Werke des Jahres 2014 The Same (Not) The Same - SWR2 NowJazz Session

„Da fiel die Mauer um.“ So wird es knapp erzählt. Sieben Kriegstrompete spielende Priester sollen es gewesen sein, die Jerichos Stadtmauern nach siebentägiger Belagerung zum Einsturz gebracht, den Widerstand einfach umgeblasen haben: Diese Geschichte aus dem Alten Testament hat wie keine andere die Trompete zum Prototyp des strahlenden Siegerinstruments gemacht und ihr das aggressive, kraftvolle, kämpferische Image verpasst, mit dem sie im Verlauf der Musikgeschichte und auch im Jazz immer wieder gerne kokettiert hat. Mazen Kerbaj spielt natürlich auf dieses Image an, wenn er für die NOWJazz Session der Donaueschinger Musiktage ein siebenköpfiges Trompeten-Ensemble zusammenstellt und es ARIHA (arabisch für Jericho) nennt. Es ist eine ironische Anspielung und gleichzeitig die Neuinterpretation eines Mythos. Denn für Kerbaj ist die außerordentliche Wirkung der Trompeten von Jericho offensichtlich weniger ein Symbol für ihre dröhnende Sprengkraft als vielmehr für den subversiven Effekt ungewohnter Klänge. Als er im Teenageralter (neben dem Zeichnen) Musik als Ausdrucksmittel für sich entdeckte, war von Anfang an klar: Etwas anderes als Free Jazz oder freie Improvisation würde für ihn nicht in Frage kommen – eine Entscheidung, die ausgelöst wurde durch eine Art positiven Schock, den Aufnahmen von Peter Brötzmann, Joe McPhee, Evan Parker oder Peter Kowald bei ihm selbst hinterlassen hatten. Die unbedingte Energie, die ihm hier entgegenschlug, das offensive Infragestellen von formalen Konventionen, die intensive Beschäftigung mit der Subjektivität von Klang und auch der provokative Nachhall, der dieser Musik innewohnte, beeindruckten Kerbaj tief und prägen bis heute sein musikalisches Denken. Starry Night, ein sechseinhalbminütiges Duett, feat. Mazen Kerbaj on trumpet and Israeli air force on bombs, gehört zu den meistdiskutierten Dokumenten der jüngeren Improvisationsgeschichte. Während der wochenlangen Bombardierung Beiruts im Libanonkrieg 2006 gab Kerbaj sein sarkastisches Statement zu dem Konflikt, indem er sich nachts auf den Balkon seines Hauses setzte und die Detonationen, die Stille zwischen den Einschlägen, das Schrillen der Alarmsirenen und vorbeifahrende Rettungswagen improvisatorisch kommentierte – mit spielerischen Mitteln, die nach Veröffentlichung der Aufnahme im Internet schnell als virtuose Imitation des Kriegsgeschehens interpretiert wurden, die aber definitiv schon vor dieser Aufnahme zu Kerbajs Ausdrucksrepertoire gehörten. Es rauscht, blubbert, rasselt, surrt und knistert – der Trompeter konzentriert sich mit spielerischem Erfindungsreichtum auf eine Klangpalette, die dem Facettenreichtum von Geräuschen grundsätzlich näher ist als dem klassischen Trompetensound. Dafür wird das Instrument auch mal zwischen die Knie geklemmt, der Luftweg durch einen Schlauch verlängert oder die Trompete mit einem Saxophonmundstück zu einem Holzblasinstrument umfunktioniert. Für sein ARIHA Trumpet Ensemble hat Mazen Kerbaj fünf Kollegen und eine Kollegin mit einer ähnlich experimentierfreudigen Musizierhaltung eingeladen. Der Berliner Axel Dörner und der Wiener Franz Hautzinger gelten mit ihren spieltechnischen Neuerungen auf der Trompete inzwischen einer ganzen Generation von Musikern als Vorbilder. Die Konsequenz, mit der sie ein immenses Spektrum von Klängen mit Luftgeräuschen, Mikrotönen oder perkussiven Elementen in ihr Spiel integrieren, hat den Vorstellungen davon, wie eine Trompete klingen kann, völlig neue Dimensionen eröffnet und unüberhörbar auch das ästhetische Vokabular von Peter Evans, Greg Kelley, Nate Wooley, Liz Allbee und Mazen Kerbaj mitgeprägt. Jeder einzelne von ihnen verfügt über ein höchst eigensinniges klanggrammatikalisches Repertoire, das es ihnen erlaubt, über die normalen physikalischen Grenzen des Instruments hinauszugehen – und trotzdem: Mazen Kerbajs Vorhaben, in Donaueschingen mit einem reinen Trompeten-Ensemble aufzutreten, scheint auf den ersten Blick, wie er selbst bemerkt, eine recht riskante Idee zu sein: „Ich spiele schon seit Längerem gerne mit anderen Trompetern. Nach meinem Duo mit Franz Hautzinger und dem darauffolgenden Trio mit ihm und Axel Dörner finde ich es nun sehr spannend, mit sechs weiteren Trompetern zu spielen. Eigentlich ist es sehr schwierig, ja sogar unmöglich, dass eine solche Formation funktioniert – vor allem aufgrund der begrenzten Möglichkeiten des Instruments. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass es uns durch die großartigen Individualisten, ihre improvisatorischen Fähigkeiten und ihre doch sehr unterschiedlichen Spieltechniken gelingen wird, über die Grenzen, die das Instrument vorgibt, hinausgehen zu können und dort hinzugelangen, wo andere Gruppen nicht hinkommen können. Die große Herausforderung für dieses Ensemble wird es sein, gute Musik zu spielen – und nicht nur gute Trompetenmusik.“

