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Verehrt, vergessen, verachtet

Was aus den Gesichtern der Wende wurde

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Nicht ganz in der Versenkung verschwunden ist Lothar de Maizière. Er war der erste - und letzte - frei gewählte Ministerpräsident der DDR, danach kurze Zeit Minister für besondere Aufgaben der Regierung Kohl (Foto). Wegen nicht bewiesener Vorwürfe, er sei als IM "Czerni" ein Stasi-Spitzel gewesen, trat er kurz darauf zurück und wandte 1991 der Politik den Rücken. Heute ist de Maizière Vorsitzender des Petersburger Dialogs, wofür er im März 2010 mit dem Russischen Orden der Freundschaft ausgezeichnet wurde.

Nicht ganz in der Versenkung verschwunden ist Lothar de Maizière. Er war der erste - und letzte - frei gewählte Ministerpräsident der DDR, danach kurze Zeit Minister für besondere Aufgaben der Regierung Kohl (Foto). Wegen nicht bewiesener Vorwürfe, er sei als IM "Czerni" ein Stasi-Spitzel gewesen, trat er kurz darauf zurück und wandte 1991 der Politik den Rücken. Heute ist de Maizière Vorsitzender des Petersburger Dialogs, wofür er im März 2010 mit dem Russischen Orden der Freundschaft ausgezeichnet wurde.

Ziemlich ruhig ist es um Markus Meckel geworden (links im Bild, mit Ibrahim Böhme bei den Gesprächen am Runden Tisch der DDR 1990). Als Außenminister der DDR nahm der SPD-Politiker mit Hans-Dietrich Genscher an den Zwei-plus-Vier-Gesprächen mit den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs teil. Schon in den siebziger Jahren hatte Meckel sich in der Opposition engagiert und 1989 die Sozialdemokratische Partei der DDR mit initiiert. 2009 verlor er sein SPD-Bundestagsmandat, engagiert sich aber noch bei verschiedenen Stiftungen und nimmt an Podiumsdiskussionen teil.

Auch im wiedervereinigten Deutschland ist Vera Lengsfeld noch ziemlich mutig: "Wir haben mehr zu bieten" stand auf dem Plakat, mit dem die CDU-Politikerin 2009 für die Bundestagswahlen warb. Schon Anfang der 1980er Jahre engagierte sie sich für verschiedene Oppositionsgruppen. Nach einer Haftstrafe wurde Vera Lengsfeld in den Westen abgeschoben. 1990 wurde sie für die Grünen in den Bundestag gewählt, 1992 ließ sie sich von ihrem Mann scheiden, der sie für die Stasi bespitzelt hatte. 1996 trat sie zur CDU über, weil die Grünen beschlossen hatten, Bündnisse mit der PDS einzugehen.

Wäre die Mauer später gefallen - ohne Menschen wie Christian Führer? Schon Anfang der 1980er Jahre organisierte der evangelische Pfarrer Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche. Von dort wurde 1989 die Wende "ins Rollen" gebracht. Nach der Wende blieb Führer engagiert, setzte sich unter anderem für Arbeitslose ein, 2008 (Foto) trat er in den Ruhestand.

20 Jahre nach der Wiedervereinigung ist Joachim Gauck sicher der prominenteste ehemalige DDR-Oppositionelle. Durch seine Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten 2010 hat er viele neue Sympathien gewonnen (Foto: mit seinem Gegenkandidaten, Bundespräsident Wulff). Wichtige Stationen in der Karriere Gaucks: Als Pastor opponierte er früh gegen das SED-Regime und stand unter Dauerbeobachtung der Stasi. 1989 zog Gauck als führendes Mitglied des Neuen Forums in die Volkskammer ein und kümmerte sich ab diesem Zeitpunkt um die Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit. Zehn Jahre lang war er Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde, ehe er 2000 das Amt an Marianne Birthler übergab.

Eine unbequeme Querdenkerin war Bärbel Bohley (Archivfoto von 2000). Schon in den frühen 1980er Jahren setzte sie sich für Menschenrechte in der DDR ein und saß zeitweilig in Untersuchungshaft. Sie engagierte sich im Neuen Forum, kämpfte gegen die Vernichtung von Stasi-Akten und kritisierte die aus ihrer Sicht mangelnde Aufklärung des DDR-Unrechts in der Bundesrepublik: "Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat." Nach der Wende engagierte sie sich unter anderem für den Wiederaufbau Bosniens und lebte lange Zeit im kroatischen Split. Die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes starb im September 2010.

Eine der tragischsten Figuren der Wendezeit ist Ibrahim Böhme. Bis zu seinem Tod hat er eine Tätigkeit für die Stasi bestritten. Als bewiesen gilt aber, dass Böhme ab 1985 oppositionelle Kreise infiltrierte. Im Oktober 1989 gehörte er zu den Mitbegründern der Sozialdemokratischen Partei in der DDR und saß 1990 im Vorstand der SPD. 1992 wurde er dort wegen parteischädigenden Verhaltens ausgeschlossen. Böhme, dessen Biografie immer noch viele Rätsel aufgibt, starb vereinsamt 1999 in Neustrelitz.

