Force & Freedom. Ein Beethoven-Projekt mit Nico and the Navigators zur Festspieleröffnung

Aus Anlass des 250. Geburtstags von Ludwig van Beethoven werden die Festspiele 2020 mit einer außergewöhnlichen Musiktheaterproduktion eröffnet. Heike Hoffmann sprach mit Nicola Hümpel, der Künstlerischen Leiterin von Nico and the Navigators und Oliver Wille, Geiger im Kuss Quartett.

2019 waren Nico and the Navigators mit einem großen Schubert-Abend das erste Mal zu Gast bei den Schwetzinger SWR Festspielen. 2020 nun werdet Ihr die Festspiele eröffnen, mit einer neuen Produktion, die ihre Premiere in Schwetzingen erleben wird, bevor sie dann in Brüssel und Dortmund gezeigt wird. Eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Spätwerk Ludwig van Beethovens. "Force & Freedom" ist der Abend überschrieben – "Zwang und Freiheit". Welche konzeptionelle Idee liegt dem zugrunde?
NH: Wir wollen in dieser Produktion das Quartett op. 135, das Finale von Opus 59 Nr. 3 und den Dankgesang mit der Großen Fuge kombinieren. Dieser hat Beethoven ja bekanntlich selbst das Motto "tantôt libre, tantôt recherchée" – also frei und gebunden – vorangestellt. Was an dieser Beschreibung für uns spannend ist: Sie beinhaltet einerseits die Fixierung auf eine überlieferte Form, in der sich Beethoven bewegt – und die er andererseits kreativ aufbricht. Außerdem gibt es im Allegro von op. 135 auch noch den Zusatz »Es muss sein«, der die innere Notwendigkeit dieser künstlerischen Äußerung beschreibt. Beide Aussagen schließen den Dualismus von Zwang und Freiheit ein, sind Nico and the Navigators vertraut und stehen unserer Arbeit sehr nahe. Sie erzählen von künstlerisch notwendigen Brüchen und Gegensätzen und schließlich auch von der Situation eines Künstlers, der wie Beethoven bei aller Sehnsucht nach Autonomie doch auch Zwängen unterliegt und auf den Lohn für sein Schaffen angewiesen ist. Diese zerrissene Situation, die fraglos Einfluss auf jede Arbeit nimmt, wollen wir in Force & Freedom untersuchen.

Worin besteht aus Sicht des Musikers der Mehrwert, die späten Beethoven-Quartette – Gipfelpunkte der Gattung – in einer szenischen Darstellung neu zu interpretieren?
OW: Nach meiner Beobachtung ist es heute wichtiger als noch vor ein paar Jahren, die Menschen kennenzulernen, die Musik machen. Mich interessiert eine Nähe ohne Distanzlosigkeit. Und wenn man nun den metaphysischen Kreis einer eingeschworenen Truppe durchkreuzt, hineingrätscht, herüberzieht, wieder loslässt: da passiert Unglaubliches, Unberechenbares, auch Unwiederholbares. Und diese Einmaligkeit macht doch ein tolles Konzert aus. Beethoven ist für mich der größte Erfinder, der sich niemals kopierte. Keine Routine! Aber auch derjenige, der wahrscheinlich uns Menschen besser erkannte und in Töne setzte, mit allen emotionalen, psychologischen, intellektuellen und übersinnlichen Kräften. Was für ein "Ich" – aber auch Visionär für Gemeinschaft ...! Die Arbeit mit Nico and the Navigators eröffnet uns verdeutlichende Möglichkeiten für all diese Aspekte.

