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Eine kommentierte Reise unter die Hirnschale der Empfindsamkeit

"Fliegt das Herz dem Verstande voran, so erspart es der Urteilskraft unsägliche Mühe." So mühelos, ja selbstverständlich dieser Satz daherkommt, es steckt doch einiges an Sprengkraft darin. Es ist die Sprengkraft einer weithin unterschätzten Revolution unserer Art zu denken und zu fühlen – eine Revolution in der Geschichte des Geistes und der Künste, die uns mehr angeht als wir gemeinhin glauben, und das nicht nur, weil sie die Musik- und Literaturlandschaft des späten 18. Jahrhunderts nachhaltig geprägt und so der Romantik den Boden bereitet hat, ohne dass man diese beiden miteinander verwechseln dürfte. Die Rede ist von der sogenannten Empfindsamkeit.

Der Begriff dient hierzulande einer Kunst-Epoche als Name, und zwar weil Zeitgenossen ihn sich selbst gegeben haben. Er geht auf den Mann zurück, von dem das Eingangszitat stammt: Laurence Sterne, Pfarrer im äußerst ländlichen North Yorkshire, geboren im Jahr 1713 in Irland am Rande eines Schlachtfeldes, gestorben 1768 in London, ebendort auch zum ersten Mal begraben, zum zweiten Mal dann – zumindest in Teilen – im Jahr 1969 in Coxwold, einem bezaubernden kleinen Ort nun wiederum in North Yorkshire, wo Laurence Sterne im Pfarrhaus gegenüber der Kirche und des Friedhofs, auf dem Teile von ihm – wahrscheinlich – unter einer Steinplatte ruhen, neben viel gelesenen Predigten Weltliteratur schrieb, zwei unvollendete Romane, um genau zu sein.

Das klingt wirr, ist es auch, lässt sich aber aufklären, zu weiten Teilen zumindest. Ein unerklärter, unerklärbarer Rest wird bleiben. Und darum geht es: sowohl um den Vorgang des Aufklärens als auch um diesen Rest, also um das, was nach erfolgter Aufklärung übrigbleibt. Wir bewegen uns um 1750 auf dem Höhepunkt der Epoche der Aufklärung in Europa, zu der die Empfindsamkeit oft fälschlicherweise in Opposition gesetzt wird. Es sind dies vielmehr zwei Seiten einer Medaille, unterschiedlich gesetzte Schwerpunkte auf dem Weg zur Erkenntnis. Schließlich haben die Protagonisten und wenigen Protagonistinnen der Aufklärung die sinnliche Erfahrung zur Grundlage menschlicher Erkenntnis erklärt, den sogenannten Sensualismus, der den Rationalismus als Leitsystem der Welterklärung ablöste, auf dem die Philosophie und die Ästhetik der Renaissance und des Barock gegründet hatten. Demnach prägen unsere Gedanken und Ideen die Welt, nicht umgekehrt. Mit der Wende vom Rationalen zum Sinnlichen, eindringlich ins Bild gesetzt in der Metapher von unserer Seele als tabula rasa, als leerem Blatt, auf das die Sinneseindrücke ihre Geschichte schreiben, setzt die Aufklärung um 1700 ein. Und mit dieser Wende zum Sinnlichen trägt diese Aufklärung von Anfang an eine Sollbruchstelle in sich: die Frage, wieviel Bedeutung und Macht man dem Gespürten, Erfahrenen, Gefühlten zugesteht, auf dem das Gedachte, Erkannte, Konstruierte beruht. Die Aufklärer waren immer damit beschäftigt, die Grundlage ihrer Erkenntnisse in Schach zu halten. Die Neigung auffällig vieler Aufklärer zu Schwärmereien, Geistersehertum und Mystizismus waren Symptome dieses Unterdrückungskampfes.

Für das, was geschieht, wenn man diesen Widerstand programmatisch aufgibt, radikal sinnlich aufklärt und mit allen Sinnen bei den Sinnen selbst bleibt, stehen exemplarisch das Leben und Denken Laurence Sternes, seine beiden sogenannten Romane und der von ihm geprägte Neologismus sentimental, für den kein Geringerer als Gotthold Ephraim Lessing das deutsche Pendant empfindsam fand.

Eines der beiden unvollendeten Sterne-Bücher trägt den programmatischen Titel A Sentimental Journey – programmatisch, weil er in der literarischen Form eines fiktiven Reiseberichts das praktiziert und reflektiert, was man als die sinnliche Seite der Aufklärung bezeichnen kann. Dafür ersann Sterne das Wort sentimental. In seiner Not, wie das auf deutsch auszudrücken sei, wandte sich der Übersetzer an Lessing, der in einem Brief antwortete: "Es kommt darauf an, Wort durch Wort zu übersetzen, nicht eines durch mehrere zu umschreiben. Bemerken Sie sodann, dass sentimental ein neues Wort ist. War es Sterne erlaubt, sich ein neues Wort zu bilden, so muss es eben darum auch seinem Übersetzer erlaubt sein. Die Engländer hatten gar kein Adjektivum von sentiment; wir haben von Empfindung mehr als eines: empfindlich, empfindbar, empfindungsreich; aber diese sagen alle etwas anderes. Wagen Sie empfindsam, wenn eine mühsame Reise eine Reise heißt, bei der viel Mühe ist, so kann ja auch eine empfindsame Reise eine Reise heißen, bei der viel Empfindung war."

