Werke des Jahres 2017 Deathstar Orchestration

Marina Rosenfeld

für Klavier und Ensemble
Kompositionsauftrag des SWR

Deathstar (Todesstern), der Titel der jüngsten Einzelausstellung von Marina Rosenfeld in der Frankfurter Galerie Portikus (Februar–April 2017), verweist auf ein nicht fertiggestelltes Forschungsprojekt, das Ende der 1990er Jahre im Klanglabor von AT&T (früher Bell Labs) durchgeführt wurde. Rosenfeld rekonstruierte eine Mikrofonan­ordnung zur „perceptual soundfield reconstruction“. Dabei handelte es sich um eine Aufzeichnungsmethode, die darauf abzielte, eine lebendige, dimensionsgerechte und wahrnehmungsgetreue Darstellung eines akustischen Raums innerhalb eines anderen zu reproduzieren. Für Rosenfeld verwies die Bezeichnung „Deathstar“ – so der informelle Spitzname dieses Projekts – auf eine alternative technologische Zukunft, in der eine nichtlineare, dezentrale Subjektivität, die an die Unterschiede und Eigenheiten von Körpern gebunden ist, die künftige Emphase von Portabilität und Standardisierung (realisiert im Siegeszug des Smartphones) verdrängt haben könnte. Für ihre Arbeit griff Marina Rosenfeld die „Todesstern“­Idee der Umgebungsaufzeichnung auf, kontextualisierte sie allerdings mit einer unmittelbareren und komplexeren Zeitlichkeit: die der Galerie, die für die zweimonatige Dauer der Ausstellung zum Ort einer kontinuierlichen und simultanen Aufzeichnung und Wiedergabe wurde. Eine Zuspielung – bestehend aus langen Phasen von Stille, unterbrochen von Stimmäußerungen, Geräuschen und kurzen Ausbrüchen elektroakustischer Klänge – wurde auf Bodenhöhe in den Raum gespielt und mischte sich mit Umgebungsklängen (Gänse, Besucher, Verkehr, Glocken). Diese „Klangmixtur“ wurde wiederum von einem an der Decke angebrachten Mikrofonsystem aufgezeichnet, das das aufgenommene Signal (sowohl im Originalzustand als auch mit verschiedenen Verzerrungen und Echos) auf Lautsprecher im Ausstellungsraum sendete. Das Ergebnis war eine kontinuierliche und rekursive akustische Umgebung, in der „Komposition“ als ein unausgesetzter Prozess verstanden wurde. Eine fünfstündige Performance des Pianisten Marino Formenti gegen Ende der Ausstellung erweiterte zudem die zeitliche und bedeutungsbezogene „Verzerrung“, die der Arbeit eingeschrieben ist: Formentis Interpretation von notierten Transkriptionen des klanglichen Materials der Ausstellung beanspruchte Raum für eine zusätzliche Wiederaufnahme und Verbreitung. Für die Donaueschinger Musiktage hat Marina Rosenfeld eine Fortsetzung – aber auch eine Art von „Verletzung“ – der zyklischen Rekursivität des Portikus­Projekts erarbeitet, indem sie den fluiden, unvorhersehbaren, kontinuierlichen und selbstausbreitenden Maschinenzustand des „Deathstar“ – eine Apparatur, die sie eigens für diesen Zweck aus der historischen Versenkung holte – in die Öffentlichkeit des Konzertsaals fügt. Ihre Orchestrierung eines 30­minütigen Ausschnitts aus dem Vorrat der während der Ausstellung entstandenen Aufnahmen nähert sich dem Überfluss und der fallweisen Kontingenz dieses Materials mittels Notation und Inszenierung. Rosenfelds Orchestrierung ist eine Beschwörung der Maßlosigkeit, ein Ego­Trip, eine Geste, die mit der Phase einer Band verglichen werden kann, in der Farbe und Vielfalt von Orchesterinstrumenten für unabdingbar erachtet werden. In diesem Sinne ist auch hier eine „Wall of Sound“­Ästhetik erforderlich, bei der, anstelle üblicher Konzertverstärkung, Gitarrenverstärker nötig sind, um sinnfällig zu machen, dass die Orchestrierung eine Spielart des Überflusses ist und zur „klassischen Musik“ gehört – verstanden sowohl als Ereignis im Verlauf einer Chronologie als auch ein Genre der Konservierung und Historisierung. Während die Ausstellung im Frankfurter Portikus damit spielte, einen Raum in einem anderen zu reproduzieren, verfolgt Deathstar Orchestration diese Idee nicht weiter und behauptet stattdessen eine Identität, die per se „verteilt“ ist. Die Positionen der Interpretation (und der Interpreten) sind kontingent und relativ; Partitur, Notation, Aufnahme und Performer sind gleichwertig in dem Sinne, dass der maschinelle Prozess des „Deathstar“ keine Unterscheidung zwischen Pianist, vorbeifliegender Gans, notiertem Ereignis oder den Schritten von Ausstellungsbesuchern trifft. Das Problem der Unbestimmtheit, d.h. die Frage nach Versionen und Einzigartigkeit, wird als ein Problem schierer Daten reartikuliert – und gerade nicht als „Wert“ oder „Ideal“, verbunden mit einer früheren Idee des Experimentellen oder des Neuen.

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