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Michael Lentz / Uli Winters

Zurück ist eine Metamorphose von Franz Schuberts und Wilhelm Müllers Lied Der Leiermann. Den Leierkasten bilden fünf Instrumentalisten und Sprecher, deren sich verdichtender und dann wieder ausdünnender Dreiviertel mit Live-Einspielungen durchsetzt wird: Klangfragmente werden während der ersten Hälfte der rund 20minütigen Aufführung von einem Tontechnikerteam live aufgenommen und zurückgespielt, während die Musiker ihr Spiel uhrwerkartig fortsetzen. Durch dieses einzelne Phasen multiplizierende Verfahren bilden sich akustische Türme.

In der Mitte des Stückes treten Tauben auf, die eine freie Improvisation aus dem Tonvorrat der Komposition liefern.

Die zweite Hälfte von Zurück ist die palindromische Spiegelung des ersten Teils. Wurden dort Fragmente live aufgenommen und unverarbeitet wieder eingespielt, werden nun Live-Samplings aus mitgeschnittenen und technisch verarbeiteten Fragmenten des ersten Teils zugespielt. Die Einspielungen der Tontechniker und die Samplings des DJs heben sich zusammen mit den Stimmen bzw. dem gesprochenen Text als klangliche und rhythmische Konfrontationen von der Bordunlinie der Instrumentalisten ab.
Ein- und Ausklang bilden in die Komposition verzahnte Spieluhren, die von den Musikern angetrieben werden.
Zurück ist, was es sagt. Eine Hommage an den Leiermann und seinen Dreiviertel und das nie finale Einmünden in den Anfang. Konstanz und Varianz. Ein Lebensmodell.

