Interview Labor des Hörens, Labor des Denkens

SWR Classic sprach mit Festivalchef Björn Gottstein über Programm der diesjährigen Donaueschinger Musiktage.

Björn Gottstein (Foto: SWR, SWR - Astrid Karger)
Björn Gottstein SWR - Astrid Karger

Herr Gottstein, das Festival beginnt mit einer Diskussion zum Thema Gleichberechtigung in der Musik. Liegt Ihnen das Thema besonders am Herzen?

Es wurde lange genug behauptet, dass wir, also die Akteure und Entscheider des Kulturbetriebs, besonders fortschrittlich und aufgeschlossen seien. Wenn dann Zahlen veröffentlicht werden, aus denen hervorgeht, dass im Kulturbereich Frauen schlechter gestellt werden als das zum Beispiel in Wirtschaftsunternehmen der Fall ist, dann ist das, gelinde gesagt, ein Skandal. Ich finde es deshalb wichtig, dass wir gleich zum Auftakt des Festivals einmal über die Ungleichheiten im Betrieb sprechen. Der Posaunistin Abbie Conant zum Beispiel ist als Mitglied der Münchner Philharmoniker jahrelang von Sergiu Celibidache allen Ernstes vorgehalten worden, dass sie der Posaune als Frau physisch nicht gewachsen sei und "zu häufig atmen" müsse. Bei den Darmstädter Ferienkursen sind nach wie vor viel weniger Komponistinnen als Komponisten verzeichnet. Immerhin ist die Tendenz steigend. Und letztlich ist die Geschlechterdebatte ja auch nur die Spitze des Chauvinismus einer Kunstform, die sich vom zentralen Europa her definiert und alles andere als eine Ausnahme ausgrenzt. Es gibt also reichlich Gesprächsbedarf.

In den beiden Orchesterkonzerten sind sage und schreibe sechs Solisten verzeichnet. Ist das klassische Konzert auf dem Vormarsch?

Es stimmt, dass die Komponisten dieses Verhältnis von einem Solisten zu einem Ensemble im Moment oft suchen. Es scheint in dem Spannungsraum zwischen dem Einzelnen und der Masse doch noch eine ganze Menge Potenzial zu liegen. Vielleicht ist es auch eine Reaktion auf die allgemeine Entwicklung unseres Lebensraums, wo die Vereinzelung oder auch die Isolation als prekär empfunden wird und wo emotionale Bindungen an Maschinen stärker sind als die Bindungen an Menschen.

Ist auch Martin Schüttlers Komposition Container-TV auch als Kommentar in diese Richtung zu sehen?

Wir bauen tatsächlich fast schon eine kleine Containerstadt in die Donauhallen. Schüttler nutzt mit dem Container einen Gegenstand, der vielfache Assoziationen weckt, die von der globalisierten Güterwirtschaft bis zum Menschenhandel reichen können. Dass er Musiker in Containern musizieren lässt, ist auch aber der Versuch, einen Rückzug zu inszenieren. Letztlich soll in der kalten, ökonomischen Architektur des Containers ja eine ganz persönliche Musik entstehen, bei der auch die Biografie der Musiker eine Rolle spielt. Das Stück öffnet unglaublich viele Räume, architektonische Räume, Bedeutungsräume, Klangräume.

Björn Gottstein (Foto: SWR, SWR - Ralf Brunner)
Gottstein: "Reichlich Gesprächsbedarf" in Sachen Geschlechterdebatte SWR - Ralf Brunner

Eines der Themen der diesjährigen Musiktage sind ja auch die "digitalen Wirklichkeiten".

Die digitale Wirklichkeiten, aber eher nicht im Sinne von "Künstlicher Intelligenz" oder "Virtueller Realität", sondern mehr als eine Denkfigur, aus der heraus Musik entstehen kann. Wenn Serge Baghdassarian und Boris Baltschun Kauzeneier präparieren, dann hat das für mich auch etwas damit zu tun, wie ich mich mit Computern unterhalte, mit Technik, die mir vorgaukelt, etwas Lebendiges zu sein. Auch sind die "digitalen Wirklichkeiten" kein gesetztes Thema, sondern eher eines, dass sich aus den vielen Gesprächen mit Komponisten herauskristallisiert hat.

Ist nicht vielleicht die Musik der Zukunft das Thema, das in Donaueschingen eigentlich verhandelt wird?

Das stimmt, dass wir in Donaueschingen jedes Jahr außergewöhnliche und auch wohl radikale Positionen präsentieren. Es liegt auch daran, dass wir ein produzierendes Festival sind und die Werke für Donaueschingen entwickelt werden. Im Idealfall entsteht dann etwas Paradigmatisches. Wenn das Solistenensemble Kaleidoskop von Anfang an mit einem Regiekonzept arbeitet, dann ist das ein starker Eingriff in den Erfahrungsraum des Konzerts. Und wenn ich die Skizzen des Regisseurs Laurent Chétouane anschaue, dann weiß ich auch, dass es für das Publikum nicht gemütlich zugehen wird. Interessant ist daran vielleicht nicht, ob es neu oder gar wie neu es ist, sondern der Stachel, den es setzt, dass es mich zwingt, mich als Hörer dazu zu verhalten.

Neben derart inszenierten Werken ist auch der Kurator der aktuellen documenta, Adam Szymczyk, zu Gast. Wie wichtig ist die Öffnung in Richtung anderer Kunstformen?

Ich spüre eine große Neugierde und auch eine große Lust auf neue Musik in den anderen Kunstbereichen. Auf der documenta in Kassel und, mehr noch, in Athen, ist die Musik sehr präsent. Die Gespräche mit der Malerin Corinne Wasmuht über das diesjährige Festivalplakat hatten viel mit Musik zu tun. Und wir versuchen uns ja auch am Film und am Theater. Es ist unglaublich wichtig, mal einen Filmregisseur oder einen Kunstkurator ins Konzert zu nehmen und das Konzert aus einem ganz anderen Blickwinkel zu betrachten. Donaueschingen soll nicht nur ein Labor der Klänge, sondern auch ein Labor des Denkens sein.

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