Donaueschinger Musiktage 2007 | Werkbeschreibung

Werke des Jahres 2007: "AXIS_CORE"

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AUTOR/IN
Alex Buess

Unter Morphing versteht man das Verschmelzen von Bestandteilen und Prozessen aus verschiedensten Zusammenhängen, auch solcher, welche nicht notwendigerweise in der Natur vorkommen müssen. Dies ist ein Phänomen, das hauptsächlich durch die Mittel der digitalen Reproduktion möglich und fassbar geworden ist, obwohl, wenn ich an die chimärenhaften Wesen in der griechischen Mythologie denke, die Idee an sich sehr alt ist. Durch Verschmelzen entwickeln sich neue, ungeahnte Strukturen und Texturen. Morphing hat in den verschiedensten Bereichen eine Bedeutung, so auch in der Musik: Durch das Vereinen von Klängen, die in der natürlichen Umgebung nicht vorkommen, entstehen neue Kraftfelder: morphische oder morphogenetische Felder. Unantastbare, organisierende Strukturen, deren wesentliche Ausdrucksform die Vibration ist. Jedes Musikstück beherbergt sein eigenes morphisches Feld, bestehend aus einer Vielzahl von Mustern. Sobald ein solches Muster mit einem anderen, vielleicht bereits existierenden, in Berührung kommt, wird es klingen und dazu geneigt sein, sich immer wieder zu wiederholen. "Für mich steht fest, dass morphische Resonanz in jedem noch so kleinen Ding eine Erinnerung dessen hinterlässt, was zuvor existierte", sagt der Biologe Rupert Sheldrake.

In meinem Stück AXIS_CORE geht es um Felder unterschiedlichster Art, um Achsen, um Klangmuster – vergleichbar z.B. mit Gesteinsproben (cores), welche uraltem Gestein zu Analysezwecken entnommen werden. Die Verschmelzung der Klangmuster mit den verschiedensten Feldern und Achsen lässt im Raum eine Resonanz entstehen: eine Resonanz im Kraftfeld zwischen Energie und Erinnerung.

In der ursprünglichen (bis heute noch nicht realisierten) Version meines Stückes sollte die ganze Steuerung der Lautsprechermatrix sowie die Klangsteuerung live-elektronisch in Echtzeit erfolgen. Ich musste jedoch diese Idee aus technischen Gründen vorerst hinten anstellen, da sich die Programmierung der elektronischen Komponenten als sehr schwierig und langwierig herausgestellt hat.
Für die nun vorliegende Version für Akusmonium, Posaune, Streichquintett und Schlagzeug habe ich, wie ich das auch für die live-elektronische Version beabsichtigt hatte, auf der Basis von diversen Parameterpaaren gearbeitet. Ich habe für die Klangbearbeitung und Verarbeitung sowie für die Raumverteilung ein speziell für dieses Werk geschaffenes Computerprogramm verwendet, welches unter anderem auf Parametern wie der Abhängigkeit zwischen Raumposition und Tonhöhe, zwischen Raumposition und Klangbearbeitung, zwischen Raumposition und Rhythmik oder auch zwischen Tonhöhe und Rhythmik aufgebaut ist. Durch diese elektronische Matrix habe ich dann die für mein Stück relevanten Klänge und Strukturen hindurchgeschleust.

Das Resultat dieses Prozesses habe ich am Ende "eingefroren" und habe daraus das 14kanalige Zuspiel für die Lautsprecher-/Raum-Matrix entwickelt, welches einerseits die Klang- und andererseits die Kompositionsgrundlage meines Werkes bildet.

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AUTOR/IN
Alex Buess