Gesprächsreihe Defragmentation – Curating Contemporary Music

curAltor - Music Judging & Ranking Machine • Decolonizing the Music Institution • Contemporary Music on Display

Ist Ihre selbstkomponierte Klaviermusik gut genug für die Donaueschinger Musiktage? – Der "curAItor" testet Ihr Opus vor Ort. Nick Collins, Kamila Metwaly, Cedrik Fermont, Lars Petter Hagen und Ari Benjamin Meyers beschäftigen sich in ihren Gesprächen mit kuratorischen Praktiken in der Neuen Musik.

Defragmentation – Curating Contemporary Music ist ein Forschungsprojekt mit dem Ziel, die aktuell in vielen Sparten geführten Diskurse um Gender und Diversity, Dekolonisierung und technologischen Wandel nachhaltig in Institutionen der Neuen Musik zu verankern und kuratorische Praktiken in diesem Bereich zu diskutieren. Gefördert von der Kulturstiftung des Bundes, wurde die Recherche gemeinsam von den Darmstädter Ferienkursen, Donaueschinger Musiktagen, MaerzMusik – Festival für Zeitfragen und in Kooperation mit dem Ultima Festival Oslo getragen. Dabei ging es vor allem darum, strukturellen und habituellen Wandel hinsichtlich dieser ineinandergreifenden Themenbereiche zu beschleunigen und bessere Praktiken zu entwickeln. In Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und Kuratoren und Kuratorinnen aus verschiedenen Bereichen versucht Defragmentation, dies auf je eigene Weise in Angriff zu nehmen und Ergebnisse ihres Prozesses zu teilen. Auf der Basis dieses (selbst-)kritischen und doch generativen Ansatzes wollte das Projekt Katalysator sein und durch die Kooperation von vier prominenten Festivals für Aufmerksamkeit und Kontinuität sorgen.

Nick Collins | curAltor - Music Judging & Ranking Machine

Kann eine Maschine ein Musikfestival kuratieren? Nick Collins von der Durham University geht dieser Frage nach. Er greift dabei auf frühere Arbeiten zurück, darunter „automatic music generation“, „big audio database analysis“ im musikwissenschaftlichen Kontext und die „automatische Jury“ eines Dubstep-Remix-Wettbewerbs. Collins hat jetzt eine lernende Maschine programmiert, die zeitgenössische Klaviermusik beurteilt und bewertet, und zwar auf der Basis von über 100 Aufnahmen namhafter zeitgenössischer Klaviermusik, die seitens des Festivals ausgewählt wurde. Bitte bringen Sie Ihre eigene Klaviermusik mit und lassen Sie den curAItor zuhören.

Can a machine curate a music festival? Nick Collins of Durham University is investigating this question. Following related work on automatic music generation, big audio database analysis for musicology and the automatic jury panal for a dubstep remix competition, Nick Collins has programmed a learning machine that judges and ranks contemporary piano music. The judgment and ranking is based on over 100 recordings of notable contemporary piano music provided by Donaueschinger Musiktage. Now, please bring your own piano music and let the curAltor listen.

Kamila Metwaly & Cedrik Fermont: Decolonizing the Music Institution

Im Zentrum der musikbezogenen Auseinandersetzung mit Konzepten der Dekolonisierung steht zunächst die Frage, in welcher Form die westliche Kunstmusik des 20. Jahrhunderts mit Strukturen von Kolonialität in Verbindung stand und steht. Wo und auf welche Weise bestehen Relationen und Wechselwirkungen zwischen westlichen Kunstmusikformen und jenen von Anibal Quijano beschriebenen Systemen, die die Kolonialität von Macht („coloniality of power“) konstituieren und perpetuieren: Systeme der Hierarchie (symbolisch und ökonomisch, basierend auf ethnisch-rassistischer Differenz und Klassifizierung), Systeme von Wissen (eurozentristische Epistemologien) und kulturelle Systeme (die Hegemonie westzentrierter Produktionsformen im Zeichen der Moderne/Modernisierung), die sich im Zuge der Ko-Evolution von westlicher Moderne, modernem Kolonialismus und Kapitalismus seit dem späten 15. Jahrhundert herausgebildet haben. Von besonderem Interesse sind hierbei Begriffe wie die „Avantgarde“, das „Zeitgenössische“, musikalischer „Fortschritt“ und das „Neue“ in der Musik, in denen sich die chronopolitische Normativität der westlichen Moderne und ihre Geschichtsphilosophien widerspiegeln. Im Licht einer dekolonialen Kritik werden sie als Derivate der europäisch-eurozentrischen Machtmatrix erkennbar.

At the center of the music-based engagement with concepts and practices of decolonization stands, first of all, the question of the ways in which Western 20th-century art music was and is connected to structures of coloniality. Where, and in what manifestations, are there relations and interconnections between Western art music forms and the systems described by Anibal Quijano, which constitute and perpetuate the coloniality of power? Namely, systems of hierarchy (symbolic and economic, based on ethnic-racist difference and classification), systems of knowledge.(Eurocentrist epistemologies), and cultural systems (the hegemony of Western-centric modes of production under the banner of modernity/modernization) that developed in the course of the co-evolution of Western modernity, modern colonialism and capitalism from the late 15th century onwards. There will be a particular focus on such concepts as "avant-garde",  "the contemporary", musical "progress" and "the new" in music, which mirror the chronopolitical normativity of Western modernity and its philosophies of history. In the light of a decolonial critique, they become recognizable as derivatives of the European-Eurocentric matrix of power.

Lars Petter Hagen & Ari Benjamin Meyers: Contemporary Music on Display

Ein möglicher Ausgangspunkt dieses Gesprächs könnte das Buch Museums of the Future sein, in dem Cristina Bechtler und Dora Imhof eine Reihe von Fragen stellen, die man leicht auf die Neue Musik übertragen könnte und dringend auf sie übertragen sollte. „Welche Ausstellungen haben Sie in letzter Zeit am meisten inspiriert? Welche Funktion hat eine Ausstellung? Wie wichtig ist das Vorzeigen? Was ist gute Museumsarchitektur? Ist die Größe wichtig? Welche Rolle sollten Künstler*innen in einem Museum haben? Wie wichtig ist die Geschichte bei einem Museum für zeitgenössische Kunst? Was betrachten Sie als die zentralen Herausforderungen für Museen in der heutigen Zeit? Träumen Sie von einem perfekten Museum für zeitgenössische Kunst?“

One possible departure point for this conversation is the Museums of the Future by Cristina Bechtler and Dora Imhof, asking questions that can easily and should urgently be transposed to music: "What recent exhibitions did you find most inspiring? What is the function of an exhibition? How important is display? What is good museum architecture? How important are education and mediation? How important are the café and museum store? Should museums be producers? Should museums be places of participation? Does size matter? What role should artists have in a museum? How important is history for a museum of contemporary art? What do you see as main challenges for museums today? Do you have a dream of a perfect museum of contemporary art?"

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