Werke des Jahres 2015 No. 48 (night studio) für großes Orchester

Richard Ayres

Das ist das dritte Orchesterstück, das ich Künstlern oder Schriftstellern widme, die mir wichtig sind.

Dieses ist für Philip Guston. Gustons Bruch mit den verfeinerten Gemälden seines Kollegenkreises zugunsten eines beinahe cartoon-haften Ausdrucks, erteilten mir eine „kreative Erlaubnis“. Seine Arbeiten haben meinen Blick auf die Kunst, auf Kreativität und ihren Platz in der Kultur grundlegend infrage gestellt.

Irgendwann hatte ich einmal eine  schwierige Zeit. Das Problem war, dass ich eine große Differenz wahrnahm – zwischen den Persönlichkeiten von mir und meinen Freunden außerhalb des Konzertsaals und dem, was ich in unserer Musik im Konzertsaal hörte. Jemand, der in einer Bar äußerst humorvoll sein konnte, komponierte eine Musik frei von jeder Leichtigkeit. Das fühlte sich befremdlich an. Aber ich wusste weder, was das eigentliche Problem war, noch wie es zu lösen sei. Dann las ich ein Buch über Philip Guston und sah mir einige seiner Bilder an. Er schrieb einige Dinge, die mein Denken über das Komponieren änderten und mich wieder weitermachen ließen: „Ich wusste, dass eine Straße vor mir liegt. Eine sehr raue, unfertige Straße. Ich wollte wieder vollständig sein – so wie damals, als ich Kind war, ein Ganzes sein zwischen Gedanken und Gefühlen.“   

Und: „Ich hatte diese ganze Reinheit satt.“

Das machte mich nachdenklich. Vielleicht wollte ich Reinheit schaffen, etwas Sakrales, noch bevor ich auch nur eine Note zu Papier gebracht hatte.

Es schien, als ob die Idee, „Kunst“ zu machen – ein reines, heiliges Objekt – mich daran hinderte, die Welt um mich herum in all ihrer Farbigkeit zu schätzen. Tatsächlich versuchte ich, diese Welt vollends zu negieren, anstatt an ihr teilzunehmen und meinen Teil zu dieser herrlichen Unordnung zu leisten. Anstelle von „Gott ist tot“ entschied ich für mich: „Die Kunst muss sterben“. Das war ein Befreiungsschlag. Allmählich, nachdem ich die Idee einer Musik als künstlerisches Sakrament hinter mir gelassen hatte, begann ich, ein sehr weites Feld von Musik zu erkunden, womit ich auch meine eigenen musikalischen Prägungen und Erfahrungen wiederentdeckte und schätzen lernte. Negation und Reinheit haben ihre Schönheit und ihre Berechtigung – aber im Moment nicht für mich. Vielen Dank, Mr. Guston.

Richard Ayres (Übersetzung aus dem Englischen: Michael Rebhahn)

This is the third piece in an orchestral set dedicated to artists and writers that have been important to me.

This one is for Philip Guston. Guston’s break with the ultra refined paintings of his circle of associates, and his adoption of an almost cartoon like expression in some way gave me creative permission. His work profoundly challenged my views on art, creativity and its place in culture.

At some point I was having a difficult time. The problem was that I felt there was such a huge difference between the personalities of me and my friends outside the concert hall, compared to what I heard in our music inside the concert hall. For example, someone who was full of humour in the bar, would compose music devoid of any lightness. This didn't feel right to me, it was alienating. I didn’t know what the exact problem was, or how to go about changing this. I then read a book about Philip Guston and went to see some of his pictures. He wrote a couple of things that changed the way I thought about composition and helped get me going again.

The first thing was: “I knew ahead of me a road was laying. A very crude, inchoate road. I wanted to be complete again, as I was when I was a kid wanted to be whole between what I thought and what I felt.”

Secondly he said, “I just got tired of all that purity.”

That got me thinking. Maybe I was trying to make purity, something that was sacred, even before I had put a note on paper.

It seemed as if the idea of making “art”, a purified holy object, was destroying my ability to appreciate the world around me in all of its colour. In fact I was attempting to negate the world completely, rather than joining in and contributing to the glorious mess. Instead of “god is dead,” I decided that, for me, »art must die«. That felt like a liberation. Slowly, after purging the idea of music as artistic sacrament, I began to explore a very wide field of music, and also rediscover and value my own musical background and experiences. Negation and purity has its beauty and place, just not for me right now. Thank you Mr. Guston.

Richard Ayres

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