Donaueschinger Musiktage | Werke des Jahres 2021

Francesco Filidei: The Red Death

STAND

Werkkommentar von Patrick Hahn

"Der Rote Tod" verwüstet das Land. Ein Teil der Gesellschaft, abgeschottet vom Rest der Welt, wähnt sich in Sicherheit und frönt dekadenter Lustbarkeiten. Der Autor Edgar Allan Poe wurde als junger Mann Zeuge einer Cholera-Epidemie in Amerika. Er verarbeitete seine Eindrücke in der 1842 erstmals veröffentlichten Erzählung The Masque of the Red Death. Wie auch der Renaissance-Autor Bocaccio in seiner Novellensammlung Decamerone, die vor dem historischen Hintergrund der Pest in Florenz entstanden ist, kreiert Poe einen Rückzugsort von der seuchengeplagten Welt. Bei Poe sind es die dicken Mauern eines Klosters, entworfen vom exzentrischen Prinzen Prospero, welche den Tod von ihm und seinem Gefolge fernhalten sollen. Allein der Klang einer gewaltigen Uhr gemahnt die Gesellschaft an ihre Endlichkeit. Die größte Bedrohung in der Abgeschiedenheit scheint jedoch die Langeweile zu sein, die Prospero mit allen Mitteln virtuos bekämpft. Seine Erzählung kulminiert in der Schilderung eines Maskenballs, der in sieben besonderen Räumen seines Klosters stattfindet.

Eine andere Pandemie erschütterte die Grundfesten der Weltgesellschaft, als die Librettistin Hannah Dübgen und der Komponist Francesco Filidei sich mitten in der Arbeit an einem anderen Sujet entschieden, Poes Erzählung als Rahmen für ihre Arbeit anlässlich von 100 Jahren Donaueschinger Musiktage zu wählen. Das trügerische Gefühl von "Sicherheit", dem die westliche Gesellschaft lange erlegen war, war dem Gefühl einer latenten Bedrohung gewichen, gepaart mit der gedehnten Zeiterfahrung des Lockdowns. Dübgen und Filidei versetzen die Zuhörenden mitten hinein in Prosperos Festgesellschaft, drei Chorgruppen rahmen es von drei Seiten ein, Lautsprecher erzeugen einen Ring um das Publikum. Die zwölf Schläge der Uhr, die Poe in seiner Erzählung beschreibt, gliedern die Handlung ebenso wie die Idee der sieben Räume verwandelt aufgenommen wurde: in einer Verhandlung der sieben Todsünden. In ihrer Dichtung inspiriert sich Hannah Dübgen neben Poe auch an Motiven aus dem Purgatorio aus der Divina Commedia von Dante Alighieri, überträgt sie jedoch in eine eigenständige Handlung und eine eigene Sprache. Die Form, die sie gemeinsam mit Filidei kreiert, ist in einem Zwischenraum anzusiedeln von Oratorium und theatralischer Erzählung. So gibt es keinen "Testo", der das Geschehen von außen schildern würde. Prospero tritt auf als Gastgeber und Zeremonienmeister, der die Spielregeln setzt und das Geschehen unterbricht und lenkt. Auch die übrigen Solisten interagieren und dialogisieren miteinander, bevor sie sich in die Sündenmaskerade stürzen. Der Chor übernimmt sowohl eine reflektierende Rolle, wie er auch in das Geschehen eingreift.

The Red Death ist das zweite, abendfüllende Chorwerk, das Francesco Filidei binnen kurzer Zeit geschrieben hat: Im Oktober 2020 wurde sein Requiem, eine Vertonung des lateinischen Messtextes, uraufgeführt. Und wie im Requiem sucht Filidei in seinem Spiel mit historischen Vorbildern kein vorgeformtes Gefäß, sondern einen Widerstand, durch den die eigene Idee umso klarer hervortritt: "Wenn ich auch nicht an Gott glaube, versuche ich doch an die Passion unserer Geschichte zu glauben und was wir von ihr erinnern", schrieb Filidei anlässlich seines Requiems. "Darum verwende ich gerne Material, das gesättigt ist mit gelebten Erfahrungen. Darin fällt es leichter, sich selbst zu erkennen und die beschrittenen Pfade zu beobachten." Als "Passion" versteht Filidei The Red Death und das in mehrfacher Hinsicht: als Auseinandersetzung mit den Passionsvertonungen der Geschichte aber auch als eine Passion über das Leid unserer Zeit. Er begibt sich auf die Suche nach einer besonderen Vokalität, die er ansiedelt "zwischen Purcell und Radiohead" und die auf diskrete Weise mit elektronischer Verstärkung interagiert. Nach seinen beiden Musiktheatern Giordano Bruno und L'inondation schafft Filidei für The Red Death weitere neue Ausdrucksweisen für die menschliche Stimme. Filideis Vorliebe für eine Reibung mit historischen Formen und Materialien sowie seine Vertrautheit mit liturgischen Themen und Sujets liegt sicherlich auch darin begründet, dass er viele Jahre als Organist tätig war. Als musikalischer Berater am Teatro Reggio Emilia beschäftigte sich Filidei in den vergangenen Jahren auch immer wieder mit den Komponisten des Verismo.

