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"Wir strengen unseren Kopf einfach nicht so gern an", sagt der Kognitionspsychologe Christian Stöcker. Wenn es um das Corona-Verständnis geht, sei das aber notwendig.

Wissenschaft und medizinische Forschung zu verstehen - für Menschen ohne naturwissenschaftliches Studium ist das oft nicht allzu leicht. In vielen Fällen könne das auch den sorglosen Umgang mit der Corona-Pandemie erklären, sagt der Kognitions-Psychologe Professor Christian Stöcker von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften HAW in Hamburg im Gespräch mit dem SWR.

Gerade der Begriff des "exponentiellen Wachstums", der im Zusammenhang mit der Ausbreitung der Corona-Infektionen immer wieder fällt, sorge für Unverständnis. "Es ist einfach so, dass wir in unserem Alltag mit exponentiellem Wachstum relativ selten konfrontiert sind," sagt Stöcker. Dadurch fehle die Erfahrung, welche Folgen ein solches Wachstum haben könne.

Die Ursache für dieses Unverständnis seien zwei unterschiedliche Wege der Informationsverarbeitung in unseren Köpfen, erläutert der Kognitionspsychologe. "Der eine Weg sei schnell, mühelos und einfach" und werde System 1 genannt. Der zweite Weg sei jedoch sehr viel gründlicher und genauer - aber auch anstrengender.

Kompliziertere Probleme und "Denkfaulheit"

"Wenn ich Sie frage, was ist 4 plus 4, kann System 1 das problemlos beantworten - wenn ich frage, was ist 17 mal 23, kommen Sie nicht umhin, Ihr System 2 einzuschalten. Da haben Sie aber nicht so richtig Lust drauf," erklärt Stöcker.

In der Psychologie gebe es daher den Begriff "kognitiver Geizkragen". Die Menschen strengten ihren Kopf "einfach nicht so gern an." Wichtig sei es daher, sich vor Augen zu führen, dass wir es gerade in der aktuellen Situation wieder mit einem solchen ernsten Problem zu tun hätten, über das man nachdenken müsste. "Wir stoßen da, wenn wir uns nicht richtig anstrengen, an unsere kognitiven Grenzen."

Denkfaulheit ist kein Schutzmechanismus

Den Einwand, Menschen würden die Realität der Corona-Pandemie nicht an sich heranlassen, um sich selbst zu schützen, will Stöcker nicht gelten lassen. "Die 'grausame Realität' entsteht erst in dem Moment, in dem wir versuchen zu ignorieren, was da gerade passiert."

In den vergangenen Monaten sei deutlich erkennbar gewesen, dass das Infektionsgeschehen im Griff gehalten werden konnte, so lange sich die meisten an Schutzmaßnahmen halten. Die Sorglosigkeit, die derzeit entstehe, sei nicht der Angst vor dem exponentiellen Wachstum geschuldet - sondern eher dem Ignorieren der Möglichkeit eines exponentiellen Wachstums.

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