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Rätselraten um die verschwundene belarussische Oppositionspolitikerin Maria Kolesnikowa. Nach Angaben der Behörden soll sie an der Grenze zur Ukraine festgenommen worden sein.

Die Behörden in Belarus berichten, Kolesnikowa habe in der Nacht versucht, über die Grenze zur Ukraine zu fliehen. Zwei weiteren Mitgliedern des oppositionellen Koordinierungsrates sei der Grenzübertritt gelungen, hieß es. Die Opposition hat noch keine Informationen, wo sich Kolesnikowa aufhält. Seit Montag gab es von ihr kein Lebenszeichen. Die Demokratiebewegung von Belarus ging davon aus, dass Kolesnikowa in der Hauptstadt Minsk von Unbekannten entführt worden war.

Bundesregierung fordert Aufklärung

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) hat Aufklärung über deren Aufenthaltsort sowie die Freilassung der Oppositionellen und weiterer politischer Gefangener gefordert. "Wir sind in großer Sorge um Frau Kolesnikowa", schrieb Maas auf Twitter.

Wir sind in großer Sorge um Frau #Kolesnikowa. Auf die dialogbereite Opposition rollt eine Repressionswelle nach der anderen zu, das ist nicht hinnehmbar. Als EU arbeiten wir mit Hochdruck an einem Sanktionspaket. Wenn #Lukaschenko seinen Kurs nicht ändert, werden wir reagieren.

Ihr Verschwinden sowie mehr als 630 Festnahmen bei erneuten Massenprotesten gegen Staatschef Alexander Lukaschenko am Wochenende riefen international Empörung hervor. "Die fortgesetzten Verhaftungen und Repressionen, auch und vor allem gegen die Mitglieder des Koordinierungsrates, sind nicht hinnehmbar", sagte Maas.

"Wir wissen nicht, wo Maria ist"

Der Chefdirigent und musikalische Leiter des Abaco-Orchesters der Universität München, Vitali Alekseenok nannte die Ereignisse um das Verschwinden von Maria Kolesnikowa "erschreckend".

"Wir wissen nicht, wo Maria (Kolesnikowa) ist und was mit ihr passiert. Wir haben mindestens zwei verschiedene Versionen gehört. Beide sind sehr gefährlich für Maria. Ich hoffe, sie meldet sich bald zurück und wird dann für unsere Gesellschaft und uns kämpfen können.“

Vitali Alekseenok, Chefdirigent Abaco-Orchester

"Maria hat Minsk nicht freiwillig verlassen"

Alekseenok geht definitiv davon aus, dass Kolesnikowa Minsk nicht freiwillig verlassen hat. Er verwies dafür auf frühere Aktionen belarussischer Sicherheitskräfte, wo Menschen an die Grenze oder ins Ausland verschleppt worden seien. Alekseenok verwies auf einen entsprechenden Bericht, der am Morgen in den staatlichen belarussischen Medien gesendet wurde. Sie machten das, "um uns zu schwächen. Um uns zu demoralisieren. Um uns zu zeigen, eure Führungspersonen sind schwach. Die haben aufgegeben. Aber wir wissen, dass unsere Staatspropaganda es dreht wie einen Doku-Film".

"Wir wollen kein Russland werden"

Russland sei für die belarussische Regierung nach wie vor der Freund Nr.1. das habe man auch an ihrem Verhalten im Ukraine-Konflikt gesehen. Mit Blick auf die Zukunft sagte Alekseenok, "wir wollen kein Russland werden, wir wollen ein demokratisches und freies Belarus bleiben. Wir hoffen, dass hier nicht geschossen wird, dass es nicht zu Gewalt von Seiten Russlands kommt." Dann wäre eine Entwicklung wie in der Ukraine zu befürchten "und wir würden Feinde für Jahrzehnte werden".

Grüne: Maas soll mit der Opposition sprechen

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, forderte Bundesaußenminister Maas auf, die Opposition in Belarus zu unterstützen. Maas könne Gespräche mit Verschleppten und Geflohenen führen, so Göring-Eckardt.


Zugleich forderte sie Sanktionen gegen die Regierung von Präsident Lukaschenko. "Sanktionen sind ein sehr zentrales Mittel und sie müssen gegen das Umfeld von Lukaschenko gelten." Allerdings auch gegen diejenigen, die das System stützten. "Das ist das übliche Verhalten eines Diktators, der nicht verstanden hat, dass seine Zeit abgelaufen ist", sagte Göring-Eckardt. Sie forderte, dass freie und geheime Wahlen in Belarus durchgeführt werden. Dann sei klar, dass Lukaschenko nicht Präsident in Belarus sein könne.

Wer ist Maria Alexejewna Kolesnikowa?

Maria Alexejewna Kolesnikowa gilt als eine der führenden Oppositionsfiguren in Belarus. Sie wurde am 24. April 1982 in Minsk geboren, ist Berufsmusikerin, spielt Flöte. Da sie an der Musikhochschule in Stuttgart Musik studierte, spricht sie fließend Deutsch. Die politische Entwicklung in ihrem Heimatland Belarus machte sie zu einer Bürgerrechtlerin. Nachdem der Oppositionspolitiker Babaryka verhaftet wurde, trat sie an seiner Stelle in den Präsidentschaftswahlkampf ein. Anfang September 2020 gab Kolesnikowa die Gründung einer neuen Partei mit dem Namen Rasam (Gemeinsam) bekannt, die unabhängig vom Koordinierungsrat arbeitet.

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