Hängeregister und Grundsteuer Hängeregister und Grundsteuer, (Foto: IMAGO, Steinach)

"Zwei Minuten": Die Kolumne zum Wochenende

Meinung: Winterfreuden mit Elster und Boris

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Laura Koppenhöfer
Laura Koppenhöfer, SWR2 Moderatorin (Foto: SWR, Christian Koch)

Flurstück, Gemarkung, Grundbuchblatt: Millionen Menschen kämpfen sich zurzeit durch die Grundsteuererklärung und fragen sich: Mache ich gerade gratis den Job von Steuerfachleuten? Absolut, findet Laura Koppenhöfer.

Gut, der halbe Januar ist schon rum. Dieser überflüssige Monat, der einen nach all dem festlichen Lichterglanz tief ins gänzlich unfestliche Winterdunkel fallen lässt. In dem all die Jahresrechnungen für Versicherungen und Abos über das weihnachtsgebeutelte Konto herfallen und Atemwegsviren über die pandemiegebeutelten Immunsysteme.

Laura Koppenhöfer (Foto: SWR, SWR/Christian Koch )
Die Meinung von Laura Koppenhöfer SWR/Christian Koch

Und wenn man trotzdem gerade so weit ist, sich aus der Januar-Tristesse herauszumotivieren, sich erleichtert bewusst macht, dass in diesem Winter keine Quarantäne mit kleinen Kindern droht, und auch kein Stammgast-Status an der Lollitest-Station, da fällt einem das diesjährige Januar-Grauen wieder ein: Die Frist für die Grundsteuererklärung läuft Ende des Monats ab.

Und auf einmal ist es gar nicht mehr so gut, dass der halbe Januar schon rum ist.

Na, dann mal frisch ans Werk. Schließlich bedeutet diese lästige Aufgabe auch, dass man das Glück hatte, eine Immobilie kaufen zu können. Dankbarkeit keimt auf, versiegt aber leider schnell beim Versuch, ein Benutzerkonto beim Finanzamt-Portal Elster anzulegen. Für die Registrierung braucht man ein Authentifizierungs-Zertifikat. Aja, und wo zum Henker bekomme ich das jetzt her? Eine Frage, die sich im weiteren Verlauf noch sehr oft stellen wird.

Die Kolumne von Laura Koppenhöfer können Sie hier auch als Audio hören:

Während im näheren Umfeld immer mehr Menschen selbst mit höchsten Bildungsabschlüssen an Elster und dem wochenlangen Registrierungsprozess verzweifeln, überweist man seufzend zusätzlich zu all den Jahresrechnungen für Versicherungen und Abos auch noch die Gebühr für eins dieser Steuererklärungsprogramme. Weil für ein Grundstudium Finanzwesen genau wie für das Warten auf die Zertifikats-Datei die Zeit etwas knapp ist.

Immerhin die Benutzerfreundlichkeit des Erklärungsprogramms ist um Welten besser. Aber das verschachtelte Fachvokabular ist das gleiche. Lebe ich in einer hebe-berechtigten Gemeinde? Und in welcher Gemarkung der hebe-berechtigten Gemeinde liegt mein Grundstück, pardon, meine anteilige Fläche der wirtschaftlichen Einheit in Bruchform? Auf welchem Grundbuchblatt steht der Zähler des Flurstücks? Aja, und wo zum Henker bekomme ich das jetzt alles her?

Zum Glück gibt es Boris. Eine Art Google für Bodenrichtwerte. Ist in Baden-Württemberg ganz gut zu bedienen. Im Gegensatz zum bayerischen Boris. Ja, natürlich ist das Programm in fast jedem Bundesland anders. Wie auch das gesamte Grundsteuer-Berechnungsmodell. Hallo? Föderalismus!

Der schnelle Boris-Erfolg gibt Auftrieb. Jetzt noch flink die fehlenden Nümmerchen im Kaufvertrag nachgeschaut und ein bisschen prozentgerechnet ... Fehlermeldung. Wo zum Henker kommt die jetzt her? Wie, Keller und Garagenplatz haben eine andere Grundbuchblattnummer. Ist doch das gleiche Haus, pardon, Flurstück?

Rechtzeitig vor dem Nervenkollaps stellen wir fest: Am besten geht’s zu zweit: Eine Person liest, wartet und tippt, die andere sucht und sucht woanders und diktiert. Die Knobelei, was obige Begriffe wohl bedeuten, klappt zu zweit auch besser, die Rechnerei sowieso. Und noch ein Tipp: niemals auf die Küchenrufe Nichtbeteiligter hören!

Mehrere Stunden, noch mehr Fehlermeldungen, durchwühlte Ordner, Schubladen und Umzugskartons später ploppt das ersehnte Fenster auf: "Prima! Sie haben die Grundsteuer-Erklärung erfolgreich versendet!"

Halleluja, das wäre erledigt. Bleibt die Frage, warum man damals beim Immobilienkauf so viel Geld für den Notar hinblättern musste, damit die Daten beurkundet und säuberlich im Grundbuch vermerkt werden? Wenn jetzt doch die Bürgerinnen und Bürger selbst all diese Daten mühsam zusammensuchen und bitte schön elektronisch verschicken müssen?

Weil wir im Gegensatz zu Notaren, Sachbearbeiterinnen und IT-Fachleuten nix kosten. So geht Digitalisierung in Deutschland.

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