Bilanz der Donaueschinger Musiktage 2017 Das Publikum als Teil der Inszenierung

Die Donaueschinger Musiktage 2017 sind am 22. Oktober mit einem Konzert des SWR Symphonieorchesters zu Ende gegangen. Das traditionsreichste Festival für Neue Musik hinterfragte vom 19. bis 22. Oktober etablierte Konzertformen, das Diktat der Maschine und widmete sich dem Thema Gleichberechtigung in der Neuen Musik.

Eröffnungskonzert der Donaueschinger Musiktage 2017 (Foto: SWR, SWR - Ralf Brunner)
Eröffnungskonzert der Donaueschinger Musiktage 2017 mit dem SWR Experimentalstudio und dem SWR Symphonieorchester SWR - Ralf Brunner

Mit Klangskulpturen und Installationen waren die Musiktage auch in Donaueschinger Museen, in Parks und in der Stadtbibliothek präsent. Die 20 Uraufführungen des Festivals waren allesamt Kompositionsaufträge des Südwestrundfunks (SWR). Bei den Donaueschinger Musiktagen wurden Stücke von 17 Komponisten und neun Komponistinnen aus 18 Ländern aufgeführt.

BG Rückblick

Mensch, Maschine, Musik

Im Eröffnungskonzert setzten sich das SWR Symphonieorchester und das SWR Experimentalstudio in teils kontrovers aufgenommenen Werken mit der zentralen Frage des diesjährigen Festivals auseinander: Welchen Einfluss haben technische Erweiterungen auf die Beziehung zwischen Musik und ihrem vermeintlich autonomen Schöpfer? Aufgegriffen wurde diese Frage in einigen weiteren Konzerten, wie dem des Ensemble Intercontemporain mit Alexander Schuberts „Codec Error“. Das Ictus Ensemble spielte zudem mit unterschiedlichen Konzertformaten, wie bei den Werken von Francesca Verunelli oder Martin Schüttler.

Das Publikum als Akteur

Das von Laurent Chétouane inszenierte Konzert „Transit“ mit dem Solistenensemble Kaleidoskop hob die Grenzen zwischen den Werken von Michael von Biel, Chiyoko Szlavnics, Dmitri Kourliandski und Sebastian Claren ebenso auf wie die zwischen Bühne und Zuschauerraum. In Bill Dietz‘ „École de la claque“, einer Schule des Klatschens, wurde das Publikum selbst zum Akteur. Die Musiktage endeten mit dem Abschlusskonzert des SWR Symphonieorchesters und Uraufführungen von Bunita Marcus, Márton Illés und Chaya Czernowin.

Orchesterpreis 2017 an Márton Illés (Foto: SWR, SWR - Ralf Brunner)
Márton Illés (l.) hat den Orchesterpreis des SWR Symphonieorchesters für seine Komposition "Ez-tér (Es-Raum)" erhalten. SWR - Ralf Brunner

Orchesterpreis an Márton Illés

Der Preis des SWR Symphonieorchesters bei den Donaueschinger Musiktagen 2017 geht an das Werk „Ez-tér (Es-Raum)“ des Komponisten Márton Illés. Die Jury in ihrer Begründung: „Die Komposition stellt auf sehr eigene Weise Fragen und gibt selbstbewusste Antworten. Fragen zum Beispiel nach dem Entstehen von Klängen – wo kommen sie her, wer produziert da gerade, was wir hören? Auch für routinierte Orchestermusiker hat dieses Stück noch Überraschendes parat.“ Mit der Auszeichnung verpflichtet sich das Orchester, sich für weitere Aufführungen des prämierten Werkes einzusetzen.

Das Selbstbewusstsein der Neuen Musik hinterfragen und ihre Möglichkeiten erweitern

Björn Gottstein, Leiter der Donaueschinger Musiktage: „Die Donaueschinger Musiktage leben von den Kontroversen und den Widersprüchen. Viele Komponisten haben bewusst Grenzen von Stil und Genre überschritten. Sie haben das Selbstbewusstsein der Neuen Musik hinterfragt und ihre Möglichkeiten erweitert. Das ist für mich die wichtigste Erkenntnis des diesjährigen Festival-Jahrgangs. Der Neuen Musik gehen weder die Fragen noch die Ideen aus. Das dürfen wir in Donaueschingen Jahr um Jahr erleben."

„Hier wird Musik tabulos neu gedacht“

Gerold Hug, Programmdirektor Kultur des SWR: „Aufregende Tage in Donaueschingen liegen hinter uns. Ungewöhnliche Orte, nie gehörte Klänge, neue Konzertformate haben die Besucherinnen und Besucher herausgefordert. Hier wird Musik tabulos neu gedacht. Der Südwestrundfunk ist den Donaueschinger Musiktagen seit 1950 tief verbunden und unterstützt sie nach Kräften – sei es durch Kompositionsaufträge oder seine Ensembles. Mehr als 30 Stunden Übertragungen und Programm in Hörfunk, Fernsehen und Internet tragen die Musiktage in die Welt.“

Die Musiktage in SWR2 und auf SWRClassic.de

Neben dem Eröffnungs- und dem Abschlusskonzert zeigte SWRClassic.de, das Webportal für die Orchester, Ensembles und Festivals des SWR, auch das Konzert mit dem Ictus Ensemble als Live-Videostream. Alle drei Konzerte stehen auch nach den Musiktagen auf SWRClassic.de und auf Youtube als Video on Demand bereit. Das Kulturradio SWR2 sendete sechs Konzerte live. Alle Konzerte werden gesendet und als Audio on Demand bereit gestellt.

Ausblick: die Donaueschinger Musiktage 2018

Die Donaueschinger Musiktage 2018 finden vom 18. bis 21. Oktober statt. Auf dem Programm stehen dann neue Orchesterwerke von Malin Bång, Ivan Fedele, Benedict Mason, Jānis Petraškevičs, Simon Steen-Andersen und Marco Stroppa. Neben dem Ensemble Modern, dem Ensemble Cikada und dem ensemble mosaik, dem SWR Experimentalstudio, dem SWR Symphonieorchester und dem SWR Vokalensemble ist 2018 erstmals auch die SWR Big Band zu Gast. Kompositionsaufträge ergingen außerdem u. a. an Ragnhild Berstad, Francesco Filidei, Klaus Lang, Isabel Mundry, Brigitta Muntendorf, Koka Nikoladze, Enno Poppe und Agata Zubel. Das Pariser Studio IRCAM ist mit einer neuen Produktion von Georges Aperghis zu Gast.

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