Nicola, mit SILENT SONGS into the Wild habt Ihr die Form des "staged concert" als eine sehr eigenwillige Form von Musiktheater entwickelt und außerordentlich erfolgreich erprobt. Inwiefern knüpft Ihr mit der neuen Arbeit hier an?
NH: Seitdem sich Nico and the Navigators intensiv mit dem Musiktheater beschäftigen, sind wir permanent auf der Suche nach neuen Formaten abseits des klassischen Opern- und Konzertbetriebs. Unsere »staged concerts« sind keine Zwischenformen, sondern eine Fortschreibung dieser Vorbilder in eine neue Richtung: Die Musiker agieren gemeinsam mit den Performern auch szenisch. Tanz, Gesang und Sprache finden ihren gemeinsamen Raum, in dem sie genrespezifisch Dialoge führen, anstatt sich gegenseitig zu illustrieren oder zu kommentieren. Dieses Prinzip wollen wir kontinuierlich weiter entwickeln – Force & Freedom bietet eine ideale Gelegenheit dafür. Wie schon der Name sagt …

Anders als bei den Liedern von Schubert, die ja per se schon Geschichten erzählen, arbeitet Ihr nun mit Werken absoluter Musik. Die späten Streichquartette von Beethoven sind höchst komplex und gelten landläufig als sperrig, hermetisch und schwer zu entschlüsseln. Was wird erzählt werden – gibt es überhaupt so etwas wie eine narrative Erzählstruktur?
NH: Wir nähern uns dem Thema unserer Inszenierungen nie linear, sondern immer assoziativ. Daher wird auch die Auseinandersetzung mit dem Leben und Werk Ludwig van Beethovens keine geradlinig erzählte Biographie, sondern eine Spurensuche werden: Wo finden wir den Künstler in seinen Kompositionen, wo tritt uns sein Dasein, seine Leidenschaft und sein Leiden in der Musik entgegen? Kann man, soll man aus dem Spätwerk auch das Leben destillieren, das mit allen Erfahrungen in diese Stücke eingeflossen ist? Im besten Falle stellen wir diese Fragen so, dass sich ein Kosmos für den Zuhörer und -schauer eröffnet, der auch zur Selbstbefragung einlädt.

Mit dem Kuss Quartett ist ein Ensemble dabei, das zu den besten Streichquartetten international gehört. Wie ist es zur Idee dieser Zusammenarbeit gekommen?
NH: Oliver Wille hat 2017 eine Vorstellung unseres Schubertabends SILENT SONGS into the Wild besucht, von dem er so angetan war, dass er telefonisch Kontakt mit mir aufnahm. Wir haben eine Weile geplaudert und gegrübelt, ob, wie und mit welchem musikalischen Material wir zusammenkommen könnten. Schon damals tauchte Beethoven im Gespräch auf. Als ich vom Auswendigspielen sprach und am anderen Ende der Leitung außer einem tiefen Durchatmen kein ernsthafter Widerspruch zu hören war, dachte ich, die sind trotz ihres Renommees wirklich offen – toll, und die beidseitige Entscheidung, es zu probieren, stand fest. In einem ersten kleineren Kennenlernprojekt mit unserer Tänzerin Yui Kawaguchi stellten wir dann fest, dass die Chemie phantastisch zusammenpasst – und wir fingen an, für die Zukunft gemeinsam weiter zu planen.

Die Tänzerin Yui Kawaguchi und das Kuss Quartett (Foto: Dieter Hartwig)
Die Tänzerin Yui Kawaguchi und das Kuss Quartett Dieter Hartwig

OW: Wie Nicola sagt, die Initiative kam von mir. Das Kuss Quartett ist stets auf der Suche nach dem "Dazwischen": Was passiert mit vier Leuten, die sich so lange kennen? Wie bleibt die Musik, die wir spielen und so lieben, lebendig, wie können wir das mit den Menschen im Raum teilen, wie bleiben WIR frisch und unverbraucht, was macht unsere gemeinsame Sache relevant, was hat es mit »heute« zu tun? Vertraute Weggefährten empfahlen Nico and the Navigators. Der Schubert Abend hat mich absolut fasziniert – vor allem, weil ich dabei niemals dachte, dass die Musik das nicht braucht. Also rief ich Nicola an: »Willst Du mal in unsere Psychologie als Quartett eintauchen, wenn wir den späten Beethoven spielen?« Daraus entstand die erste Arbeit gemeinsam mit Yui Kawaguchi für die Sommerlichen Musiktage Hitzacker, die ich leite. Eine Offenbarung für uns! Wir wollten mehr davon ...

