Werke des Jahres 2013 Linz und Lunz

Oswald Egger / Iris Drögekamp

Linz und Lunz – Notizen zu Lenz

Der Livländer Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792) wuchs auf im zweisprachigen Raum, der Ort selbst trug zwei Namen: Dorpat (deutsch) und ebenso sein Anagramm: Tarbot (livisch). Man spricht fließend: lettisch, estnisch und – gebrochen – deutsch. Dementsprechend kommen auch im Stück drei gleichsam koexistierende Zustände zu sich, zur Sprache zusammen, in einander (häufig) überlagernden, (unaufhörlich) immerzu intermittierenden und (fortdauernd) iterierenden, (währenddessen) zurückweichenden und (stimmig) wieder untereinander einholenden Perioden, schwankenderen Phasen und oft trollatisch wechselständigen Unruhen und Tonlagen.

Wie ein von Bülten und Palsen gedrupft buckeliges Ungelände mit verhökerten Horsten und Windsandsenken und knuppigen Bröckel-, fast Kies-Drumlins, Inversions-Holme und Wort-Motten, wie Gnomen graues Gestein, Felsflächen und Schrammen: alles Wink-schliffe Riß- und Geschiebeformen, mit lettischen Findlings-Lehnwörtern im Livischen durchsetzt, esthnische phrasierte Flinstänze und Lieder aus gestanzten Wörtern, die auf die Welt vergessen sind, nur unbedingt beides, auftauchen und erscheinen. Was sie sagen bzw. selbstvergessen tun, aber kein Ding davon wüssten zu erinnern, nicht ununterdessen – umständehalber mitunter allenthalben Bedingungen: ist das Stück? Eins?

Schon die baltisch areallinguistische Sprachungemeinschaft bildet, verbindet und formiert die arealen Areale ihrer Wind-sedimenten Landschaft, wo Worte (wie Blumen) blühen aus den Dünen und treiben (-stücke, wie Wolken, aus der Luft gegriffen), Flick-Wortfetzen in Lettisch und Estnisch inzwischen: Der eingedeutschte Dichter Lenz erlernt („Luftgeistersprache“) sprechen auf dem Brodelboden eines nichtdeutschen Fundaments aus Trümmersprachen, strukturdurchsetzt von Abschellerungen und Splitt-Silben zerscherbelten Satzwort-Koppelungen und Wortsatz-vergabelten syntaktischen Netzen.

Ein „Areal-Abecedarium im Livland-deutschen Wortlaut“*, d.i. livisch-deutsche Wörter aus der Lebenszeit des späten Lenz sowie die suffixlosen Laut- und Geräuschwurzelverben als „Herde der Verkehrung“ (Lenz) verschränkt sich mit arealen Wortaggregaten aus eigenlos verstehensfreiem Deutsch. (Beispiel: alfanzen Baruschnik, Czekan, Deicht und Deistel, einkowern, Fallblan, Hackelwerk, iandern, Mälzlis marachen, Närig, Padocken-Pagler, Quaddel-Jahn, Sachtliken, Tannaw, Wadmal, Yunnan, Zehnder)

Die unentwegt entstehende Partitur der Vorgänge bringt dabei die Einsätze im Kanon regellos alinea, die Direktiven der aus- und ineinander Redenden wirken nicht-distrikt, sie öffnen Ösen-rund Bezirke, in denen ihre Stille kreist. Nicht der förmlich regelmäßig wiederkehrende Ton im Ton allein entwickelte die Rhythmik des Stückes, sondern mit ihm zugleich die noch vielgestaltigere Stille, Pausen und Nichtpausen verschränken einander mundförmig, unumgänglich und umgehend, wie Vorgänge, die nach Und-ständigen Perioden in sich selber übergingen und Wort für Wort versagen davon, wortwörtlich: das nichtdeutsche Wort „Grenze“ stammt aus ebendiesem Sprachareal – als Fremdwort („graniza“) -, und meint „die deutsche Eiche“.

Man müßte quasi die Wortgrenzen einsilbig fällen, den ganzen Wald aus Intervallen, damit die Grenzen weg- und auseinanderfallen, Wegnetze breschend, Schleichpfade anverwandelnd und Schneisen: dorthin, wo noch und noch Lied und Licht sich verabschiedend wiegen und zu singen sind?

Von den Lautverben wurde die Untergruppe der Geräuschverben untersucht, mit dem Ziel, ihre Musterhaftigkeit hörbar zu machen, Heischesätze, ein Fries aus Frikativen, ihr interimsprachliches Intonationsmuster krakeeliert die einsilbigen Ideophone suffixlos zu onomatopoetischen Einsprengseln im Atem-Korn-Konglomerat talger Oberton-Gnome. Und die Tabulatur aus Geräuschverb-verwurzelten Beziehungslinien, verkündet als eine Laut-Netzhaut das Ganze Um und Auf in Gänze, den Lenz, doch nicht ohne das Land in sich unaufhörlich zu verkünden, d.i. hörbar glänzend zu beerben.

Die phontaktischen, unbeständig changierenden Grenzen zwischen der deutschdeutschen Restsprache und den slavisch-baltischen, ja, Wortwechselbälgern sind, wie Unlinien ineinander auf der einen Hand, die unter den je anderen der beiden verschieden Linz und Lunz sind und tun. Anverwandelt als Akustisches Krakelee, schlucklaute Silbenknäuel, labiale Zungen-
und Mundwurzellaute, Räuspern, Schmatzen, das Atmen und Schnalzen komplexer Wort-für-Wort-Aggregate und Zusatz-Strukturen mit Silbenschnitt-lispelnden Ton-Koppelungen „und und und“, umgesetzt durch Klang-Interventionen (wie „knirk, krk, pak, pliuk, skriuk, svip, tink, szlark, tsurk“) der „Maulwerkerinnen“.
Wort für Wort erfährt dadurch eine springlebendig purzelnde Darstellung der „Idee des Lenzens“ in Weltgestalt, fast metrisch a-taktiert versetzte Einzelereignisse bald und oft unvertauter Laute.

