Laura Koppenhöfer (Foto: SWR, SWR/Christian Koch )

"Zwei Minuten": Die Kolumne zum Wochenende

Zwischen den Corona-Jahren

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Die Zeit zwischen den Jahren mit den sagenumwobenen Rauhnächten sind für viele bis heute eine wichtige Phase der Einkehr und Erinnerung. Aber Achtung! Nach Jahren wie diesen sollte man dabei nichts dem Zufall überlassen, warnt Laura Koppenhöfer in ihrer Kolumne zum Weihnachtswochenende.

Jetzt kommen sie wieder, die zwölf Rauhnächte. Für so manche ist das nix weiter als eine gewollt langweilige Zeit, in der man frei und möglichst wenig vor hat. In der man den etwas zu gut gefüllten Bauch direkt nach dem Frühstück wieder auf dem Sofa ablegt, den weihnachtsgeschenkten Bestseller zur Hand nimmt, um wie immer nach zwei Seiten einzudösen. Nur halt nicht wegen Schlafmangel, sondern Bauchfülle.

Aber eigentlich sind die Rauhnächte ja viel mehr: seit Menschengedenken von Mythen und Aberglauben umrankt, die Zeit des Übergangs, von alt zu neu, von Stockdunkel zu Dunkel. Und natürlich die Zeit der Rückschau.

Gerade der sollten wir uns nach diesem anstrengenden, streckenweise grauenhaften Jahr dringend widmen. Damit der unvermeidbare Übergang von Corona-Jahr zwei zu Corona-Jahr drei so gut wie eben möglich hinhaut.

Nur: das mit den Erinnerungen ist so eine Sache. Weil kein Mensch sich alles merken kann, was da übers Jahr so auf einen eintrötet, selektiert das Gehirn, nach, sagen wir mal, kreativen Kriterien.

Am 21. Dezember ist Wintersonnenwende - ab jetzt werden die Tage wieder länger und die Nächte kürzer. (Foto: dpa Bildfunk, Patrick Pleul)
Am 21. Dezember ist Wintersonnenwende - ab jetzt werden die Tage wieder länger und die Nächte kürzer. Patrick Pleul

Mal pickt es sich vor allem die negativen Erlebnisse raus und man erzählt nach dem eigentlich schönen Urlaub nur von der Autopanne oder nach einer eigentlich erfolgreichen Arbeitswoche vom verkorksten Meeting am Montag. 

Mal pickt sich das Gedächtnis vor allem die irrelevanten Infos heraus und man kann noch Jahrzehnte später jede Serienfigur mit Vor-, Zuname und Lebenslauf aufzählen, während die Aha-Momente bei der Museumsführung schon auf dem Heimweg durchs Hirnsieb rutschen.

Manchmal ist es natürlich auch praktisch, dieses selektive Erinnern und Vergessen: 

Beim Abschreiben in der Doktorarbeit erwischt worden? Kein Problem, dann vergess’ ich das mit der Bundesministerin und erinnere mich, dass ich eh Landeschefin werden wollte.

Als Gast einer dekadenten Partyreihe in Downing Street aufgeflogen? Kann gar nicht sein, da war doch Lockdown, weiß ich noch genau! 

Aber, Freunde der Rauhnacht, diesmal können wir die Auswahl unserer Erinnerungen nicht irgendwelchen Neuronen überlassen. Unbeholfen zusammengewürfelt kann das nach dem Jahr eine echte Gruselshow ergeben. Wir müssen das steuern. Heißt: Uns aktiv ans Gute und Schöne erinnern!

Zum Beispiel…der Sommer! Der mit seinem Dauerregen das Ahrtal überflutet hat. 

Ok, irgendwas wird uns einfallen bis zum Dreikönigstag. 

Denn die guten Erinnerungen brauchen wir - um Mut zu schöpfen für die - keine Ahnung wievielten -  “besonders schwierigen Wochen der Pandemie”. 

Das nächste Jahr kann ja nur besser werden. Ja, das hat das letzte Rauhnachts-Orakel auch schon gesagt und was kam stattdessen? Alpha, Delta und Omikron. Aber diesmal klappt’s! Im griechischen Alphabet sind ja nach Omikron nur noch …neun Buchstaben übrig. Hilfe, möge die Zeit zwischen den Jahren ganz langsam vergehen.

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