Reicht Euch die musikalische Darstellung allein nicht mehr?
OW: Doch, klar. Das Tolle ist, dass uns die Musik nicht im Stich lässt. Niemals. Aber wie steht es um unser Kammermusik-Konzertleben? Es wandelt sich, genauso wie unsere Gesellschaft, wie Lebensentwürfe der Menschen. Ich sehe uns viel zu viel ins verstaubte Museum gehen und immer nur davon reden, wie »modern« das doch alles ist. Museum ist ja prima und wichtig, aber es reicht nicht. Auch führen wir öffentliche Diskurse mit selbst ernannten Experten, beschwören die Krise herauf, entgegnen ihr mit verblödetem crossover. Und unser Anspruch an Kunst? Das Abenteuer Konzert? ... Ich bin neugierig, möchte staunen, mich aufreiben, will Fragezeichen erleben. Das Theater schafft diese Aktualität viel besser, finde ich, auch weil es muss. Wir Musiker sollten das auch mutiger versuchen, mit allen Sinnen.

Welche Erfahrungen habt Ihr in der gemeinsamen Arbeitsphase in Hitzacker machen können? Diese Werke Beethovens stellen ja enorme spieltechnische und interpretatorische Herausforderungen, kaum vorstellbar, dass die Musiker dabei auch noch szenisch agieren können …
NH: Da muss ich entschieden widersprechen: Die Musiker des Kuss Quartett haben so souverän auf ihren Instrumenten und auf unserer gemeinsamen Bühne gespielt, als wäre diese Verbindung von Musik und Szene eine Selbstverständlichkeit für sie. Ein Streichquartett auf solch hohem Niveau folgt ja auch in seinen Konzerten einer eigenen Choreografie, auf der man wunderbar aufbauen kann. Und wenn die Musiker bereit sind, die klassische Contenance aufzugeben und sich selbst in einer Mischung aus "Force & Freedom" zu bewegen, dann kann daraus – in Verbindung mit den Navigators – etwas Magisches und überraschend Neues entstehen.

Oliver, wenn Sie mit Ihren Kollegen als Quartett musizieren, ist die Kommunikation eingespielt, Sie haben die Noten vor sich und Blickkontakt. Welche Herausforderungen stellt das szenische Arbeiten an die Instrumentalisten?
OW: Zunächst auswendig zu spielen, was man im Studium noch selbstverständlich tat – und lange her ist. Versuchen Sie mal die Mittelstimme eines späten Beethoven Quartetts zu erinnern! Stress pur ... Und dann ist eigentlich das, worum es uns ging, schwer: alle anderen in unser Ensemble einzubinden, sie Teil unseres Organismus werden zu lassen und dabei die Gruppe neu zu erfinden, ohne beliebig zu sein – im Gegenteil – sich genau auszudrücken, mit dem Instrument und dem Körper.

Die Tänzerin Yui Kawaguchi und das Kuss Quartett (Foto: Dieter Hartwig)
Die Tänzerin Yui Kawaguchi performt nebem dem Geiger Oliver Wille. Dieter Hartwig

Der Probenprozess funktioniert vermutlich ganz anders, als wenn Sie etwa ein neues Streichquartett erarbeiten?
OW: Ja, ganz anders. Das Schlimmste wäre: Tänzer springen um sitzende Musiker herum und bebildern flache Empfindungen. Nein, das darf nicht passieren! Es geht um kurioses Begegnen, Hinterfragen, Brüche, Erleben von Zeit und Raum. Es gibt am Anfang kaum Regieanweisungen, vielmehr wird ausgelöst und motiviert, dass wir aus uns heraus in Bewegung geraten. Wir versuchen nicht, Tänzer zu sein – das wäre peinlich! Aber Bewegungen verstärken unser physisches Spiel. Sehr aufregend finde ich den Prozess, das Verwerfen, das Finden, das Zusammentreffen von uns – die sich die Werke jahrelang musikalisch aneigneten – und den wunderbaren Kollegen, die sich neuerdings diesen Werken ganz unterschiedlich nähern. Wir sprechen viel, probieren, lachen, ärgern uns, sind glücklich und verzweifelt ... Ich bin um Worte verlegen, denn es ist anders als alles, was wir kannten, ein wirkliches Abenteuer.

STAND