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SWR2 Kulturgespräch 25.9.2012 Kohle, Wasser, Öl

Prof. Werner Plumpe, Historiker, über das Thema Ressourcen-Konflikte beim Deutschen Historikertag in Mainz

Vom 25. bis zum 28. September findet in Mainz der 49. Deutsche Historikertag zum Thema "Ressourcenkonflikte" statt. Mit über 3.000 Gästen aus aller Welt ist der Historikertag der größte geisteswissenschaftliche Kongress Europas. Der Historiker Werner Plumpe lehrt an der Universität Frankfurt am Main, forscht unter anderem über Sozial- und Industriegeschichte und ist Vorsitzender des Deutschen Historikerverbandes.

Herr Plumpe, "Ressourcenkonflikte" ist das Thema des Historikertags in diesem Jahr. Vielleicht eine etwas naive Frage vorweg: "Was genau bedeutet der Begriff Ressource eigentlich in dem Zusammenhang?"

Eine Ressource ist ein Begriff, der von der Definition her sehr weit gefasst werden kann. Eine Ressource ist jedes Mittel, das der Mensch verwenden kann, um seine eigene Handlungsfähigkeit zu erhalten oder zu steigern. Wenn man an das „Seelenheil“ eines Menschen denkt, kann es auch Ressourcen geben, die es ihm ermöglichen, in diesem Bereich einen Schritt voran zu gehen. Man kann dann von „Heilsressourcen“ sprechen.

Aber im Kern meint der Historikerverband Konflikte um den Zugang zu materiellen Ressourcen. Die sind in der Geschichte sehr wichtig gewesen. Das hat zwar eine sehr aktuelle Beziehung - wir müssen nur an den derzeitigen Zustand der Europäischen Union denken -, aber es wäre falsch zu glauben, derartige Konflikte habe es in der Vergangenheit nicht gegeben. Im Gegenteil: Ressourcenkonflikte sind wahrscheinlich ein treibender Faktor im historischen Wandel gewesen.

Inwiefern haben solche Kämpfe den Verlauf der Geschichte bestimmt? Gibt’s da Beispiele?

Nehmen Sie nur den Zugang zu zentralen strategischen Rohstoffen wie etwa das Öl, früher Kohle. Denken Sie an den Zugang zu Wasser, zu Edelmetallen. Bei der kolonialen Expansion nach Amerika im 16. und 17. Jahrhundert ging es im Wesentlichen um Edelmetallressourcen. Der Historikerverband hat sich nicht gedacht: „Wir machen das jetzt ganz stark in so einem materialistischen Sinne.“ Darum geht es nicht. Aber die Konflikte um materielle Ressourcen sind eben immer ein ganz wesentlicher Punkt innerhalb dieser Auseinandersetzungen. Das Silber, das Spanien im 16./17. Jahrhundert ausgegeben hat, das war eben sehr wichtig. Und ähnlich haben wir dann Konflikte im 18. und 19. Jahrhundert um Wasser und Kohle oder im 20. Jahrhundert um Öl.

Historiker befassen sich - das stellt man sich zumindest als Laie so vor - mit der gelebten Geschichte. Aber dieses Thema „Ressourcen“ betrifft ja doch eigentlich eher die Zukunft. Sind Historiker auch Fachleute für Zukünftiges, oder gehen ihnen einfach die historischen Themen aus?

Nein, nein! Die historischen Themen gehen uns auf keinen Fall aus, die hängen ja auch immer ein bisschen von den Fragestellungen ab, die man an die Geschichte stellt. Und insofern ist da der Fundus auf absehbare Zeit nicht erschöpft.

Wie wurde im 19. Jahrhundert bei der Aufteilung Afrikas das Problem der Rohstoffverteilung behandelt? Wie waren im 20. Jahrhundert die internationalen Konflikte angelegt? Wenn wir uns mit solechen folgenden Fragen beschäftigen, sind das zunächst handfeste historische Themen, weil man da sehr schön sehen kann, wie auf der Basis materieller Konflikte die einzelnen Akteure, die einzelnen Parteien, die einzelnen Staaten versucht haben, zu Lösungen zu kommen.

