Werke des Jahres 2015 "über" für Klarinette, Orchester und Live-Elektronik

Mark Andre

über“ lässt extrem zerbrechliche, kompositorische Zwischenräume als letzte Spuren, Schatten des Verschwindens erleben. Die lange, intensive und sehr besondere Zusammenarbeit mit Jörg Widmann (dem ich dafür sehr dankbar bin), lässt  konzeptuelle und kompositorische Zwischenräume entfalten.

Zwischen dem Segen und den Gesegneten, die am Verschwinden, am Fortgehen sind, werden besondere, zarte, zerbrechliche, metaphysische Zwischenräume entfaltet.
Es werden in „über“ verschiedene Kategorien der kompositorischen Zwischenräume dieses Fortgehens, dieses Verschwindens zwischen Zeit und Klangfamilien entfaltet, einverleibt/verkörpert/inkorporiert.

Das Stück lässt verschiedene Kategorien der kompositorischen, klanglichen, zeitlichen, strukturellen und situativen Verwandlungen erleben. Es geht um unterschiedliche Perspektiven der  Beobachtung der notierten, analysierten, improvisierten, transformierten Klangsituationen der Klarinette.

Dazu gehören:
– Improvisierte Klangsituationen als notiertes Protokoll unserer Beobachtungen.
– Die mit „audiosculpt“ und „open music“ analysierten Klangsituationen der Klarinette als parametrisches Grundmaterial des Stückes. Diese Daten werden nicht nur „mimetisch“ eingesetzt, sondern strukturell und morphologisch durch kompositorische Zwischenräume dargestellt, suggeriert, verkörpert.
– Die mit „soundhack“ „transformierten“ Klangsituationen der Klarinette werden mit konkreten Antworten (Wind der Wüste bei Jerusalem; geflüsterte Vornamen der Musiker des Orchesters) und mit instrumentalen Antworten (Harfen; Klavier; Pauken...Resonanzen)   gefaltet und weiter analysiert.
Die morphologische Klangidentität von allem schwebt und wird de facto extrem instabil und zerbrechlich. Diese Klangergebnisse inspirierten auch Jörg Widmann gelegentlich „mimetisch“ dazu, andere Klänge zu erforschen, zu entwickeln, und sie werden als Klangschatten durch „files“ im Stück direkt als seine Schatten eingesetzt.
– Es werden Instrumente live mit „files“ und mit den Tönen des Solisten zu Schwingungen angeregt. So lassen sich „akustische Faltungen“ und extrem zerbrechliche Zwischenräume im Innersten des Klangkörpers beobachten und erleben. Die Klangidentität und das „Format“ des Stückes werden damit schwankend, instabil.
– Die Form des Stückes ist eine Art Klang/Zeitreise im Innersten zwischen Klang/Zeitfamilien einerseits und zwischen kompositorischen und metaphysischen Räumen andererseits.
Die metrische Zeitebene lässt das Atmen der Reihe „Pi“ hören.
Die strukturellen Bewegungen werden immer stärker, präsenter und fragiler als Zwischenräume verkörpert. Die frontale Aufstellung verstärkt extrem die Zerbrechlichkeit, die vertikale Aufhebung des Klang/Zeitkörpers in seinem Zustand des Fortgehens, Verschwindens. Die Form von „über“ ist somit eine Art klangliches Abendmahl.

Es bleiben im Innersten („vox clamantis in deserto“) die lebendigen Schatten der letzten zerbrechlichen, kompositorischen, existentiellen Zwischenräume als potentielle metaphysische Erfahrung des Verschwundenen und als zarte Präsenz des Heiligen Geistes im Innersten.

„über“ wurde von Jörg Widmann und Armin Köhler initiiert. Bei Björn Gottstein, Lydia Jeschke, François Xavier Roth, den Musikern des Orchesters, dem Team des EXPERIMENTALSTUDIOS des SWR, der Edition Peters und Stefan Conradi bedanke ich mich für die Realisation und Entwicklung des Stücks.

Mark Andre

English 

über” makes it possible for us to experience extremely fragile, compositional interstices as final traces, shadows of disappearance. A long, intense, and very special collaboration with Jörg Widmann (to whom I am extremely grateful) has allowed for conceptual and compositional interstices to develop.

Between the blessing and the blessed ­­– who are in the process of disappearing, of departure – special, tender, fragile, metaphysical interstices are developed. In “über,” various categories of compositional interstices of this development, this disappearance, are developed, integrated, embodied, incorporated between time and sound families.

The piece makes it possible for us to experience various categories of compositional, sound, temporal, structural, and situational transformations. At issue are various perspectives of observing the notated, analyzed, improvised, transformed sound situation of the clarinet.

These include:
– Improvised sound situations as notated protocol of our observations.
– The sound situations of the clarinet analyzed with “audiosculpt” and “open music” as parametric basic material of the piece. These data are not just used “mimetically,” but represented in compositional interstices structurally and morphologically, suggested, and embodied.
– The sound situations of the clarinet transformed using “soundhack” and combined with concrete answers (winds from the desert near Jerusalem, whispered names of the orchestra musicians) and instrumental responses (harp, piano, timpani, resonances) and further analyzed.
– The morphological sound identity of all this hovers and becomes extremely unstable and fragile. These sound experiences inspired also Jörg Widmann upon occasion to “mimetically” research and develop different sounds, and these are used as sound shadows by way of files in the piece, as his shadows.
– Instruments are inspired live with “files” and by the sounds of the soloist to reverberations. In this way, acoustic folds and extremely fragile interstitial spaces can be observed inside the sonic body. The sound identity and the “format” of the piece thus become fluctuating, unstable.
– The form of the piece is a kind of sound/temporal journey in the innermost between families of sounds and time on the one hand, and compositional and metaphysical spaces on the other.
– The metric lime layer allows us to hear the breathing of the series “pi.”

The structural movements become ever stronger, ever more present and more fragilely embodied as interstitial spaces. The frontal arrangement amplifies the fragility, the vertical suspension of the sound/time body in a state of departure, disappearance. The form of “über” is thus a kind of sonic communion.

In the innermost (vox clamantis in deserto), the live shadows of the last fragile, compositional, existential interstices as a potential metaphysical experience of what has disappeared and the tender presence of the Holy Spirit.

über was initiated by Jörg Widmann and Armin Köhler. My thanks to Björn Gottstein, Lydia Jeschke, François Xavier Roth, the orchestra musicians, the team at SWR EXPERIMENTAL STUDIOS, Edition Peters and Stefan Conradi for the realization and development of the piece. 

Mark Andre

STAND