Donaueschinger Musiktage 2001 | Werkbeschreibung

Werke des Jahres 2001: "Die Zeit. Eine Gebrauchsanweisung"

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AUTOR/IN
Imke Gussone / Michael Wertmueller

Imke Gussone / Michael Wertmueller

"Und so bringt der Kreisel der Zeit seine Vergeltung herbei"

Metronom, Pendel, Puls, Periodizität, Rhythmik, Zyklen, Chronometer, Regulatoren, Kalender, Sand-, Sonnen-, Pendel-, Stoppuhren – Möglichkeiten, Zeit einzuteilen und zu messen, gibt es fast so viele wie Überlegungen, was Zeit überhaupt ist. "Ist" Zeit im Sinne eines Seins, gibt es "etwas", das der Ausdruck "Zeit" bezeichnet, kommt ihm überhaupt eine Bedeutung zu? Vordergründig erscheint der Begriff der Zeit unproblematisch. Unproblematisch aber ist nur seine alltagssprachliche Verwendung. Es erfordert kein besonderes Nachdenken, Zeitausdrücke zu verwenden, und im allgemeinen entstehen hieraus auch keine Verständnisschwierigkeiten. Die Problematik der Zeit tritt erst zutage, wenn man sich die Zeit nimmt, den Begriff außerhalb seiner alltäglichen Verwendung zu betrachten. Je dichter man an ihn herantritt, desto undeutlicher wird er, desto mehr entzieht sich sein Sinn, bis der Ausdruck "Zeit" schließlich bloß noch Worthülse zu sein scheint. Wie vielfältig die Phänomene der Zeit auch sein mögen, so scheinen sie doch eng an den Begriff der Bewegung gekoppelt und immer im Zusammenhang von Prozessen oder Ereignissen gedacht werden zu müssen. Auch scheinen die Phänomene der Zeit etwas zu sein, was messbar ist, was sich also in gewissem Sinne fassbar, begreifbar machen lässt. Und dies ist durchaus keine Trivialität, macht man sich bewusst, dass der Bezugspunkt des angewandten Zeitmaßes immer ein relativer sein muss.

Das Universum verfügt über keinen ruhenden Bezugspunkt, der die Bestimmung eines universell gültigen Zeitmaßes erlauben würde. So gesehen kann die Wahl des jeweiligen Zeitmaßes als etwas arbiträres gesehen werden, etwas, dem ein Moment der Willkür innewohnt. Der Gedanke, dass Zeit, koppelt man den Zeit-Begriff an den der Bewegung, eine Richtung haben muss, wirkt da zunächst weit weniger erzwungen. Der Ausdruck vom Fluss der Zeit beschwört Natürlichkeit herauf, hier wird suggeriert, Zeit wäre etwas mit einem definierbaren Anfang, einem möglichen Ende und einem Fließen in einer bestimmten Richtung. Aber auch dies erweist sich bei näherer Betrachtung als trügerisch. Bewegt sich Zeit kreisförmig oder linear, gibt es eine Grenze der Zeit oder ist Zeit etwas grenzenloses, ist sie endlich oder unendlich?

Das Stück Die Zeit. Eine Gebrauchsanweisung von Michael Wertmüller transponiert die mit dem Phänomen der Zeit verbundenen Fragen von einer begrifflichen auf eine musikalische Ebene. Zentral ist das Problem der musikalischen Zeit, wie lässt sie sich ein- und unterteilen? Wie exakt kann "natürlich" produzierte Musik sein, in wie kleine Einheiten lässt sie sich zerlegen? "Exaktheit" und "Spielbarkeit" sollen an ihre Grenze und, bei Gelingen dieses durchaus als Experiment zu betrachtenden Stückes, über sie hinaus getrieben werden.

Die Musik basiert auf einer ständig wiederkehrenden und sich variierenden und verdichtenden Tonreihe, die aus dem Vorspiel von Wagners Tristan und Isolde abgeleitet ist. Ein rotierendes, temperiertes Zeitsystem erfordert ein Computerprogramm, dass fünfzehn Einzelstimmen gleichzeitig in fünfzehn verschiedenen und in sich variierenden Tempi abspielen kann. Die Einzelstimmen, je gesondert geschrieben, werden eingescannt, im Computer geordnet und in den den einzelnen Stimmen entsprechenden Zeiten getimed. Diese, in ihren Tempi verschiedenen und variierenden Einzelstimmen, werden von einem Generalcomputer gesteuert, der quasi als fühnzehnarmiger Dirigent funktioniert und die fünfzehn verschiedenen Tempi gleichzeitig angibt. Vom Generalcomputer werden die "Filme" der Einzelstimmen den MusikerInnen zugespielt, die dann ihre Stimmen, also ihren "Notenfilm", auf einem Monitor zu sehen bekommen. Tempoglissandi verändern die Tempi der "Filme" während des Stückes, das genau 1179,95 Sekunden dauert.