Jedes Wort für Wort verspricht, ist und hat seine Zeit. Die Gegenstände bleiben nicht umgeformt, umrandet und ausgestanzt durch und durch, die Sprache, vielmehr Schemen, Schatten und Konturen treten in Erscheinung, umrissen von uneinsichtigen Ideophonen davon, welche den bloßen Äußerungen ihre innere Kindheitsform entsinnen: jede Welt in der Welt mündete aus einer Kinderwelt von A bis Z, von Kujen, Riegen und Saden verhäufte Schwaden in den Sielen (das Livland des 18. Jahrhunderts): in der Tatform schlafendere Wiesen, „untergegangene“ und bedeutungsleere, wortförmig plötzliche, sofort wieder zerfallende, geborgte Iktus-Silben disparat (von „abängstigen“ etwa bis „Zibchen“). Eine hellfarbige Glossen- und Stoßton-Prozession in Form von Worten und Formen ohne Worte unzusammengehöriger Namen und Dinge, rhythmisiert durch Wörter und Sachen, zwischen denen sich die Grenzen- und Ideengeschichte der innerdeutschen Grenzen des Verstehens ohne Fäden zieht.

Die Stück-Metriken der Partitur, unzusammen mit Zäsuren, bilden die andauernd rhythmische Inversion der stromernden Sprach- und Fließgefüge ineinander aus, um die das ganze Stück ganz, auf Lücke gesetzt, in eben der Weise zerredet erscheint wie die Schwebungen im zeitleeren Wortraum Ton-in-Ton: Die Sätze sind (und springen), wie Steinchen über das Wasser pitscheln (und dort Figuren zeichnen): Die Vorstellung des rumorenden Ohrwurms (ging Lenz durchs Gebirg?) wird wortstill umbetont zu einem jetzt völligeren Gewoge allein selbstverständlicher Worte einer ganzen Menge davon, für die gilt: wo viele Worte sind, ist viel Stille.

Und wenn Lenz einräumt, man solle ihn lieber Linz oder Lunz heißen (Lanz und Lonz), als zu glauben, dass sich im Namen etwas (noch und noch) anderes zutrüge, sagt er dennoch und zugleich, changierend mit Livischem, von einer Niederung, vom öden Niederwald, dass er zwirnt und eine Neigung dafür zeigt, was den Ausschlag gibt: Lants und lonts sind im Livischen tautologisch wie die Waldung, von Stamm zu Stamm vorschreitend, auch). Und lunz ist (istert) das, was seiner Diktion sooft einfloß, luns meint: »quabbeln«. So wie das livische Wort Lenz die »Öse« zum Zuhaken übersetzt, als Kettenglied, Schleife oder Bändchen.
Aber, so wenig aus der Vereinigung ungezählt vieler Silben und Quisquilien mithin ein Kontinuum (insichdicht: dem Sinn nach) entstünde, ebenso wenig lassen sich aus der Vereinigung und Verschmelzung aller Silben ineinander Ununterredungen mit Ungereimtem weder verschränken noch umzuklammern, während die gleichmöglichen aber, die kompossiblen Zustände (vermeintlich) zum Konfigurationsraum aggregierten, um und um Räume ohne Zeit zueinander zusammenzustücken.

Die Sensation des ununterbrochen Stetigen entsteht durch und durch, die Erscheinungen der Erinnerungen währen nur dunkel und ineinanderverworren ereignislos dauernd. Völlig dissoziierende Motive, in überschneidungsloser Parallelität gestaffelt, werden durch einen stets äußernden Kniff der beständigen Eingänge (wie im Sekundentakt der Inversion quasi) oder der spruchlosen Liaisons in Synthesen und Kaskaden des Sagens (auch der Rage)(und in Priameln) zu ahnungslosem Unzusammenhang verflochten; wobei die Fäden, oft und oft verzopft, teils-teils innenwendiger verschwinden, um erst nach dem Dreh der Rede wieder und wieder hervorzutreten: Fäden und Stränge, die sich ersichtlich auflösen und gehörig-unaufhörlich wieder ineinsfügen in strikte Jeweiligkeit des Jetzt, mündlich.

Eben durch ihre Verletzungen in der Zäsur wird die innere Metrik, die aber an sich allein aus Intervallen, Leerstellen besteht, selbstdurchsetzt hörbar. Schon ein Wort, das über und über die Grenzen der Versfüße gestikuliert und endlich springt, perforiert somit das übrige auch: Die Lücke hüpft, nimmt sich selbst aus, stutzt und unterbricht sich selbstverstimmt plötzlich und erzielt damit, dass die Zusammenverbundenheit der rhythmischen Stückchen nicht nur nicht verloren geht, während und indem sie dem Ganzen unterlaufen wirkt, aber überläuft zum Glück, dass es sie gibt.

Die Perioden werden mehr durch wortwörtliche Ballungen addiert als durch ihre syntaktischen und Silben-Gelenke zusammengehalten: Eine insichdichte Folge hervorrufender Worte überspült die implizite Rhythmik der Gliederung, von der nur mehr Residuen sich erübrigen – und Schweige-Reste. – Ist, weiß und bleibt Linz und Lunz die Frage nach dem Deutschen eine deutsche Frage?

Oswald Egger
* Oswald Egger, Euer Lenz. Suhrkamp Verlag 2013

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