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In der Fastenzeit verzichten viele Menschen auf ganz unterschiedliche Dinge oder Gewohnheiten. Geht das auch bei der Arbeitszeit? Der Arbeitspsychologe Tim Hagemann kennt erfolgreiche Beispiele - aber auch die Gefahren eines solchen Modells.

In vier Tagen genauso viel arbeiten wie in fünf - kann das funktionieren? Einige Unternehmen hätten das bereits erfolgreich getestet, sagte Tim Hagemann im SWR. Er ist Professor für Arbeitspsychologie an der Fachhochschule der Diakonie Bielefeld. Das Ergebnis der Versuche: Die Effizienz sei dieselbe gewesen.

Vier-Tage-Woche: Machbar im Kreativ- und Wissensbereich

Wenn die Arbeitszeit verkürzt werde, beispielsweise auf eine Vier-Tage-Woche oder auf eine kürzere tägliche Arbeitszeit, dann arbeite man konzentrierter, zielgerichteter und besser organisiert. Es werde das gleiche geleistet wie in einer Fünf-Tage-Woche, erklärte Hagemann. Teams würden sich besser organisieren und die Zeit besser nutzen. Das funktioniere vor allem in Unternehmen im Kreativ- und im Wissensbereich. Vorreiter sei hier die IT-Branche. Besonders eigne sich die Verkürzung der Arbeitszeit beispielsweise bei Projektarbeit.

Anders hingegen sehe es bei normalen Arbeitszeiten und -tagen aus. Dabei würde es viele Effizienzverluste durch zu viele Treffen und Unterbrechungen geben.

"Da ist viel Luft nach oben, um die Leistung zu steigern."

Tim Hagemann

Hinzu käme, dass acht Stunden gleichbleibend konzentrierte Arbeit in vielen Bereichen sehr schwierig sei. Die Leistung sei dann sehr unterschiedlich verteilt: "Tatsächlich schafft man dann in den ersten vier, fünf Stunden wesentlich mehr als am Nachmittag", so Hagemann.

Vier-Tage-Woche besser für die Gesundheit der Mitarbeiter?

Dass eine Vier-Tage-Woche auch für weniger Ausfallzeiten wegen Krankheit bei den Mitarbeitern sorge, das konnte Professor Hagemann nicht bestätigen. Dazu lägen keine Studien vor. Bekannt sei jedoch, "dass gute Erholung auf jeden Fall gesundheitsfördernd ist".

Problem Arbeitsverdichtung

Hagemann sieht in einer Vier-Tage-Woche aber auch Gefahren. Als Beispiel nannte er Arbeitsverdichtung, also dass Mitarbeiter dieselbe Arbeit in vier Tagen schaffen müssen wie zuvor in fünf. Er berichtete von einem Versuch im Bankensektor. Dort habe man vor Jahren die Stempeluhren abgeschafft. Mitarbeiter hätten also auch früher nach Hause gehen können, wenn sie ihre Aufgaben erfüllt hätten.

Doch die Konsequenz sei dann gewesen, dass, wer früher fertig war, zusätzlich neue Aufgaben bekommen habe - also mehr machen musste. Hagemann sagte, es müsse bei einer Vier-Tage-Woche gut beobachtet werden, "dass man die Arbeitsdichte nicht so hochfährt, dass sie kaum noch zu leisten ist". Denn das könne auch gegenteilige Effekte haben.

Fachkräftemangel und Berufe mit Anwesenheitspflicht

Kritik an der Idee einer kürzeren Wochenarbeitszeit kommt von den Arbeitgebern. Eine Vier-Tage-Woche und der Fachkräftemangel passten nicht zusammen, argumentiert die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeber. Dem stimmt Hagemann zu. Als Beispiele nannte er Berufe in der Medizin und Pflege, im Einzelhandel oder Tätigkeiten mit Kundenkontakt - also alle Berufe, bei denen die Anwesenheit eine große Rolle spielt. Gerade in der Pflege herrsche ein großer Fachkräftemangel.

"Als Pflegefachkraft können Sie dann nicht in vier Tagen das leisten, was man sonst in fünf Tagen leisten kann."

Tim Hagemann

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