Das Buch und das Wort trafen insbesondere bei deutschen Leserinnen und Lesern, und da ganz besonders bei den Schriftstellern und nun immer mehr werdenden Schriftstellerinnen einen Nerv, so sehr, dass das neue Wort wie ein Motto über einer neuen Epoche der Aufklärung stehen sollte: Empfindsamkeit. Yorick, die reisende, empfindende, liebende, suchende Hauptfigur der Sentimental Journey wurde zum Prototypen einer neuen Welterfahrung. Seinen eigenen Prototypen wiederum hat er in der Erzählerfigur des anderen Sterne-Romans Leben und Meinungen von Tristram Shandy, Gentleman. Was in dem einen Buch als Bewegung im Raum, als Reise konkretisiert und als Handlung versinnbildlicht wird, ist in dem anderen eine Forschungsexpedition nach innen, immer tiefer hinein in die Hirnwindungen des ersten Empfindsamen, buchstäblich also unter die Hirnschale der Empfindsamkeit. Walter Scott hat das in einer Einleitung zu dem schon während seines Erscheinens in neun Einzelbänden zum Kultbuch avancierenden Werk, für das bis heute keine passende Gattungsbezeichnung gefunden wurde, obwohl es von Jean Paul über Proust und Joyce bis zu Arno Schmidt immer wieder Autoren als Blaupause für ihre opera magna diente, so beschrieben:

"Bei Tristram Shandy handelt es sich weniger um eine Erzählung als um eine Ansammlung von Szenen, Dialogen und Porträts, teils komisch, teils gefühlvoll, durchsetzt mit viel Witz und Gelehrsamkeit, mal originär, mal geborgt. Das erinnert an die Unregelmäßigkeiten eines mittelalterlichen Saals, den ein überspannter Sammler gebaut hat, um die verschiedenartigsten altertümlichen Überbleibsel unterzubringen, die er mühsam angehäuft hat und die in ihren einzelnen Teilen gerade so wenig ausgewogen sind wie es eine Verbindung zwischen den Teilen einer verrosteten Rüstung gibt, die ihn schmückt."

Der in Cambridge lehrende Philologe Peter Conrad treibt Walter Scotts Gedanken, Sternes Roman lasse sich eher mit einer Bildergalerie vergleichen als mit anderen Texten, noch weiter: "Die Shandys bewohnen ein schwankendes verschachteltes Haus, in dem jeder Raum, jede Nische Erinnerungen ansammelt oder nutzlose Assoziationen oder gediegene Geschichten über Erkenntnisse", schreibt Conrad, und: "(Der Philosoph John) Locke bezeichnet die Seele eines Menschen bei der Geburt als 'leeren Schrank', der allmählich gefüllt wird, und es gibt eine bedeutende Tradition innerhalb der Literaturwissenschaft, die Tristram Shandy als ein Kabinett oder als Museum betrachtet: jeder Gedanke eine Kuriosität, jede Assoziation ein obskures Ausstellungsstück."

Damit sind wir fast unbemerkt wieder am Ausgangspunkt dieser Geschichte angelangt, jenem Pfarrhaus von Coxwold in North Yorkshire, in dem weite Teile von Tristram Shandy und die beiden existierenden Bände der Sentimental Journey geschrieben wurden. Dieses real existierende Haus trägt und trug schon zu Sternes Lebzeiten den Namen des fiktiven Schauplatzes von Leben und Meinungen von Tristram Shandy, Gentleman: Shandy Hall. Shandy Hall kann man besichtigen oder doch zumindest besuchen. Es ist kein Museum, sondern ein Schauplatz, der Ort, an dem eines der originellsten, umstrittensten und gerade in seiner Unberechenbarkeit prägendsten Bücher des abendländischen Literaturkanons geschrieben wurde. Es ist ein Ort, der, wenn man empfindsam genug ist, das zu spüren, diesen Geist noch atmet. Exponate gibt es nach jahrhundertelanger Nutzung als Pfarr- und Bauernhaus wenige. Das Exponat dieses Wallfahrtsortes ist das Buch, das hier geschrieben wurde.

Gibt sich ein Mann dem Walten einer beherrschenden Leidenschaft preis, — oder anders gesagt, führt ihn sein STECKENPFERD über Stock und Block, – dann adieu kühle Vernunft und brave Besonnenheit!

