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WG mit Eritreern Flüchtlinge als Untermieter

Immer mehr Flüchtlinge kommen nach Deutschland. Turnhallen werden zu Notquartieren, Zeltstädte entstehen. Martin Patzelt, CDU-Bundestags-Abgeordneter, hat zwei junge Flüchtlinge aus Eritrea bei sich zuhause aufgenommen. Wie klappt das?

Eritrea

Flüchtlinge aus Eritrea bilden derzeit einen großen Anteil der Asylbewerber in Deutschland

SWR-Moderator Andreas Böhnisch hat mit Martin Patzelt, CDU- Bundestags-Abgeordneter aus Brandenburg, gesprochen. Er hat zwei junge Männer aus Eritrea, 19 und 24 Jahre alt, bei sich zuhause aufgenommen.

Wie läuft das Zusammenleben mit den beiden jungen Eritreern?

Komplikationslos und eigentlich muss ich sagen, mit vielen kleinen Freuden auch belebt.

Gibt es keine Spannungen zu Hause, wenn plötzlich zwei, doch wildfremde Menschen teilnehmen am Familienleben?

Hilfe für Flüchtlinge aus Eritrea.

Gastfreundlich ist man auch in Dachsenhausen bei Koblenz: Flüchtlinge aus Eritrea finden hier eine Unterkunft im alten Backhaus.

Ich denke mal, dass es bei uns wenig Spannung gibt oder kaum merkliche. Weil die beiden jungen Männer sich außerordentlich viel Mühe geben, sich anzupassen. Wir versuchen, ihnen das ein bisschen leichter zu machen und den eigenen Willen auch zu provozieren, damit es eben nicht zu Spannungen kommt, zu untergründigen. Sie haben einen außerordentlich hohen Lernbedarf und Anpassungsdruck und das kann sich ja dann auch ein bisschen potenzieren, wenn man dem keinen Raum gibt. Bisher läuft das alles sehr gut - aber unsere Sorge ist, dass wir sie überfordern.

Sie wohnen in Briesen, etwa 20 Kilometer vor Frankfurt an der Oder - also ganz im Osten der Republik. Der Ort hat gut 2.000 Einwohner und die müssen sich erst an diese beiden schwarzen Männer gewöhnen. Wie reagieren die Menschen?

Ja, zunächst erstaunt. Es läuft ja nun schon lange und wir haben schon über Jahre hin immer wieder Gäste gehabt, die eine andere Hautfarbe haben und dadurch auch aufgefallen sind in dieser kleinen Gemeinde. Aber wir haben das immer so gesehen: Farbe tut unserem Ort gut. Es ist ein Symbol dafür, dass wir aus unserer Abgeschiedenheit und Provinzialität und auch aus der Ostalgie, die weithin auch noch lebt, bei den Menschen hier - in Erinnerung und Schmerzen aus dem Anpassungsprozess nach der Wende - dass die einfach neue Anregung bekommen, neue Ziele sehen, die Erde dreht sich weiter. Und auf der Erde leben eben verschiedene Menschen und manche Menschen brauchen jetzt in anderer Weise unsere Hilfe als wir es gewohnt waren.

Sie sind wüst beschimpft worden für das, was wie tun. Man hat ihnen und ihrer Familie Gewalt angedroht. Wie gehen Sie denn damit um?

Bahnhof Briesen

Auf dem Bahnhof im brandenburgischen Briesen

Das in vielfacher Weise - vor allen Dingen netzaffin oder durch Mails. Aber ich konnte das immer - und meine Frau ebenfalls und meine erwachsenen Kinder - gut einordnen als Ausdruck von Hass und von Angst, vor allen Dingen von Angst der Menschen. Und das ist eine Stelle, wo man anfangen muss zu gehen - wie auf einem Seil, so auf einem Schwebebalken, man muss einfach gehen, damit man nicht runterfällt. Das sehen wir auch in unserer Gemeinde hier als eine gute Möglichkeit.

Ich habe das sowohl in meinem Wahlkreis, als auch hier im Ort immer so gemacht, dass ich die Menschen konfrontiere mit menschlichen Gesichtern und mit menschlichen Namen. Dann lösen sich die Ängste, vor allem die Ängste bei den Menschen. Auch weil sie merken, dass sind ja ganz normale, hilfsbedürftige, oft sogar empathische und freundliche Menschen, die eben auf der Suche nach einem besseren Leben sind - in welcher Weise auch immer.

Dass Sie zwei Flüchtlinge aus Eritrea bei sich zu Hause aufnehmen, ist einzigartig in der Bundespolitik. Wie reagieren ihre Kollegen, die anderen Abgeordneten im deutschen Bundestag, auf dieses Hilfsangebot?

Bundestagsplenum, Kind mit Teddy, Justitia

Die Kollegen im Bundestag haben Vorbehalte

Zunächst möchte ich doch sagen, dass nach meinem Aufruf im vergangenen Sommer - also ein Jahr etwa her - immer mehr Menschen mir geschrieben haben, dass sie das auch tun. Auch medial wird darüber berichtet, dass es Menschen gibt, die das machen. Im Bundestag selber waren meine Kollegen erst einmal sehr distanziert. Ich habe lange darüber nachgedacht, warum das so wäre, denn ich kenne sie doch als engagierte und empathische Menschen - zum allergrößten Teil so wie ich sie kenne.

Ich glaube es ist die Angst, dass wenn man einen Vorschlag macht, für etwas, was richtig ist, dass dann sofort die Frage kommt: "Ja und warum machst du es nicht selber?" Das ist nicht jedermanns Sache, so viel Nähe und so viel Fremdheit auszuhalten, zu ertragen - vor allem, wenn man es noch nie probiert hat. Für uns war das immer ein Stückchen Lebensqualität. Wir kommen aus großen Familien, wir haben immer ein offenes Haus gehabt und wir betrachten es auch als Bereicherung, wenn Impulse hineinkommen, wenn man offen miteinander umgeht.

Ich habe gemerkt, in Briesen hat sich etwas geändert. Zunächst hat die Bevölkerung mir signalisiert, nie mehr würden wir dich wählen, für das, was du da gesagt hast. Jetzt auf einmal kommen Menschen und sagen: "Ach, wir geben vielleicht Sprachunterricht oder können wir nicht helfen".

Die beiden jungen Männer, die werden jetzt hier arbeiten im Ort. Der eine geht in den Supermarkt und füllt die Regale, der andere wird dem Gemeindearbeiter helfen, das Gemeindehaus ein bisschen in Ordnung zu halten und Angebote zu machen für Kinder. Also die sind mitten auf dem Weg, sich nützlich zu erweisen. Ich halte das für ganz wichtig, dass vor allem die, die einen Asylstatus bekommen, dass die auch arbeiten können - und wenn es gemeinnützig ist. Weil die Bevölkerung dann sieht, sie wollen etwas für den Unterhalt, den wir ihnen gewähren, auch tun.

Online: Heidi Keller