Insofern ist das Betrachten der Geschichte eine Art Blick ins Labor: Wie hat eigentlich die Menschheit auf Ressourcenkonflikte reagiert, mit welchen kulturellen, politischen, rechtlichen, mentalen Mitteln sind eigentlich diese Konflikte bewältigt worden?

Und wenn man das betrachtet, dann wird man vielleicht nicht sagen: Es gibt Rezepte aus der Geschichte für unsere aktuellen oder zukünftigen Konflikte. Aber man kann dann so ein bisschen den Möglichkeitsraum ausschreiten, den Menschen bei der Regelung solcher Konflikte haben.

Wenn wir jetzt die aktuellen Konflikte nehmen: Finanzkrise, Atomausstieg, Energiewende. Was können denn Historiker ganz konkret zu den aktuellen Debatten beitragen?

Oh, ich glaube, da kann man sehr viel zu machen. Wenn Sie alleine die Frage der Energie nehmen, dann ist das ein zentraler Bereich der neueren Wirtschaftsgeschichte, der sehr schön zeigen kann, dass der Durchbruch der westlichen Moderne, die Entstehung und Durchsetzung des Kapitalismus sehr viel damit zu tun hat, dass im 18. und 19. Jahrhundert mit der Kohle ein sehr preiswerter und in großen Mengen zur Verfügung stehender Energiefaktor da war.

Heute sagt ein Teil der Forschung auch, dass der Vorsprung, den der Westen in dieser Zeit erworben hat, nicht zu geringen Teilen damit zusammenhängt, dass man eben mit der Kohle eine zentrale energetische Ressource besaß, die der Rest der Welt in dieser Weise gar nicht hatte.

Und von daher könnte man sehr schön die Moderne rekonstruieren als ein spezifisches „Ressourcenregime“. Mit welchen Ressourcen hat man eigentlich den Aufstieg zum Kapitalismus bewältigt? Wo kamen sie her? Welche ökologischen und ökonomischen Schwierigkeiten waren damit verbunden? Welche Preise, welche Engpässe galt es zu überwinden? Wie hat man das eigentlich gelöst? Was ist eine technische, was eine ökologische, eine rechtliche Dimension in diesem Prozess? Und dann kann man sehr schön sehen, dass die Energiefrage heute nicht alleine ein Problem ist der Umweltverschmutzung, sondern eine zentrale Frage unserer Lebensweise.

Noch ein Blick in die Glaskugel. Man hört ja immer wieder, dass die Kriege der Zukunft Ressourcenkriege sein werden. Sehen Sie das als Historiker auch so?

Ich glaube, das sollte man ganz nüchtern sehen. Der Ressourcengesichtspunkt hat in den Kriegen immer eine sehr, sehr große Rolle gespielt.

Auch in religiösen Auseinandersetzungen?

Auch in religiösen Auseinandersetzungen. Wichtig ist zu sehen, dass Ressourcen immer nur einen Teil dieser Konflikte ausmachen, auch von zukünftigen Konflikten, auch von Kriegen. Ressourcen werden immer eine große Rolle spielen, aber es gibt immer noch Dimensionen, die darüber hinaus gehen. Und insofern  – das ist dem Historikerverband sehr wichtig – sind Ressourcenkonflikte nie in dem Sinne durch ihre materiellen Gesichtspunkte erschöpft, sondern es geht immer auch darum, wie die Menschen es vermögen diese Konflikte rechtlich, kulturell, politisch dann letztlich zu bewältigen.

Kriege sind immer ein Problem der Politik, der es dann nicht gelingt, diese Dinge friedlich zu lösen.

Das Interview mit Professor Werner Plumpe, dem Vorsitzenden des Deutschen Historikerverbands führte Sonja Striegl am 25.9. in SWR2 am Morgen.