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Wenn Menschen auf ihren Computern gegen Viren kämpfen, dann geht es meist um bösartige Software. Doch in Zeiten der Covid-19 Epidemie ist vieles anders: Innerhalb von nur einer Woche haben sieben Organisationen aus dem Bereich der digitalen Zivilgesellschaft den #WirVsVirus Hackathon auf die Beine gestellt. Unser Reporter Jochen Schäfer war dabei.

Initiativen wie „Code for Germany“ und „Project Together“ hatten für das vergangene Wochenende Menschen aus ganz Deutschland dazu aufgerufen, sich mit ihren Fähigkeiten am digitalen Kampf gegen das Virus zu beteiligen. Die Schirmherrschaft hatte die Bundesregierung - wie vieles an dieser Aktion ein Novum.

„Hackathons“ kommen ursprünglich aus der IT-Welt und gehören dort zu den beliebtesten Veranstaltungen. Meist treffen sich dabei zahlreiche Computerbegeisterte an einem Ort, um gemeinsam zu hacken, also kreative Lösungen für Probleme zu finden. Da ein reales Treffen in der aktuellen Situation nicht in Frage kam, fand die Veranstaltung komplett im virtuellen Raum statt.

Virtuell gemeinsam gegen das Virus

Alle Interessierten sollten ihr Können von Zuhause aus und per Konferenzsoftware beisteuern. Dazu wurden zunächst Probleme und Fragestellungen gesammelt, die im Alltag mit dem Virus auftreten. Diese wurden dann zu hunderten von Herausforderungen zusammengefasst, für die erste Lösungsansätze entwickelt werden sollten.

Interesse übersteigt Erwartungen

Die Resonanz auf das Projekt war enorm. Binnen kürzester Zeit registrierten sich mehr als 25.000 aktive Teilnehmerinnen und Teilnehmer für die Veranstaltung. Offenbar hatten selbst die Organisatoren nicht mit einem so großen Interesse gerechnet. Die Computer-Infrastruktur, die eigentlich Austausch und Kommunikation ermöglichen sollte, konnte die große Zahl von Interessierten anfangs kaum bewältigen. Trotzdem konnten über das Wochenende bereits hunderte konkrete Projekte auf den Weg gebracht werden.

Apps zur Nachbarschaftshilfe

Neben Apps zum Organisieren von Nachbarschaftshilfe und Anleitungen zum 3D-Druck von Beatmungsmasken beschäftigten sich zahlreiche Teilnehmer mit „Social Distancing“, also dem Gebot, Abstand zu halten.

Einer von ihnen ist Cornelius Roemer. Der 25 jährige Physiker aus Weil der Stadt hat schon in Cambridge und am MIT studiert, entwickelt nun aber gemeinsam mit dem Team von EveryoneCounts.de eine Art Übersichtsseite zu Social Distancing:

„Unsere Seite zeigt, wie es an einem bestimmten Ort in Deutschland um Social Distancing steht. Social Distancing ist eines der wichtigsten Mittel, um Corona zu stoppen. Das wollen wir mess- und anfassbar machen.“

Dazu sammelt die Seite Daten aus verschiedenen öffentlichen Quellen und stellt sie in einer einheitlichen Form dar.

Laserscanner in der Fußgängerzone

Die Informationen stammen aus bereits bestehender Infrastruktur, die unter normalen Umständen anderen Zwecken dient. Dazu zählen beispielweise Laserscanner, mit denen Händler die Passanten in Einkaufsstraßen zählen, Webcam-Bilder von öffentlichen Plätzen, auf denen eine künstliche Intelligenz Fußgänger erkennt, und Zählstationen, die den Radverkehr in Städten messen.

Diese Daten sollen auch helfen, die Debatte um Ausgangsbeschränkungen zu versachlichen, hofft Roemer. Denn so könnte die Politik ihre Entscheidungen auf belastbarere Zahlen stützen und Bürgerinnen und Bürger bekämen eine unmittelbare Rückmeldung über den Effekt ihres Verhaltens.

Entwicklung mit Hindernissen

Ganz glatt läuft die Entwicklung der Webseite dann aber nicht. Immer wieder tauchen Schwierigkeiten auf: Mal reicht die Kapazität der Systeme nicht aus, mal fehlt der Zugang zu den nötigen Daten. Doch lange lässt sich das Team von solchen Problemen nicht aufhalten. Als am späten Freitagabend die ersten Besucherzahlen aus den Innenstädten ausgewertet werden sollen, fehlt noch die Zustimmung des Datenanbieters.

Das Team schreibt Mails und twittert und erreicht schließlich den Geschäftsführer eines Kölner Start-Ups persönlich – per Telefon. Der ist von der Idee direkt überzeugt und gewährt großzügigen Zugriff auf die Datenbanken seiner Firma.

Breite Unterstützung

Generell können die Teams im Hackathon am Wochenende auf breite Unterstützung vertrauen. Neben der Bundesregierung stehen zahlreiche Tech-Unternehmen hinter dem Hackathon, die Expertise und Rechenleistung beisteuern oder kostenlosen Zugang zu ihren Diensten anbieten.

Für das Team von EveryoneCounts.de endet der Hackathon mit einem Erfolg: Das selbstgesteckte Ziel, einen funktionierenden Prototyp der Seite zu entwickeln, haben sie erreicht. Und auch die Organisatoren sind zufrieden:

„Das hat das Internet in den letzten drei Tagen zu einem wesentlich besseren Ort gemacht als bei den Themen, über die wir in den letzten Wochen und Monaten so gesprochen haben“,

resümiert Digitalisierungsministerin Dorothee Bär (CSU) mit Blick auf die zahlreichen hochengagierten Teams auf der abschließenden Pressekonferenz.

Entsprechend gut ist die Stimmung, als am Sonntagabend die Abschlussveranstaltung beginnt und sich auch Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) per Stream bei den Teilnehmern bedankt. Der offizielle Teil des Hackathons ist damit zu Ende, doch das langfristige Ziel ist klar: Möglichst viele der Hackathon-Projekte sollen in den kommenden Tagen ihren Weg in den neuen Corona-Alltag finden.

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