Werke des Jahres 2015 Why so quiet für Orchester

Yves Chauris

Für ein großes Orchester zu komponieren (das vorliegende Werk ist für 98 Musiker geschrieben), bietet unendlich viele Möglichkeiten von musikalischen Konstellationen. Diese begeisternde – und überwältigende – Vielfalt verlangt nach einer sorgfältig festgelegten Organisation des Raumklangs.

Beim Schreiben des Stückes hat sich eine Idee sehr schnell aufgedrängt: im Orchester den Eindruck von Tiefe stärker deutlich zu machen.

Ich habe mich entschieden, die traditionelle Orchesteraufstellung mit den drei hintereinander angeordneten Gruppen – Streicher / Holzbläser / Blechbläser – zu benutzen. Die Streicher sind stereophonisch aufgestellt – die ersten Geigen links, die zweiten Geigen rechts. Nur die sechs Schlagzeuger sind um die Bühne und das Publikum herum verteilt und verweisen durch eine maximale Entfernung auf die Tiefe des Saales, die durch seine Größe bestimmt wird. Als Kontrast dazu muss der Dirigent der Punkt der maximalen Nähe sein. So entsteht eine „Partition” des Raumes, die vom zentral postierten Dirigenten, der vom Quartett der solistischen Streicher umgeben ist, über die Masse der geteilten Streicher, die Blasinstrumente, Harfe und Klavier bis hin zu den sechs Schlagzeugern reicht, vergleichbar mit ebenso vielen immer weiter entfernten konzentrischen Halbkreisen.

Es wurde mir klar, dass der Dirigent nicht mehr nur der sichtbare Auslöser der Ereignisse sein kann, wenn beim Hören der Mittelpunkt deutlich erkennbar werden soll. Er muss durch eine ungewohnte Aktion an bestimmten generativen strategischen Impulsen teilnehmen. Ihre Wiederkehr im Ablauf bestimmt die Architektur des Werkes.

Das ideale Mittel dafür schien mir der Taktstock des Dirigenten (ein großer Taktstock, wie er in der Musik von Lully benutzt wurde) und seine Wirkung, das Aufschlagen auf den Boden durch sein großes dramatisches Gewicht und seine relative „musikalische Neutralität”.

Aus der Anfangsfigur entwickelt sich in diesem Sinn das ganze Stück: Der dumpfe Auftakt wandert bis zu den Grenzen des Saales wie ein Nachhall, mit dem sich auch die Aufmerksamkeit verlagert. Diese Idee kam mir, als ich auf der japanischen Insel Teshima die Museumsarchitektur von Rei Naito und Ryue Nishizawa entdeckte – ein ausgehöhlter Berg, in dem das winzig Kleine und das Unendliche einander begegnen – und in dem jedes Ereignis, selbst das unbedeutendste, eine überproportionale Bedeutung annimmt.

Es entsteht dann eine Vielzahl von Ableitungs- und Entwicklungsmöglichkeiten: eine Explosion, gefolgt von Nachbeben, ein Zittern der Luft, die Ausbreitung eines Flackerns, geräuschvolle Masse, dumpfes Rumoren, Ausdehnung und Kontraktion, hier und da ein Knistern, ein durch Langsamkeit verzerrtes Knirschen…

Why so quiet ist François-Xavier Roth gewidmet.

Yves Chauris (Übersetzung aus dem Französischen: Birgit Gotzes)

English

Composing for a large orchestra (this work is composed for 98 musicians) offers endless musical constellations. This thrilling, and overwhelming, diversity demands a careful organization of the spatial sound.

While composing the piece, an idea came quickly to the forefront: to emphasize the  impression of depth in the orchestra.

I decided to use the traditional orchestral arrangement with three groups placed one behind the other: strings/woodwinds/brass. The strings are arranged stereophonically, the first violins on the left, the second violins on the right. Only the six percussionists are distributed around the stage and the audience, and thus refer by way of their maximum distance to the depth of the hall, which is defined by its size. As a contrast, the conductor needs to be a point of maximum proximity. In this way, a “partition” of the room takes place that stretches from the centrally placed conductor, who is surrounded by the quartet of solo strings, to the mass of strings, the wind instruments, harp and piano to the six percussionists, comparable with increasingly distant concentric crescents.

It became clear to me that the conductor can no longer just be the visible trigger of events, if the center point is to be recognizable when listening. He has to participate with an unusual action in certain generative strategic impulses. Their repetition then could define the architecture of the work.

I found the ideal means in the conductor’s baton (a large baton, as used in the music of Lully) and its impact, the beating on the floor with is great dramatic weight and its relative “musical neutrality.”

The entire piece develops from the initial figure in this sense. The dull start wanders to the ends of the hall like a reverberation, with which the attention shifts. This idea came to me when I discovered the museum architecture of Rei Naito und Ryue Nishizawa on the Japanese island of Teshima: an excavated mountain, in which the tiny and the endless meet, and in which every event, even the least important, takes on an excess of significance.

The result is a variety of possibilities of derivation and development: an explosion, followed by an after-shock, a quiver of air, the spread of a flicker, a noisy mass, dull rumbling, expansion and contraction, here and there a crackling, a creaking distorted by slowness.

Why So Quiet is dedicated to François-Xavier Roth.

Yves Chauris

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