Bitte warten...

Weihnachtsmenü Die deutsche Gans hat einen polnischen Pass

Die deutsche Gans ist polnisch geworden - 20.000 Tonnen Gänsefleisch produziert Polen, 85 Prozent davon werden nach Deutschland geliefert. Hat die hiesige Gans noch eine Chance?

Gänse

Umstrittener Gänsebraten - auf die Haltung kommt es an

Mittlerweile sind die Gänse nicht mehr so fett wie früher, das Fleisch ist wichtiger als das Gänseschmalz. Für deutsche Gänsezüchter ist es zunehmend schwieriger, auf dem Markt einen Platz zu behaupten. Die Preisunterschiede zu Importgänsen sind groß und die Qualität der Importe hat sich deutlich verbessert. Kein Gastronom kann in dieser Jahreszeit auf eine Gans oder ein Gänsegericht auf der Speisekarte verzichten.

Rund 25.000 Tonnen Gänsefleisch essen die Deutschen bis Weihnachten - eine Menge, die schon lange nicht mehr in Deutschland gezüchtet wird. Nur zehn Prozent stammen aus deutschen Landen, der Rest wird aus dem Ausland importiert.

In Polen zum Beispiel werden 20.000 Tonnen Gans gezüchtet, davon landen 85 Prozent auf deutschen Tellern.

Artgerechte Aufzucht in Polen

Wer glückliche Gänse sehen will, muss in Polen nicht lange danach suchen. Im Osten des Landes, rund 130 Kilometer von Warschau entfernt, reiht sich ein Zuchtbetrieb an den anderen - alles relativ kleine Familienhöfe. Einer davon gehört Piotr Powalka. "Es gibt zwei grundsätzliche Dinge, die es bei der Gänsezucht zu beachten gilt: Hafer und Grünfutter. Etwas anderes kann ich mir nicht vorstellen. Und natürlich jede Menge Platz, damit die Tiere frei herum laufen können. Glückliche Gänse brauchen das. Und wenn sie glücklich sind, dann bin ich auch zufrieden", freut er sich.

Verbrauchsdatum bei losem Geflügel: Bei Gans, Pute, Huhn und Co. als frisches, unverarbeitetes Geflügelfleisch - auf dem Wochenmarkt, in Metzgereien und Supermärkten - muss das Verbrauchsdatum angegeben werden. Es nennt den letzten Tag, an dem empfindliche Lebensmittel noch verzehrt werden können. Nach dem angegebenen Zeitpunkt darf das betreffende Produkt nicht mehr verkauft werden, eine Gesundheitsgefährdung ist nicht auszuschließen. Hier unterscheidet sich das Verbrauchsdatum deutlich vom Mindesthaltbarkeitsdatum, bei dem die Lebensmittel auch nach Ablauf häufig noch gegessen werden können.

Das war nicht immer so. Früher in den 90-er Jahren, erzählt Piotr Powalka, da habe er noch 10.000 Tiere pro Zyklus gezüchtet. Anstrengend sei das gewesen - und irgendwie nicht wirklich qualitätsorientiert. "Jetzt züchte ich 2.000 bis maximal 3.000 Tiere. Der heutige Trend lautet: die Gänse dürfen nicht gestresst werden. Das finde ich gut. Die Zucht muss ökologisch sein. Wir wollen zufriedene Kunden. Und mich freut es auch, wenn ich die Gänse so züchten kann, wie es sich gehört."

Grünfutter, Hafer und Platz zum Joggen

Mit viel Auslauf und vor allem gesunder Nahrung - am besten Grünfutter vom eigenen Feld. Damit die Qualität stimme, betont Powalka. Erst ganz am Ende bekommen die Gänse zusätzlich Hafer. Und damit sie stets fit bleiben, befinden sich die Wasserbehälter von den Futtertrögen etwas weiter entfernt. Das zwinge die Gänse zum Joggen, scherzt Powalka. Das Fleisch, schwärmt er, schmecke dann einfach köstlich.

Familie Powalka brät selbst gerne sonntags eine Gans. "Denn auch wir sind uns über die Vorzüge der Omega3-Säuren im Gänsefleisch bewusst. Vielleicht sehe ich deshalb so gut aus und habe so viel Humor, weil wir eben viel Gänsefleisch essen."