Aus: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman

Zum Museum wurde Shandy Hall in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts. Das erinnert an Erzählschulden aus der Exposition dieses Artikels (derlei Referenzen an eigene erzählerische Versprechen, die noch zu halten sein werden, gehören übrigens zu den Standardfiguren Sterneschen Erzählens): gemeint ist die Sache mit Sternes Grab. Sterne starb am Nachmittag des 18. März 1768 in London, 54-jährig. Es gab eine Feierstunde in der Kirche St. George, beerdigt wurde der Leichnam auf dem zu St. George gehörenden Friedhof in Mayfair, aufgrund der Stadtrandlage ein Jagdgrund für Grabschänder. Tatsächlich sollen Leichenräuber Sterne ausgegraben und an die Anatomie in Cambridge verscherbelt haben, wo er zu Demonstrationszwecken vor Studenten geöffnet werden sollte. Berichten zufolge hat einer, der dem beiwohnte, den Dichter erkannt, weitere Eingriffe verhindert (der Kopf sei allerdings schon vom Rumpf getrennt gewesen) und für eine erneute Bestattung gesorgt, allerdings ohne zu hinterlassen, an welcher Stelle auf dem Friedhof genau. Als der zum Teil aufgelassen wurde, suchte man unter den Skeletten nach den sterblichen Überresten des berühmten Autors. 11 500 Schädel wurden ausgegraben. Einige von ihnen trugen Spuren einer Obduktion. Da man mit der Marmor-Büste des Porträtisten Joseph Nollekens, die heute sowohl in Shandy Hall als auch in der National Portrait Gallery aufgestellt ist, eine wirklichkeitsnahe Vorlage hatte, meinte man, unter den Schädeln den Sterneschen identifizieren zu können. Zusammen mit einigen Knochen, die wiederum zu diesem Schädel gehört haben mochten, wurde der am 8. Juni 1969 an der Südwand der Kirche St. Michael and All Saints in Coxwold erneut beigesetzt.

Die Geschichte vom Leichenraub muss so nicht stimmen. Das gilt für vieles, was über Laurence Sterne erzählt wird. Wobei Sterne selbst Unklarheiten in seiner Biographie unter anderen Aspekten aufgeklärt oder auch verdunkelt hat als ausgerechnet mit Blick auf nachprüfbare Fakten. Aufklärung, das war für Sterne Erkenntnis des Gefühls, Kultur der Empfindung, Gespür fürs Wesen. Schließlich war, wie gesagt, die Empfindsamkeit zwar Teil der Aufklärung, aber eben jener Teil, der sich weit in dunkle Bereiche vorwagte, ohne dort zwangsläufig für Licht zu sorgen. "Denn lasst’s Euch gesagt sein", heißt es im Tristram Shandy, "in diesen neuer’n und aufgeklärteren Zeitaltern wohnen zwei Seelen in jedes Menschen Brust". Ja, auch Goethe war Sterne-Leser, sogar ein großer Bewunderer. Während Goethe am Ende allerdings der um Helligkeit bemühten Seite der Aufklärung doch den Vorzug gab, lotete Sterne das Empfindsame auch bis ins Dämmrige und bisweilen Dunkle hinein aus. Dabei stieß er in Untiefen vor, in die ihm nicht alle folgen wollten und wollen.

Und so teilt sich die lesende Menschheit heute in eine große Mehrheit, die nichts von Sterne gelesen, vielleicht auch nie von ihm gehört hat, und zwei kleine, radikalisierte, von ihren Überzeugungen regelrecht getriebene Gruppen: die Anti-Shandyaner, die Sterne für einen Plagiator, Scharlatan und überschätzten Phrasendrescher halten, und die Shandyisten, glühende, dem Autor herzlich zugetane Verehrer, lachende Freunde im Geiste, die sich immer wieder daran laben, wie Laurence Sterne der Chronologie, der Logik, der Berechenbarkeit ein Schnippchen schlägt und seine Leserinnen und Leser an Orte führt, von denen keiner geahnt hat, dass es sie gibt – was im Übrigen auch keineswegs gesichert ist.

Briefe unterzeichnete der Mann mal mit Yorick, mal mit Tristram, seltener mit Laurence. Seit dem Tag, an dem der Pfarrer beschlossen hatte, nicht Predigten, sondern das Leben zu schreiben, waren Text und Welt, Leben und Meinungen, Literatur und sogenannte Wirklichkeit eins, für ihn und für die, die ihn fortan lesen sollten. Deswegen ist die angemessene Form, sich diesem Erfinder der Empfindsamkeit als Lebensweise anzunähern, eine die Gattungsgrenzen überschreitende Performance, die von ihm und mit ihm über ihn erzählt, ihn selbst erzählen lässt, das berühmteste Gemälde von ihm genauer betrachtet – und in der musikalischen Spiegelung der Gefühle, die dabei freigesetzt werden, jenen Raum eröffnet, in dem jede und jeder im Publikum ihren oder seinen Sterne kennenlernen kann, erst einmal für einen Abend.

Autoren meines Schlages teilen mit Malern einen Grundsatz.– Wo exaktes Nachbilden unsere Gemälde weniger eindrücklich machen würde, wählen wir das geringere Übel; indem es uns sogar verzeihlicher dünkt, wider die Wahrheit als gegen die Schönheit zu sündigen.

Aus: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman

Ein Text von Hans von Trotha

Aufführungstermine

Festival | Schwetzingen A Sentimental Journey

Eine kommentierte Reise unter die Hirnschale der Empfindsamkeit
- mit dem Boulanger Trio, Ulrich Noethen und Hans von Trotha  mehr...

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