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Wolfgang Motz / Mia Schmidt

Mia Schmidt und Wolfgang Motz (Foto: Roberta Xausa - Roberta Xausa)
Mia Schmidt und Wolfgang Motz Roberta Xausa - Roberta Xausa

Klänge der Natur und der Umwelt, Klänge, die erst in unserer Zeit mit unserer Kultur (auch der Alltagskultur) entstehen, werden gleichermaßen ästhetisch wahrgenommen und verschmelzen zu einem Klangbild in unserer Installation. Diese thematisiert die Jahreszeiten, verortet im Donaueschinger Schlosspark zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Mit einem tragbaren Recorder wurde bei der Pfaueninsel, dort, wo unsere Installation auch aufgebaut ist, in den Monaten Februar, Mai, August und Oktober der Jahre 2010 und 2011 aufgenommen, was gerade erklang. Mit der Zeit fühlten wir John Cage neben uns auf der Parkbank sitzen: was geschah, durfte geschehen, wir überließen uns dem Zufall und gerieten in eine kontemplative Stimmung.

Motz - Arbeitsskizze-Jahreszeiten (Foto: Roberta Xausa - Roberta Xausa)
Arbeitsskizze Roberta Xausa - Roberta Xausa

Beim Durchhören der Aufnahmen haben wir dann überrascht festgestellt, wie viel an Rhythmisierung, Tonhöhenpatterns und klanglichen Entwicklungen in den Lauten der Teichbewohner schon vorhanden war. Je öfter wir sie hörten, desto "musikalischer" wurden sie. Wir haben die Ausgangsklänge daher nur behutsam bearbeitet, zum Teil übereinander geschichtet, wiederholt oder gelegentlich transponiert. Eine stärkere elektronische Bearbeitung hätte diese Klänge künstlicher, aber kaum künstlerischer gemacht - wir entschieden uns also für eine "ökologische" Betrachtungsweise. Am stärksten eingegriffen haben wir bei den Motorsäge-Klängen des Sommers, die überdeutlich den heftigen Einbruch menschlicher Technik in die Beschaulichkeit der Atmosphäre am Teich symbolisieren.

Faszinierend war die Erfahrung der Spannung zwischen einem quasi zufällig gefundenen Ausgangsmaterial und einer kompositorisch-dramaturgischen Gestaltung der Gesamtform, die von dem konstruktivistischen Denken geprägt ist, das auch unsere instrumental-vokalen Kompositionen durchzieht. Grundlage unserer individuellen Bearbeitung des Materials war die gemeinsame Konzeption eines Formverlaufs, bei dem die zeitlichen Proportionen festgelegt und inhaltliche Details abgesprochen wurden. Durch die zunehmende Überlappung der Jahreszeiten und die zunehmende Dichte und Intensität der Klänge entsteht ein großer dramatischer Bogen mit einer Art Klimax im Motorsägen-Duett des Sommers. So trägt die Installation "Die Jahreszeiten" Züge eines Hörspiels und kann gleichzeitig als environmental sound art bezeichnet werden.

In jeder Jahreszeit findet sich eine charakteristische Farbe, ein „Leitmotiv": Die Ruhe des Winters, mit dem unsere Installation beginnt, wird durch das Zetern einer hungrigen, verärgerten Ente gestört, im Frühling mischt sich lebhaftes Vogelgezwitscher mit den Balzschreien des Pfaus, die Agonie des Sommers schimmert auch noch bei den Motorsägen der Holzfäller durch und im Herbst ertönen ferne Vokalklänge von einer Freiluft-Performance der Donaueschinger Musiktage 2011 in die Naturlaute hinein.

Das Klangmaterial wurde mit dem Programm Audacity von uns beiden unabhängig, aber in stetem Gedankenaustausch bearbeitet und dann jeweils stereophon abgemischt. Die quadrophone Endmontage erfolgte im SWR-Studio Freiburg zusammen mit Manuel Braun, der unserer Installation den letzten Feinschliff gab.

Die Klänge werden von vier Lautsprechern abgespielt, die am Ende des Ententeichs aufgestellt sind. Die vorproduzierten Klänge mischen sich mit dem aktuellen Geschehen am Teich, so dass man sich manchmal fragen wird, wer hier auf wen reagiert.
Ein Durchlauf der Jahreszeiten dauert 110 Minuten und beginnt jeweils zur vollen Stunde (um 11, 13, 15, 17 Uhr), so dass die Zuhörenden anhand der im Programmheft abgedruckten Formskizze feststellen können, welche Jahreszeit gerade erklingt.

Eine Doublette der Installation bringt die Parkklänge in die Innenstadt, wo sie, aus ihrem Zusammenhang gerissen, als Fremdkörper innerhalb der Stadtgeräusche zur irritierenden Hörillusion werden und dazu einladen, den Klängen an ihrem Ursprungsort nachzuspüren.

„Die Jahreszeiten" sind Armin Köhler sowie den Donaueschinger Bürgerinnen und Bürgern gewidmet, die den Ort um die Pfaueninsel besonders lieben und von denen sich einige in unserer Klang-Installation verewigt haben.

Mia Schmidt/Wolfgang Motz

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