Michael Lentz / Ulrich Winters

Michael Lentz
aus: Zurück

Nichts. Niemand. Kein Halt. Hier ist es nicht. Und hier ist es nicht. Niemand auf dem Platz. Und kein Platz. Aus dem Boden nichts, aber kein Boden. Alles abgetragen, nichts mehr deutet darauf hin. Nichts. Niemand. Hier bleibt es immer leer. Ein Ort der Besinnungslosigkeit. Niemand. Alles abgetragen, nichts mehr. Die Grundfeste verweht. Nichts. Niemand. Vor Ort kein Ort. Und es kommen keine Vögel und verkünden Land, und kein Wind geht über den Platz, kein Regen. Wie viele Jahre, wie viele Male daran gedacht. Keine Spur, kein Rest. Zuerst geht der Name, der Anblick verliert sich, kehrt um, es sieht nicht mehr aus, es ist nur Andeutung noch, kein Eis, das den Grund gefriert, kein Atem, der sichtbar wird, niemand, nichts. Und doch ist das genau die Stelle, die Auslassung, die vor Jahren so berührte, ach rede nicht so. Im Traum sagt man manchmal Dinge, über die man am Tage zu Tode erschrocken wäre. Im Traum sieht man diesen unauffindbaren Ort. Es ist ein Ort ohne Baum. Ein fassungsloser Ort. Das Denken an diesen Ort erhebt, das Betreten des Ortes entzieht dir alle Kraft. Und doch war es hier, und hier ist es nicht. Das sind die rauschenden Bäume von ganz weit her. Hier ist niemand. Nichts. Kein Baum rauscht hier. Und kein Vogel sitzt im Baum. Drüben hinterm Dorfe gibt es nicht, ein Dorf gibt es nicht, und es ist niemand da. Du siehst ihn an allen Ecken stehen mit der ewig gleichen Leier, aber rede nicht so. Ich hatte kein Lied für dich, ich kann dir nicht sagen, wohin du gehen sollst, du wirst wohl immer wiederkommen müssen, ein regennasser Stuhl, aber hier spielt eine andere Musik, ich sehe dich noch, aber du schwindest, verlierst an Gestalt, ich setze dich wieder an den Ort, und du sollst weiter mit starren Fingern drehen, die ewig gleiche Leier, hier bleibt es immer leer, hier ist nichts, niemand. Niemand ist hier, doch ab und zu scheint jemand zu kommen, der reißt das Unkraut aus, und jedes Mal reißt der Himmel auf, die Sonne bricht durch, und derjenige bringt sich in Sicherheit. Es ist niemand mehr da, der außerhalb steht. Niemand kann beklagt werden, nichts, niemand. Ach rede nicht so. Der, der hier war, ist nicht mehr hier. Der, der barfuß auf dem Eise ging, geht nicht mehr. Was ist es, das einen immer wiederkommen lässt? An einen leergeräumten Platz. Die Sonne steht warm im Geäst. Der Platz ist untergegangen. Und alles, was da untergegangen ist, wird sehnlich erwartet. Weißt du noch, der Teller des Leiermanns, der dann entzwei gegangen ist. Wie kam es noch, dass der Teller des Leiermanns so entzwei gegangen ist? Ist ein Stein auf den Teller des Leiermanns gefallen? Ist der Leiermann in den Teller hineingetreten? Hat ihn die Kälte zerbrochen? Der Teller blieb täglich leer. Eine Münze hat ihn gespalten. Wie ist die Münze dort hingekommen, wenn niemand sich dem alten Mann genähert hat? Ist sie aus dem Himmel gefallen? Ein abgeräumter, ein leergefegter Platz. Nichts. Niemand. Und niemand, der spricht. Und nichts, über das gesprochen würde. Du aber erinnerst dich an alles. Es ist niemand da, dem du es erzählen könntest. Es läuft vor dir ab. Zwanzig Jahre später, einundzwanzig Jahre später, zweiundzwanzig Jahre später. Der, der „ich“ sagt, muss auch einmal stehen bleiben können. Bleib doch mal stehen. Lass es einmal nicht gehen alles, wie es will. Warum so erschrocken, dass über den Platz die Zeit gegangen ist? Und die Zeit wankt hin und her. Der Leiermann kennt keine Zeit. Aber er kennt immer den Vogel im Baum. Es gibt keinen Vogel im Baum. Es gibt den Wind, der über den Platz geht, und der Wind bringt etwas mit, er ist warm, das Lied bleibt jetzt leer, es geht die Kunde, es sei etwas Furchtbares geschehen, es ist aber nichts Furchtbares geschehen, sagt man, es ist nur nicht mehr. Nichts. Niemand. Wir denken nach. Wir kommen nicht drauf. Es war hier. Grundfeste verweht. Und was hat er gespielt? Er hat immer dasselbe gespielt. Er hat bei jedem Wetter immer dasselbe gespielt. Er ist nie von der Stelle gewichen. Der Platz ist leer. Hier vielleicht. Diese gerade Linie, dieser Strich. Aber es darf keine gerade Linie sein, kein Strich. Es könnte jede gerade Linie sein, jeder Strich. Es sagt gar nichts, es beweist gar nichts. Leiermann, was hast du für schöne Lieder gespielt. Und sag, warum hattest du eine so große Leier? Und warum hast du immer auf diesem Platz gestanden, barfuß auf dem Eis? Und warum blieb dein Teller immer leer? Nichts. Niemand. Du bist es nicht gewesen. Ein anderer war’s. Auf einem anderen Platz, da alle gestorben sind. Wenn im Frühling die Bäche tauen, dann... es gibt keine Bäche. Deine Lieder, Leiermann. Es gibt keine Berge. Deine Lieder kennt jeder, Leiermann, und niemand will deine Lieder kennen. Nirgendwo anders als hier. Eine Wüste, Steppe, es ist alles versteppt. Nichts. Niemand. Niemand da. Der lautlose Blick, der kein Land mehr hat. Man hält sich dann ans Allernächste. Es gibt kein Allernächstes. Es gibt den irrenden Blick. Der Blick, der nicht altert. Du siehst es wie früher. Du triffst es an als niemals. Wie hat sich alles verändert, wie hat sich alles ausgelöscht, aber rede nicht so. Ich hätte was für dich, Leiermann. Willst du nicht meine Rolle spielen? Aber die Nacht ist Geschichte. Der Leuchtturm ist Geschichte. Das Meer ist Geschichte. Nichts ist und nichts wird mehr sein an diesem Platz. Niemand. Nichts. Ach, rede nicht so. Es ist dies ein so überaus trauriger Platz, er ist besiedelt von Trauer. Kein Vogel, kein Baum. Nichts kriecht auf dem Boden, nichts geht um die Füße als ein warmer, dann kalter Zug. Die Luft will nicht bleiben. Das Gedächtnis will nicht bleiben. Das Unkraut will nicht bleiben. Es ist dies der schönste Platz der Welt, es ist der Welttrauerplatz. So gar nichts. Kommet her, die ihr leer seid wie dieser Platz. Kommet her, die ihr Sehnsucht habt nach einem Anfang ohne Fortgang. Die ihr gestorben seid. Hier schlägt die wahre Stunde Null. Die brandende Flut peitscht den Sand vor sich her. Hier gibt es keine Flut. Die Flut schießt den Wind ins Land. Hier gibt es keinen Wind. Und der Mond ist da oben und der Mond macht das. Der Mond ist da oben gewiss und der Mond hat sich abgewendet. Es ist dies ein Ort, da dir alles wieder einfällt, alles steht dir vor Augen, das wogende Meer der Blumen im Sommer, der schon zum Herbst sich neigt. Und die Luft ist ausgedünnt, die Sonne erträglich. (...)

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