Die Begegnung mit Stolz, Neid, Zorn, Faulheit, Gier, Völlerei und Wollust in The Red Death verspricht jedoch vor allem auch eine Konfrontation mit verschiedenen "Schreibweisen" der Neuen Musik, verschiedenen Schulen und Ästhetiken. Ihnen gemeinsam ist nur, dass sie von Francesco Filidei in The Red Death dekonstruiert werden. Filideis Komponieren lässt sich – ohne alle religiöse oder moralische Implikationen – Begreifen als ein Weg der Läuterung: Ein Prozess der Reinigung und Purifizierung. Seine Strategie ist dabei immer wieder die des "Contrapasso": So wie den Wahrsagern in Dantes Purgatorio der Kopf verkehrt herum wieder auf den Körper gesetzt wird und sie gezwungen, rückwärts zu gehen, wendet Filidei kompositorische Mittel gegen sich selbst an, bis sie nackt und bloß hervortreten. Kurz vor der Demaskierung Prosperos wendet Filidei auch im wörtlichen Sinne einen "Contrapasso" an, in Form eines musikalischen Rewind, in dem das Stück sich musikalisch zurückspult. Der musikalische Raum, in dem man anschließend eintritt, ist nicht nur der einer entsicherten und entzauberten Welt. Es ist mit einem Mal auch der einer Möglichkeit. "No / time left."

English

"The Red Death" devastates the country. A section of society, cut off from the rest of the world, imagines itself safe and indulges in decadent revelry. The author Edgar Allan Poe witnessed a cholera epidemic in America as a young man. He processed his impressions in the story The Masque of the Red Death, first published in 1842. Like the Renaissance author Bocaccio in his collection of novellas Decamerone, which was set against the historical backdrop of the plague in Florence, Poe creates a retreat from the pestilence-ridden world. In Poe's work, it is the thick walls of a monastery, designed by the eccentric Prince Prospero, which are supposed to keep death away from him and his entourage. Only the sound of a mighty clock reminds the society of its finitude. The greatest threat in seclusion, however, seems to be boredom, which Prospero fights with virtuosity using all means at his disposal. His narrative culminates in the description of a masked ball held in seven special rooms in his monastery.

Another pandemic shook the foundations of world society when librettist Hannah Dübgen and composer Francesco Filidei, in the midst of working on another subject, decided to choose Poe's narrative as the framework for their work on the occasion of 100 years of the Donaueschinger Musiktage. The deceptive sense of "security" to which Western society had long succumbed had given way to a sense of latent threat, coupled with the stretched-time experience of the lockdown. Dübgen and Filidei put the audience right in the middle of Prospero's festive company, three choral groups frame it from three sides, loudspeakers create a ring around the audience. The twelve strokes of the clock, which Poe describes in his narrative, structure the plot just as the idea of the seven rooms was taken up in a transformed form: in a negotiation of the seven deadly sins. In her poetry, Hannah Dübgen draws inspiration not only from Poe but also from motifs from the Purgatorio from Dante Alighieri's Divina Commedia, and transfering them into an independent plot and language. The form she creates together with Filidei is located in an intermediate space between oratorio and theatrical narrative. There is no "testo" to describe the events from the outside. Prospero appears as host and master of ceremonies, who sets the rules of the game and interrupts and directs the action. The other soloists also interact and dialogue with each other before plunging into the masquerade of sin. The chorus takes on both a reflective role and intervenes in the action.

The Red Death is the second full-length choral work written by Francesco Filidei within a short period of time: His Requiem, a setting of the Latin text of the Mass, was premiered in October 2020. And as in the Requiem, Filidei does not seek a preformed vessel in his play with historical models, but a resistance through which his own idea emerges all the more clearly: "Even if I don't believe in God, I try to believe in the Passion of our history and what we remember of it," Filidei wrote on the occasion of his Requiem. "That is why I like to use material that is saturated with lived experience. In it, it is easier to recognise oneself and to observe the paths taken." Filidei understands The Red Death as a "passion" and this in several respects: as an examination of the passion settings of history but also as a passion about the suffering of our time. He sets out in search of a special vocality, which he locates "between Purcell and Radiohead" and which interacts discreetly with electronic amplification. After his two music theatres Giordano Bruno and L'inondation, Filidei creates further new expressions for the human voice for The Red Death. Filidei's preference for a friction with historical forms and materials, as well as his familiarity with liturgical themes and subjects, is certainly also due to the fact that he worked as an organist for many years. As a musical advisor at the Teatro Reggio Emilia, Filidei has also repeatedly dealt with the composers of the verismo in recent years.

However, the encounter with pride, envy, anger, laziness, greed, gluttony and lust in The Red Death promises above all a confrontation with different "ways of writing" new music, different schools and aesthetics. The only thing they have in common is that Francesco Filidei deconstructs them in The Red Death. Filidei's composing can be understood – without any religious or moral implications – as a path of sublimation: a process of cleansing and purification. His strategy is repeatedly that of the "contrapasso": just as the soothsayers in Dante's Purgatorio have their heads placed backwards on their bodies, forcing them to walk backwards, Filidei uses compositional means against themselves until they emerge naked and bare. Just before Prospero's unmasking, Filidei also applies a "contrapasso" in a literal sense, in the form of a musical rewind in which the piece rewinds itself musically. The musical space into which one subsequently enters is not only that of a disarmed and disenchanted world. It is suddenly also that of a possibility. "No / time left."

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AUTOR/IN
SWR