Werke des Jahres 2011 Stasis

Rebecca Saunders

„Stasis“ ist das am breitesten angelegte Werk einer Serie von Kompositionen, die sowohl der Verräumlichung verschiedener Musiker als auch der formalen Verbindung und Collage einzelner Kammermusikstücke nachgeht. Sechzehn Musiker sind in Kammermusikgruppen verschiedener Besetzungen aufgeteilt, horizontal und vertikal postiert und teilweise außerhalb des Aufführungsraums. Jedes der unabhängig komponierten Module erforscht eine streng reduzierte Klangpalette. Verschiedene musikalische Fäden werden formal verbunden und erzeugen ein komplexes polyphones Gewebe von Klangflächen: Eine Klangskulptur wird in den Aufführungsraum projiziert. Ein abstraktes Musiktheater entsteht, in welchem die Musiker die Protagonisten in einem gemeinsamen musikalischen Umfeld oder einer gemeinsamen Klanglandschaft sind.

„Stasis“ erforscht zwei stark kontrastierende Bedingungen des Seins im Zustand eines fragilen Gleichgewichts. Ein unveränderlicher Zustand mit erschöpfender Beharrlichkeit, anhaltend und im Wesen immer gleich. Fragmente, beständig leicht variiert, erschaffen allmählich ein umfassendes Bild. Wiederholte Abdrücke, projiziert in Raum und Zeit. Wie ein riesiges Mobile, welches unberührt verharrt, während man es aus verschiedensten Perspektiven betrachtet: Das Licht verändert sich, wie auch der Fokus und die Position der Wahrnehmung sich ändern und die Nähe und Distanz zum Objekt sich abwechselt – eine manifeste komplexe Dehnung des einen Gegenstandes.

„Stasis“ betrachtet die Umrahmung von Klang durch Stille, einer imaginierten „Stillheit“ (stillness) – ein unendliches Potential, das darauf wartet, hervorzutreten und hörbar gemacht zu werden. Der Akt der Komposition besteht darin, zu enthüllen und sichtbar zu machen. Zerbrechliche Klanglinien werden aus der Tiefe einer imaginierten Stille hervorgezogen, oder aber der Klang bricht aus dem Zustand (Stasis) der Geräuschlosigkeit hervor. Die in der räumlichen Collagestruktur angelegte Abwesenheit von Stille ist alles durchdringend. Alles in allem entwirft die deutliche Wahrnehmung der Abwesenheit einer reinen „Stillheit“ durch Klang und Zeit ihr Gegenteil; die Präsenz bestätigt die Abwesenheit.

Eine Kurzgeschichte von Samuel Beckett mit dem Titel „Still“ endet wie folgt:

„As if even in the dark eyes closed not enough and perhaps even more than ever necessary against that no such thing the further shelter of the hand...
Leave it so all quite still or try listening to the sounds all quite still head in hand listening for a sound.“
(Samuel Beckett, „Still“, Calder Publications 1974)

Becketts „Still“ skizziert eine einzige Situation: Den Kopf dem Sonnenuntergang zugewandt, betrachtet der ungenannte Protagonist das Hereinbrechen der Nacht, die anwachsende Dunkelheit; den Kopf langsam und behutsam von den Händen gestützt, wartet er, während sich die Dunkelheit ausbreitet, auf einen Klang. Die Metaphern von Dunkelheit und Licht, Schweigen und Klang, Bewegung und Stille durchdringen das zerbrechliche Gefüge seiner Sprache. Wie in alle Ewigkeit ist die zeitlose Melancholie, die kurz, hart und ehrlich ist und dennoch durchdrungen von Menschlichkeit und Zärtlichkeit. Eine Stasis; der menschliche Körper verharrt im Zustand der Erwartung, zitternd.

Rebecca Saunders
(Übersetzung aus dem Englischen: Bernd Künzig)

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