Keine Zwangsmast wie in Ungarn und Frankreich

Von den rund sieben Millionen Gänsen, die in Polen jährlich gezüchtet werden, landen die meisten in den Kühlregalen deutscher Supermärkte. Alles Gänse, die unter natürlichen Bedingungen aufwachsen würden, versichert Krzysztof Terlikowski, Geschäftsführer eines der größten Gänseverarbeitungsbetriebes in Polen. Besonders wichtig, unterstreicht Terlikowski, sei dabei außerdem, dass die Tiere nicht wie in Frankreich oder Ungarn etwa zwangsweise gemästet würden.

"In Polen haben wir weder eine Zucht, die auf Fett noch auf Stopfleber ausgerichtet ist. Das Gesetz untersagt es, seit langem schon. Die Gänse werden im Freien und oft mit Zugang zu einem Teich gezüchtet. Ökogänse sind das."

Schwarze Schafe

Mann beim Rupfen einer Gans

Zusätzlicher Reibach mit den Daunen: Tierschützer laufen Sturm gegen Lebendrupf

Klinge gut, sagen Kritiker, sei aber nicht die ganze Wahrheit. Auch in Polen würden sich nicht alle Züchter daran halten. Eine der Maschen: Minderwertiges, schnell gezüchtetes Gänsefleisch, zum Beispiel aus ungarischer Herkunft, auf dem eigenen Hof aufnehmen, um-etikettieren und als Gänse aus polnischer Freilandhaltung teurer weiterverkaufen. Die böse Überraschung, so heißt es, käme erst auf dem Teller zum Vorschein.

Und wie kann man sich dagegen schützen? In dem der Käufer etwas tiefer in die Tasche zu greifen bereit sei, sagen polnische Gänsezüchter. Denn Qualität habe mittlerweile auch östlich der Oder ihren Preis.

Hat die deutsche Gans noch eine Chance?

Kunde an der Tiefkühl-Fleischtheke

Billigpreise beim Discounter

Auch die Gänse von Stefan Becker in Sarmersbach in der Eifel sind glückliche Tiere. Im Mai hat er sie als Küken in Pappkartons bei der Brüterei im Münsterland abgeholt. Damals waren sie keine 60 Gramm schwer und erst einen Tag alt. Dann hat er sie liebevoll gehegt, gepflegt und aufgezogen. "Am Anfang ist das verdammt viel Arbeit."



Mehr Aufwand für besseres Fleisch

Fast den ganzen Tag musste der 54-jährige Landwirt anfangs die jungen Gänseküken beaufsichtigen, sie vor Habicht und Fuchs schützen. Sie können über vier Hektar Grünfläche watscheln, haben sogar einen eigenen Teich und sind den ganzen Tag im Freien. "Das Futter steht 200 Meter weiter, die Gänse müssen zum Futter laufen, das ist ein Fitnessstudio für die und das gibt natürlich nachher Gänsekeulen mit Muskelfleisch."

Ein Paket wird überreicht.

Neue Vertriebswege: Per Internet und Versand

Aus anfangs 20 Gänsen für den Eigenbedarf sind inzwischen bis zu 500 geworden, die Stefan Becker - Dank Internet - in ganz Deutschland und sogar schon bis nach Stockholm verschickt hat. Sankt Martin ist der Auftakt für das Weihnachtsgeschäft. Geschlachtet und gerupft wird ebenfalls auf dem eigenen Hof. In speziellen Kühlpaketen werden die Gänse per Express an die exklusiven Kunden geliefert.

Qualitätsbewusste Kunden zahlen mehr

Münzen

Manche zahlen gerne mehr für höhere Qualität

"Bei mir kostet diese Gans 24,90 Euro das Kilo. Bei vier, viereinhalb, auch mal fünf Kilo - sind wir bei 100 Euro die Gans." Beim Discounter gibt es Gänse im Sonderangebot, das Kilo für 4,99 Euro. "Da kriegen sie bei mir noch nicht einmal ein Kilo für eine ganze Gans."

Doch die Kunden - Feinschmecker und Menschen, die Wert auf gute Ernährung und Qualität legen - zahlen diesen Preis. Stefan Becker könnte sogar noch mehr verlangen. Doch der Gänsezüchter hat sich selbst ein Limit auferlegt, damit die Qualität hoch bleibt. So hat er dieses Jahr nur 250 Gänse großgezogen und bis zur Schlachtreife gebracht. So viel, wie er eben in seinem Ein-Mann-Betrieb guten Gewissens für Sankt Martin und Weihnachten produzieren kann.

Online: Heidi Keller