ranieri de’ Calzabigi jedoch konzentrierten sich nun wieder ganz auf Liebesfreud, -leid und Charisma des Musikers und stellten ihm neben Eurydike lediglich Amor zur Seite, der als Ratgeber, Begleiter und zeitgemäßer Deus ex machina wie das Alter Ego des Protagonisten anmutet. Der Chor sorgt als Hirten-, Geister- oder Furienschar für das jeweilige Ambiente und besinnt sich zudem auf seine antike Rolle als Kommentator. Solch eine Fokussierung auf das Wesentliche legt auch eine entsprechende szenische Umsetzung nahe, wie sie bei den Schwetzinger SWR Festspielen zu sehen ist: Glucks Oper erweist sich als Seelendrama, in dem Kulissen zweitrangig sind, da sich Handlung und Grundaussage aus der Tiefe des Werkes entwickeln lassen und in erster Linie einer aussagekräftigen Personenregie bedürfen.

O Orpheus singt! … Und alles schwieg. Doch selbst in der Verschweigung ging neuer Anfang, Wink und Wandlung vor.

Rainer Maria Rilke, Sonette an Orpheus I

Mit Manfred Trojahns Rilke-Vertonung "Sonette an Orpheus" schließt sich der Bogen zur derzeit jüngsten Orpheus-Kompositionen der Musikgeschichte: Das im August 2020 bei den Sommerlichen Musiktagen Hitzacker uraufgeführte Auftragswerk ist Mittelpunkt einer von Horaz bis zur Gegenwart reichenden musikalisch-literarischen Orpheus-Collage, die eindrücklich beweist, welche Erkenntnisse der ungebrochen aktuelle und facettenreiche Mythos noch immer über das Menschsein und die Möglichkeiten der Kunst bereithält.

Die Schlaglichter auf Orpheus’ zweieinhalbtausendjährige Geschichte lassen erahnen, welch fundamentale Bedeutung diese Figur mit all ihren Metamorphosen hat. Jede künstlerische Auseinandersetzung bedingt die Suche nach einem eigenen Weg durch das Labyrinth der Überlieferungen und Interpretationsmöglichkeiten. Die konsequenteste Form, gerade diese Vielfalt zum Gestaltungsprinzip zu erheben, bietet vielleicht ein Pasticcio, dessen ureigenes Wesen es ist, ausgewählte Versatzstücke aus verschiedenen Werken zu einem neuen Ganzen zu vereinen. Aus einem solchen Vorgehen ist "Orpheus und die Zauberharfe" entstanden, das diesjährige Musiktheaterstück (nicht nur) für Kinder. Es folgt in Grundzügen zwar der bekannten Geschichte von Orpheus und Eurydike, variiert sie zugleich aber mit weiteren Figuren (darunter Linus und die Telemanns Orasia verwandte Eris) sowie mythologischen Motiven und Handlungssträngen: zu einem zeitlos gültigen Märchen über die Macht von Freundschaft und Liebe sowie die Zauberkraft der Musik.

Aufführungen

Musiktheater (nicht nur) für Kinder Orpheus und die Zauberharfe

Orpheus und die Zauberharfe – Ein Opern-Pasticcio (nicht nur) für Kinder  mehr...

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Sonette an Orpheus Udo Samel, Oliver Wille, Markus Becker

Eine musikalisch-literarische Collage mit Udo Samel, Oliver Wille und Markus Becker  mehr...

Oper | Akamus Gluck: Orfeo ed Euridice

Azione teatrale per musica in drei Akten von Christoph Willibald Gluck (Musik) und Rainieri de‘ Calzabigi (Libretto)  mehr...

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Azione teatrale per musica in drei Akten von Christoph Willibald Gluck (Musik) und Rainieri de‘ Calzabigi (Libretto)  mehr...

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