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Zins und Dividende Flucht vor der Kirchensteuer

Es gibt eine neue Welle von Kirchenaustritten – auch ohne Skandal. Ab 2015 wird die Kirchensteuer auf Kapitalerträge von den Banken automatisch eingetrieben. Das schreckt viele Kirchenmitglieder auf.

Frau zählt Geld

Beim Geld hört der Glaube auf?

Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus. Ein Trend, der seit Jahren anhält und durch den Skandal um Tebartz van-Elst oder das Bekanntwerden von Missbrauchsfällen immer wieder befeuert wurde. Jetzt gibt es eine neue Welle an Kirchenaustritten - auch ohne Skandal. Es ist die bloße Ankündigung, dass ab 2015 eine neue Regel greift: Die Kirchensteuer auf Kapitalerträge wird künftig von den Banken automatisch eingetrieben. Das scheint viele Kirchenmitglieder aufzuschrecken.

Automatischer Abzug statt Steuerhinterziehung

Geld und Paragraphen

Automatischer Einzug der Kirchensteuer bei Kapitalerträgen - der Schuss geht nach hinten los

Eigentlich ist sie schon seit fünf Jahren fällig - die Kirchensteuer auf Kapitalerträge. Seit der Staat die Zinsgewinne aus Aktiengeschäften und Sparanlagen besteuert, bekommen auch die Kirchen ihren üblichen neunprozentigen Anteil - theoretisch. Praktisch haben sich viele Anleger darum gedrückt oder schlicht vergessen, dem Fiskus ihre Kirchenzugehörigkeit zu melden und zuzustimmen, dass auch von ihren Zinsgewinnen Kirchensteuer abgezogen werden. Das ist Steuerhinterziehung! Deshalb drängten die Kirchen auf den automatischen Abzug. Doch das ging nach hinten los.

Nur wer Vermögen über 50.000 Euro hat, zahlt Kirchensteuer

Stapelweise Euro-Scheine

Nur wer den Steuerfreibetrag von 800 Euro ausgeschöpft hat, zahlt Kirchensteuer auf Zinsen und Dividenden

Manuela Pfann, Sprecherin der katholischen Diözese Rottenburg-Stuttgart: "Ein erstaunlich großer Anteil derer, die ausgetreten sind, ist über 65 Jahre. Ein Anteil, der in den letzten Jahren nicht so hoch war. Das ist die Gruppe, die jetzt um ihr Erspartes fürchtet. Zu unrecht, denn Kirchensteuer auf die Ersparnisse wird erst dann fällig, wenn sie über den Sparerfreibetrag hinaus geht und das trifft eigentlich nur die Menschen mit größerem Vermögen." Sprich: Menschen, die mehr als 50.000 Euro auf der hohen Kante haben, sodass die Zinsen mehr als den jährlichen Steuerfreibetrag von 800 Euro einbringen.

Der evangelische Kirchenrat Georg Eberhardt aus Stuttgart: "Geld und Steuern sind Reizwörter. Ich glaube, dass es auch ein Indiz ist, dass in unserem Land insgesamt die Frage der Steuergerechtigkeit als sehr problematisch angesehen wird. Und dass wir auch ein stück weit hier die Prügel bekommen, die woanders gemeint sind. Man schlägt den Sack und meint den Esel. Ich kann aus dem Staat nicht austreten." Aus der Kirche schon...

Die Kirchenaustritte sind um 50 bis 60 Prozent gestiegen

Aus der württembergischen Landeskirche haben sich 2014 in den ersten drei Monaten 57 Prozent mehr Menschen abgemeldet als im vergleichbaren Vorjahres-Zeitraum. Da muss mehr dahinter stecken als ein neues Steuerverfahren. Manuela Pfann: "Der Erfahrung nach wissen wir, dass jedem Austritt ein langer Entfremdungsprozess vorausgeht. Für viele ist es ein nicht-glaubwürdiges Handeln der Kirche, eine nicht ausreichende Transparenz, eine Kommunikation, die sie nicht mehr erreicht. Und, dass es hier manchmal nur noch einen kleinen Anlass braucht."

Seniorinnen kochen unter Anleitung in einer Altenpflegeinrichtung

Kirchen erfüllen soziale Aufgaben

Und der scheint nun gegeben. Jetzt müssen die Kirchen klarmachen, dass sie sich nicht bereichern, sondern sich nur das Geld holen, das ihnen zu steht - und das auch in soziale Arbeit fließt, auf die kaum jemand verzichten möchte.

Gegenmaßnahme: Sperrvermerk eintragen lassen

Die Kirchensteuer auf Kapitalerträge wird künftig automatisch einbehalten und über die Finanzverwaltung an die Religionsgemeinschaften abgeführt. Derzeit erhalten Kunden entsprechende Benachrichtigungen von ihren Geldinstituten. Diese teilen mit, dass sie sich einmal im Jahr beim Bundeszentralamt für Steuern nach der Religionszugehörigkeit des Kunden erkundigen werden. Es handelt sich also nicht um eine neue Steuer, sondern um ein neues, automatisiertes Verfahren.

Wer das nicht will, kann beim Bundeszentralamt für Steuern einen Sperrvermerk beantragen. Stattdessen muss der Steuerzahler dann in der Einkommensteuererklärung seine Kirchensteuerpflicht mitteilen.