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SWR-Wirtschaftsredakteur Alexander Winkler (Foto: SWR, Oliver Reuther)

Ab 2021 werden wohl weniger Monate wärmer sein als im "langjährigen Durchschnitt" als bisher. Aber nicht, weil es kälter würde, sondern weil sich der Vergleichszeitraum ändert.

Wir haben uns fast schon daran gewöhnt: In Wetter-Rückblicken war zuletzt fast jedes Jahr, jede Jahreszeit oder jeder Monat zu warm. Die Meteorologen sagen dann: Es war wärmer "als im langjährigen Durchschnitt". Zum Jahresende 2020 hat der bisherige "langjährige Durchschnitt" allerdings sein Ablaufdatum erreicht.

Klimareferenzperiode wird ausgetauscht

Bisher werden die Temperaturen immer mit der sogenannten Klimareferenzperiode vergleichen, die die Jahre 1961 bis 1990 umfasst. Nur aus diesen Jahren werden die Temperaturen herangezogen, um die Durchschnittstemperatur zu berechnen. Allerdings wird die Klimareferenzperiode immer nach 30 Jahren ausgetauscht, und genau dieser Moment ist jetzt gekommen. Mit dem 1. Januar 2021 gilt eine neue Periode, und zwar die Jahre von 1991 bis 2020. Damit wird wohl auch das bisher Extreme künftig normal werden, zumindest rein statistisch gesehen.

In den letzten 30 Jahren haben die Temperaturen bei uns nämlich einen großen Sprung nach oben gemacht. Diese wurden dann immer ins Verhältnis gesetzt zu den vergleichsweise kühlen Temperaturen der Referenzperiode bis 1990. Entsprechend viele Abweichungen gab es dann nach oben. Auch deswegen hatten wir so viele "zu warme" Sommer oder "zu warme Winter" in den letzten Jahren.

Klimaerwärmung wirkt sich auf neuen "langjährigen Durchschnitt" aus

In die neue Referenzperiode, die ab 2021 gilt, sind nun aber die hohen Temperaturen der vergangenen 30 Jahre schon mit eingerechnet. Damit werden nun Jahre, die bisher als viel zu warm galten, eher durchschnittlich. Die Klimaerwärmung ist also plötzlich das neue Normal!

Die Folgen lassen sich beispielhaft am Sommer 2020 erkennen. Dieser war nach der alten Berechnung 1,9 Grad zu warm. Nimmt man den neuen Referenzwert zum Vergleich, ist er plötzlich nur noch 0,6 Grad zu warm. Er erscheint also viel normaler als vorher.

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Statistischer Effekt: Klimawandel weniger sichtbar, nicht weniger real

Folglich werden wir wahrscheinlich in der kommenden Zeit weniger Rekord-Jahre und -Monate haben - zumindest was die Durchschnittstemperaturen angeht. Die Klimaerwärmung ist also möglicherweise nicht mehr so offensichtlich wie bisher. Das ist allerdings ein rein statistischer Effekt. An der Tatsache, dass es bei uns wärmer wird, ändert sich dabei überhaupt nichts.

Meteorologen macht dieser statistische Effekt Sorgen. Sie befürchten, Skeptiker oder Leugner des Klimawandels könnten mit Blick auf die Statistik behaupten, der Temperaturanstieg sei gestoppt, weil die Abweichungen nicht mehr so groß sind. Das ist auch richtig. Aber eben nicht, weil es kühler geworden ist, sondern nur, weil die Vergleichsgrundlage sich geändert hat.

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