Einer ähnlichen Herausforderung stellt sich bei dieser NOWJazz Session im Anschluss an das Bläserseptett auch JJJJ. Joachim Montessuis und Julien Ottavi aus Frankreich, der Österreicher Jörg Piringer und der Niederländer Jaap Blonk teilen nicht nur denselben Anfangsbuchstaben für ihre Vornamen, sie teilen vor allem ihren Spaß am grenzüberschreitenden Umgang mit ihrem künstlerischen Instrumentarium: der Stimme. Diese wird von allen vier Vokalisten nicht nur als Tonerzeuger, sondern konsequent auch als Klangquelle genutzt: Neben komplett abstrakten Stimmlauten sind gesungene, gesprochene, rezitierte Silben, Konsonanten und Vokale der Rohstoff, aus dem JJJJ ihre Sound-Performances entwickeln. So unterschiedlich die einzelnen Arbeitsweisen dabei sind, so unterschiedlich das Material ist, das jeder von ihnen verwendet – gemeinsam ist ihnen zum einen die Radikalität, mit der sie ihre Stimme mittels Live-Elektronik transformieren. Zum anderen verbindet das Quartett auf der Bühne eine improvisatorische Virtuosität, die abseits reiner Sprachakrobatik mit einer großen musikalischen Sinnlichkeit beeindruckt. Neue Lautpoesie und Vokalimprovisationen haben JJJJ ihr Programm für die Musiktage überschrieben, bei dem zunächst jeder Einzelne in kurzen Solos frei improvisiert oder eine aktuelle kompositorische Arbeit präsentiert. So setzt sich Jaap Blonk in einer Hommage an drei Vertreter der elektronischen Musik (Ryoji Ikeda, Christian Fennesz und Squarepusher) mit den rhythmischen Möglichkeiten von Phonemen auseinander und Jörg Piringer performt einen Ausschnitt seines Langzeitprojektes darkvoice: eine lautpoetische untersuchung über die bedingungen gesprochener sprache nach den nsa-enthüllungen edward snowdens. Im Anschluss daran zeigen die vier in einem gemeinsamen Auftritt dann ihr kollektives Konzept von Extreme Poetry – als einen Beitrag zu einer repräsentativen Bestandsaufnahme aktueller Lautpoesie.

Julia Neupert

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