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Franck Bedrossian

„Itself“ für Orchester verfolgt das Projekt einer musikalischen Form, die wesentlich durch die Entfaltung und die Transformationen des Klangmaterials rhythmisiert ist. Unter diesem Aspekt erscheinen hier eine Reihe von Fragestellungen erneut, die schon in den meisten meiner früheren Werke – besonders in „Charleston“ (2005), „It“ (2005-2007) und „Swing“ (2009) – zu finden sind, und werden nun im größeren Rahmen eines sinfonischen Orchesters entwickelt.

Farbe durch Exzess

Unter verschiedenen Problemen nehmen die Phänomene der Sättigung in der Musik einen besonderen, wiederkehrenden Platz in meiner Arbeit ein – wobei der Terminus selbst in einer doppelten Bedeutung verstanden werden muss: Exzess und Farbe. Auf der Materialebene ausgedrückt erweisen sich die beinahe omnipräsenten, komplexen Klänge als entscheidend für die Komposition von „Itself“, weil die harmonische Konstruktion oft die Konsequenz von Klangschichten ist. Dabei ist diese extreme Dichte selbst ein Faktor, der dazu beiträgt, die Wahrnehmung der globalen Farbe zu modifizieren. Der Exzess des Klangs ist hier kombiniert mit dem Wuchern von musikalischer Information, sei sie rhythmischer oder kontrapunktischer Natur. Dieser spezifische Zusammenhang tendiert dazu, die Hierarchien zwischen den verschiedenen Dimensionen des musikalischen Diskurses abzuschwächen oder sogar zu zerstören, und hier in erster Linie die Vorherrschaft der Tonhöhen. Unter diesem Gesichtspunkt erhalten die gesättigten Phänomene in diesem Stück eine perzeptuelle und eine strukturelle Funktion. Zeit und Form können demnach als eine Konsequenz der Komposition/Dekomposition dieser Ereignisse aufgefasst werden, die das Versprechen einer dramatischen Spannung in sich tragen.

Verzerrung und Ironie

Diese Spannung, die teilweise an den Exzess des Materials gebunden ist, kann sich niemals freimachen von Ironie – und die Verzerrung des orchestralen Modells ist eine der ästhetischen Fragestellungen dieses Werkes. Der permanente Einsatz komplexer Töne und die Akkumulation von instrumentalen Techniken zielen ebenfalls darauf ab, sich von der Idee des Orchesters abzuwenden, ohne sie allerdings dabei zu verleugnen. Dadurch entwickelt sich ein besonderer Dialog zwischen der Tradition und ihren Codes, wie ein etwas grausames Spiel, das darin bestünde, die Zeichen der Emotion oder des Prestiges umzustürzen. So kann die Zweideutigkeit des Ausdrucks erscheinen und sich dann von den akustischen Ambivalenzen und anderen Formen der Zersetzung von Erinnerung nähren.

Nochmals, ich habe mich entschieden, einen nur scheinbar objektiven Titel zu wählen, eine Art allerletzten Avatar dieser ironischen Energie. Und zweifellos eine Art und Weise, mit der jene Idee stark zu machen ist, nach der im Schutz der Konzertsituation ein musikalisches Werk keine andere Wahl hat, als durch sich selbst zu leben, um Dinge zu sagen, die sich uns entziehen.

Franck Bedrossian (Übersetzung aus dem Französischen: Birgit Gotzes)

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