Werke des Jahres 2017 L‘école de la claque

Bill Dietz

Kompositionsauftrag des SWR

Im Anschluss an den inszenierten Applaus, der Donald Trumps CIA-Rede nach der Amtseinführung begleitete, meldete merriamwebster.com einen eklatanten Anstieg im Nachschlagen des Wortes „claque“. Wie schon 2009, als verdeckte Tea Party-Mitglieder die Versammlungen in den Stadthallen zur „Obamacare“-Krankenversicherung störten (eine Umsetzung der „performativen Versammlungstheorie“ avant la lettre), verletzt die politische Rechte gezielt den Gesellschaftsvertrag der Öffentlichkeit, um die Vorherrschaft zu erringen. Allerdings haben Claqueure (professionelle Publikumsmitglieder, die für eine unterschwellige Lenkung der Bewertungsgeräusche eines Publikums bezahlt werden) schon immer eine problematisierende Rolle in der Geschichte westlicher Öffentlichkeiten gespielt. Entgegen dem idealisierten, von Theoretikern wie Jürgen Habermas gezeichneten Bild von hauptsächlich weißen, heterosexuellen, bürgerlichen Männern in Wiener Cafés, die sich rational und transparent austauschen, wäre eine Geschichte der Öffentlichkeit, welche die Claque berücksichtigt, eine verworrene, parteiische, konfliktreiche, kompromittierte und polarisierte. Wie also könnte zu einem Zeitpunkt, wo die Zukunft der Öffentlichkeit als solcher alles andere als sicher ist, eine längere und breitere Geschichte der Claque, der instrumentalisierten Manipulation des Öffentlichen, die immer schon einen Teil des Aufklärungskonstrukts darstellte, uns helfen, die Wichtigkeit performativer Öffentlichkeit im Jahre 2017 zu überdenken? Und welche spezifische Rolle spielt dabei das Publikum der Donaueschinger Musiktage, das bekanntlich dazu neigt, seinen Dissens durch häufige Buhrufe kundzutun? Wie können wir das Selbstverständnis der Neuen Musik als grundsätzlich „kritische“ Kunst zu einem Zeitpunkt denken, wo die öffentliche Meinung algorithmisch gesammelt und verwertet wird – lange bevor sich menschliche Körper überhaupt in einem Raum versammeln?

L’école de la claque greift auf die Historie der westeuropäischen Konzertrezeption zurück (von Berichten aus Hector Berlioz’ Les soirées de l’orchestre bis hin zu den Erinnerungen von Joseph Wechsberg, einem Mitglied der Claque im Wiener Opernhaus im 20. Jahrhundert), auf das Archiv der Donaueschinger Musiktage (sowohl die hörbaren Spuren des Dissens im Laufe ihrer Geschichte als auch die eklatanten stummen Lücken zwischen den Zeilen ihrer Programmgeschichte) sowie auf ein zeitgenössisches Archiv kollektiv inszenierter Verweigerung; somit setzt das Werk die konstitutiven Ausschlüsse in Szene, welche in den Überresten der „Zivilgesellschaft“ herumgeistern.

L’école de la claque bietet einen Raum für Reflexionen über die Rezeptionsgeschichte sowie ein Forum für das performative Durcharbeiten dieser Geschichte. Im Laufe der Musiktage wird das Werk in einer Reihe öffentlicher Proben vorgestellt. Könnte das, was geprobt wird, in den „realen“ Applaus des Festivals übergehen? Und wenn dem so wäre, würde es sich von der Aufführungsrezeption des Festivals unterscheiden? Indem es sich in den Lücken des Festivals einnistet, hebt es direkt oder als Analogie die übergeordnete Struktur des Festivals, seine Rahmenbedingungen deutlich hervor. Festivalbesucher sind herzlich eingeladen, Claqueure zu werden.

Parallel zum Werk erscheint eine Publikation mit Partituren sowie neuen Texten von Chris Mann, MYSTI und Rachel O’Reilly.

On the heels of the staged applause that accompanied Donald Trump’s post-inaugural CIA speech, merriam-webster.com reported a dramatic spike in lookups of the word ‘claque’. As in 2009 when Tea Party plants disrupted Obamacare ‘town halls’ across the United States (enacting a ‘performative theory of assembly’ avant la lettre), the political right continues to strategically violate the social contract of the public sphere into ascendancy. Then again, claqueurs (those professional audience members paid to subliminally guide the evaluatory noise of an audience) always occupied a problematizing place in the history of the Western publicness. Contrary to the idealized picture of mostly white, heterosexual, bourgeois men engaged in rational, transparent exchange in Viennese coffee houses (as theorists such as Jürgen Habermas would have it), a history of the public sphere acknowledging the claque would be messy, invested, conflictual, compromised, polarized. At a moment when the future of publicness as such is anything but certain, how then might a longer and broader history of the claque, of the instrumentalized orchestration of the public sphere that was always already a part of that Enlightenment construct, help us to reconsider the stakes of performative publicness in 2017? And how specifically does the audience of the Donaueschinger Musiktage, with its proclivity to voice dissent in the form of frequent booing, fit into this? How can we think New Music’s self-understanding as inherently ‘critical’ at a moment when public opinion is algorithmically mined and seeded long before bodies assemble in a room?

Drawn from the historical record of Western European concert reception (from accounts found in Berlioz’s Les soirées de l’orchestre to the firsthand recollections of Joseph Wechsberg, a member of twentieth century Vienna Opera House claque), the archive of the Donaueschinger Musiktage (both the audible traces of dissent throughout the festival’s history, as well as the glaringly silent gaps between the lines of its programming history), and from a contemporary archive of collectively performed refusal, L’école de la claque stages the constituent exclusions that haunt the remains of “civil society.

L’école de la claque proposes a space for reflection on the history of reception, as well as a forum for performatively working through that history. Throughout the Musiktage, the work appears in a series of public rehearsals. Will that which is rehearsed spill out into the ‘real’ applause of the festival? And if it were to, would it be distinguishable from the festival’s already performative reception? Directly or analogically, the work occupies the festival’s gaps, drawing the overall structure of the festival itself, its frame, into relief. Festival attendees are invited to become claqueurs.

The work is accompanied by a publication containing scores as well as new texts by Chris Mann, MYSTI and Rachel O’Reilly.

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