Der Moment des Neuen besteht nun weniger in der Verarbeitung von Mikrodauern bis hin zu Hundertstelsekunden, dies wird in der Computer-Musik schon seit längerem angewendet, als vielmehr darin, Musik von dieser Exaktheit und Komplexheit von MusikerInnen spielen zu lassen. Was passiert, wenn Menschen, statt eines Computers, diese bis in ihre zeitlichen Mikroeinheiten durchstrukturierte Musik, in der aufgrund der Verwendung eines Computerprogrammes komplizierteste rhythmische Verschiebungen, Überlagerungen, Rückungen, Tempoglissandi und Zeiteinheiten darstellbar werden, die in der herkömmlichen Notation mit fast unspielbaren Notenwerten, wie z.B. 3 bis 7-fach punktiert oder mit Proportionen wie 7 1/3 : 5 1/2 : 3 : 11,3 geschrieben werden müssten, spielen? Ein Moment der Unwägbarkeit tritt ein. Das Klangergebnis dieses strukturell bis in seine kleinsten Einheiten determinierten Stückes wird aufgrund des "menschlichen Faktors" zwar dynamischer aber auch unvorhersehbarer.

Charakteristisch für das Stück ist, was der Hörende schon im ersten Augenblick eindrücklich erfährt, die Gleichzeitigkeit der Ereignisse. Von allen Seiten, gleichzeitig und quer durch die Instrumente stürzen die Klänge. Doch was zunächst als Chaos erscheint, erweist sich als dessen Gegenteil. Nichts ist hier dem Zufall überlassen, was geschieht, folgt strengen Regeln. Das Chaos ist in seinem Kern Struktur. Das Chaos ist und ist doch nur als Illusion, welche aus dem Spiel mit der Zeit resultiert. Willkürlich wird ein Maß, die Frequenz eines Tones ergibt seine Dauer, aus der Vielzahl der Möglichkeiten gewählt und einem klar begrenztem Zeitraum zugrundegelegt. Dieser Raum bildet den Rahmen für eine Zeit-Metaphorik, die für den Versuch steht, die Möglichkeiten musikalischer Zeit bis an ihre Grenzen und damit zu einem Verständnis ihrer selbst zu treiben. Unendlich kreisend zieht sich die Melodie, Ton für Ton, durch die Instrumente, wird zeitgleich kontrapunktiert, umspielt, gedehnt, verzerrt, unterbrochen nur von Akkord-Blöcken und (Ereignis-Gruppen), welche wiederum auf einer anderen Ebene die Kreisbewegung der Melodie wiederholen, indem sie Mal um Mal den sich wiederholenden Tristan-Akkord variierend umspielen. Die phänomenalen Erscheinungsformen der Zeit, Dauer, Punktualität und Parallelität, sind hier sich gegenseitig überlagernd gleichzeitig gegeben.

Die Dichte und Gleichzeitigkeit der stattfindenen Ereignisse suggeriert das Gefühl der Chaotik, indem sie die Wahrnehmungsmöglichkeiten des Rezipierenden unterläuft. Nicht nur entzieht sich das Geschehen erprobten Wahrnehmungsschemata, auch lässt die Gleichzeitigkeit des Erlebens zunächst kein strukturelles Verständnis zu, denn dieses wird überhaupt erst reflexiv aus dem Zusammenspiel von Augenblick und Dauer möglich. Wechselt man von der musikalischen zurück auf die begriffliche Ebene, so liegt die Essenz des Stückes in dem Versuch den begrifflichen Gegensatz von Struktur und Chaos in sich selbst aufzulösen. Der Moment der Verschmelzung, der zugleich der Moment des Überschreitens der Bedeutungsgrenzen ist und also für den Augenblick die Gleichzeitigkeit von Sinnlosem und Sinnhaftem aufweist, muss wieder als Metapher aufgefasst werden, als Metapher für die dem gesamten Stück zugrunde liegende und es zusammenhaltende Spannung. Die gewollte Überdehnung der herkömmlichen Begriffe bzw. Kategorien des Verstehens symbolisiert und produziert die dem Stück innewohnende Kraft und Sinnlichkeit.

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Imke Gussone / Michael Wertmueller