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Clemens Gadenstätter

Wie haben gelernt, was „traurig sein“ ist, wie es sich anfühlt und wie wir es ausdrücken können bzw. sollen (die Angemessenheit des Erlebens und die Angemessenheit des Ausdrucks ist eine kollektive Größe in unserem Selbst).

Wir haben das in „Presets“ (auch) klanglich zu fassen verstanden: Die Trauer und Schmerzgefühle werden durch klanglich standardisierte Gesten gefasst. Die standardisierten Klangsituationen triggern die erlernten Empfindungen an: Wir empfinden und verstehen dadurch das Gehörte und verstehen durch das Hören das Empfinden.

Solche Klanggestalten sind polymodal aufgeladen – ich meine, alles Klangliche ist auf diese Weise aufgeladen: Das Hören ist verbunden mit taktilen Evokationen, visuellen (inneren) Bildern, mit Empfindungen, Emotionen und Gefühlen; die Klanggestalten sind – als Mimesis von körperlichen Gesten, die Trauer/Schmerz etc. begleiten – mit Bewegungsformen des Körpers verbunden, die sich als strukturale Bewegungsformen in ihnen manifestieren. Ohne diese polymodalen Koppelungen wären klangliche Ereignisse (als „reine“) für uns bedeutungslos. Sinnvoll als aktuell erlebte, spezifisch auf eine Situation reagierende, eine solche bestimmende, sind sie aber mit diesen auch (noch) nicht.

Soweit die Grundlagen, von denen mein Komponieren seinen Ausgang nimmt. Von den kollektiven Bestimmungen aus, durch deren Thematisierung, suche ich ein „terra specifica“ aus dem Bekannten zu gewinnen, suche ich eine Form des Verstehens im Hören, die jenseits dessen liegt, was mir selbst sowohl als Hören als auch als Verstehen bis dato geläufig ist. HÖREN VERSTEHEN KOMPONIEREN als eine Arbeitshypothese: Das übernommene Hören und Verstehen muss kompositorisch bearbeitet werden, um ein HÖREN und VERSTEHEN zu sein, das sich sowohl auf den kollektiven Stand bezieht als auch ganz spezifisch und aktuell relevant ist. Auf mich bezogen bedeutet das die Überschreitung dessen, was ich eben jetzt bin. HÖREN und VERSTEHEN können sich dort ereignen, wo meine wie die kollektiven Bestimmungen durch die Bearbeitung (KOMPONIEREN) verändert werden.

Technische Grundlage ist dabei die musikalische Zusammenhangsbildung (neben den anderen Ebenen, die ich in meinem Komponieren strukturell entwickelt habe: die akustische, mimetische, semantische, situative, räumliche) auf den Ebenen der „Weak Synaesthesias“ und der „Embodied Perceptions“ (wie sie durch die neuere Kognitionsforschung genannt werden, ohne dass ich mich aber auf diese Forschungen zu beziehen imstande bin). Ich strukturiere die polymodalen Verbindungen, öffne sie für die Bearbeitung, gewinne aus diesen wiederum immanente Strukturbildungstechniken.

Die vier Songs der „SAD SONGS“ beziehen sich auf der Ebene der Materialgewinnung durch diese „Weak-S und E-Bodies“ (in meiner Verkürzung der oben genannten polymodalen Verbindungen) auf Vorlagen/Presets. Ein Hinweis mögen die Untertitel sein: Hurt, Loneliness, Medley: Manic Depression/Cries of Burning Pain, Les Adieux/Abschied. Durch die Bearbeitung – aus diesen Presets selbst heraus – wird eine Musik angesteuert, die sich an diesen entzündet, sie aber nicht abrufen will. Nichts soll dabei „traurig“ oder „schmerzvoll“ sein: Die Hoffnung, dass es ein Gebiet der Erfahrung jenseits der Grenzen der Bedingungen (Körper, Kultur…) gibt, stirbt wohl zuletzt.

Clemens Gadenstätter

Skizze eines Werkes von Clemens Gadenstätter (Foto: privat -)
SAD SONGS (Skizze) privat -
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