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Genau den richtigen Zeitpunkt erwischt hatte das SWR Experimentalstudio, als es zwischen zwei Corona-bedingten Lockdowns ein Konzert in der Christuskirche Freiburg veranstalten konnte. Dass dies in jeder Hinsicht ein bemerkenswertes Erlebnis war, zeigen die Filmmitschnitte von Karl Thumm.

Auf dem Programm zwei Werke von Luigi Nono und eine Uraufführung des Italieners Maurilio Cacciatore, der sich in seiner Komposition auf das Oeuvre seines berühmten Landsmannes bezieht.

Warum aber war dieses Konzert bemerkenswert? Die Filme zeigen, was es bedeutet, in Zeiten der Corona-Pandemie ein Konzert zu veranstalten. Die Musiker weit auseinander – nicht nur, weil es die Musik verlangt. Die Zuhörer vereinzelt, jeder mit einem 1,5 Meter Abstand um sich herum. Der zeitweiligen Vereinzelung der Töne entsprach die erzwungene Vereinzelung der Zuhörenden. Und dennoch entstand ein atmosphärisch dichtes Konzert.

Lugi Nono: Interludio primo (aus Prometeo)

Das Interludio Primo aus Luigi Nonos Hörtragödie Prometeo – der kürzeste Satz innerhalb des abendfüllenden Opus' – ist sozusagen der Wendepunkt in dem inzwischen zu einem Meilenstein der Musikgeschichte avancierten Werk. Sowohl die drei Instrumentalisten als auch die Gesangsstimme spielen an der Grenze der Hörbarkeit.

Maurilio Cacciatore: Anche questo è silenzio (UA)


Maurilio Cacciatores Anche questo è silenzio bezieht sich thematisch auf eine Lecture, die Luigi Nono 1983 im Rahmen einer Konferenz gehalten hat und bei der es um die Beziehung zwischen Stille und Zuhören ging. Sie wurde für Cacciatore wichtig für die Entwicklung seines Konzepts der Stille als kompositorisches und theatralisches Mittel. "Wenn das Zuhören für das Publikum mit der Interpretation der Geschehnisse verbunden ist, so ist das Zuhören für die Musiker mit der Kontrolle der von ihnen produzierten Klänge verbunden. Durch die Verwendung der akustischen Rückkopplung als Hauptmaterial wird das Zuhören für deren Kontrolle dramatisch wichtig."

Luigi Nono: Guai ai gelidi mostri

Im März 1983 befand sich Luigi Nono im Schwarzwald zu einer Arbeitsphase im Freiburger Experimentalstudio. Zusammen mit dem damaligen Leiter Hans-Peter Haller erforschte er neue Möglichkeiten der klanglichen Zeit- und Raumklanggestaltung und widmete sich Studien zur Live-Elektronik. Dabei heraus kam u. a. Guai ai gelidi mostri, ein Werk der Extreme, in dem Nonos Bedürfnis, definierte Klangorte und -gesten zu vermeiden, konkret wird. Alle acht Interpreten, die dem Publikum gegenüber in einem Bogen plaziert sind, werden solistisch behandelt und durch Mikrophone verstärkt. Ihre Klänge, live-elektronisch transformiert, verteilen sich über acht möglichst unsymmetrisch angebrachte Lautsprecher im Raum. In das fragile Klangnetz der Musiker tauchen gedehnte Silben der Altstimmen ein. Nono vertont dabei keineswegs den gesamten Text von Massimo Cacciari, sondern wählt einzelne für ihn bedeutungsvolle Worte aus. Urplötzlich sprengen Bläserakkorde mehrmals das unruhige Klangkontinuum, diese Attacken liegen an der Grenze des noch akustisch Erträglichen.

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