Politisch nicht mehr aktiv ist Manfred Stolpe (links oben bei einem Treffen mit ehemaligen ostdeutschen Ministerpräsidenten im September 2010). Vor der Wende machte er sich in der DDR-Kirchenleitung einen Namen, ab 1990 war er zunächst brandenburgischer Ministerpräsident und dann bis zum Ende der Regierung Schröder Bundesverkehrsminister. Oppositionskreise der DDR sind bis heute davon überzeugt, dass Stolpe Jahre lang mit der Stasi kooperierte. Er selbst sagt, er habe dies nur zum Wohle der Kirchenmitglieder getan.

Immer noch ein politisches Schwergewicht ist Matthias Platzeck. Er engagierte sich in der Wendezeit für die unterschiedlichsten Gruppen und Parteien, ehe er seine politische Heimat bei der SPD fand: Von der LDPD wechselte er im April 1988 zur Potsdamer Bürgerinitiative "Arbeitsgemeinschaft für Umweltschutz und Stadtgestaltung", die im November 1989 mit anderen Vereinigungen zur "Grünen Liga" verschmolz. Als deren Vertreter saß Platzeck am Zentralen Runden Tisch der DDR in Berlin. Vor der Wiedervereinigung war er Minister im Kabinett Modrow, 1995 trat Platzeck der SPD bei und war kurzzeitig sogar deren Parteivorsitzender. Heute ist er Ministerpräsident von Brandenburg.

Nach wie vor politisch aktiv ist Marianne Birthler. Auch sie war schon frühzeitig in der Opposition tätig, unter anderem als Gründungsmitglied des Arbeitskreises Solidarische Kirche 1986. Marianne Birthler zog 1990 als Abgeordnete in die Volkskammer und kurz darauf in den Bundestag ein. Sie war Ministerin im brandenburgischen Parlament, trat aber 1992 zurück, als die Stasi-Verstrickungen von Ministerpräsident Stolpe bekannt wurden. Seit 2000 ist sie als Nachfolgerin von Joachim Gauck Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (Foto: 2007 mit dem damaligen Bundespräsidenten Köhler in den Räumen der Behörde).

Der tiefe Fall des Wolfgang Schnur: Er war strahlender Parteichef des Demokratischen Aufbruchs in der DDR und nach dem Mauerfall gar als Ministerpräsident im Gespräch. Doch dann flog seine jahrzehntelange Spitzeltätigkeit für die Stasi auf und Schnur (Archivbild vom März 1996) zog sich aus der Politik zurück. Danach geriet er immer wieder in die Mühlen der Justiz, verlor seine Anwaltszulassung wegen "Unwürdigkeit" und wurde später unter anderem wegen Konkursverschleppung verurteilt.

Für viele DDR-Oppositionelle ist Peter-Michael Diestel ein rotes Tuch. Als Politiker verschiedener konservativer Parteien war er in der Wendezeit und danach unter anderem Innenminister der DDR und Landtagsabgeordneter von Brandenburg. Kritiker werfen Diestel vor, er habe als DDR-Innenminister Stasi-Akten vernichtet. Politisch ist er heute nicht mehr aktiv. Stattdessen vertritt Diestel als Anwalt seit vielen Jahren hochrangige ehemalige Stasi-Mitarbeiter.

Unrühmlich endete die politische Karriere von Manfred Gerlach. Im September 1989 stellte er als erster führender Politiker der DDR die Vormachtstellung der SED in Frage und forderte Reformen. Kurzzeitig war er sogar Nachfolger von Egon Krenz als Vorsitzender des Staatsrates. Nach der Wende wurde Gerlach FDP-Mitglied. 1992 wurde gegen ihn ein Parteiausschlussverfahren eingeleitet. Der Vorwurf: Er habe LDPD-Mitglieder bei den sowjetischen Militärbehörden denunziert. Daraufhin trat Gerlach aus der FDP aus.

Weiterhin engagiert und aktiv ist der evangelische Pfarrer Rainer Eppelmann. Er kümmerte sich schon in den 1980er Jahren in Ost-Berlin um "unangepasste" Jugendliche. Er war im Oktober 1989 Gründungsmitglied der Bewegung "Demokratischer Aufbruch", danach bis 2005 für die CDU im Bundestag. Heute ist Eppelmann Vorsitzender des Vorstandes der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Im November 2009 wurde er für sein Engagement mit dem Preis "Gegen Vergessen - Für Demokratie" ausgezeichnet.

Bis heute ist der Biologe und frühere Bürgerrechtler Jens Reich ein geachteter Mann. Schon viele Jahre vor der Wende setzte er sich kritisch mit der DDR auseinander und war 1989 Mitbegründer des Neuen Forums. Am 4. November 1989 sprach er auf der größten Demonstration der Wendezeit auf dem Alexanderplatz in Berlin. Politisch trat Reich 1994 noch einmal in Erscheinung, als er Kandidat der Grünen für das Amt des Bundespräsidenten war. Reich gehört dem Deutschen Ethikrat an, er und wurde 2009 mit dem Schillerpreis von Marbach am Neckar und dem Carl-Friedrich-von-Weizsäcker-Preis ausgezeichnet (Foto).

Eine bewegte politische Biographie hat Günter Nooke hinter sich. 1987 schloss er sich einer kirchlichen Oppositionsgruppe an, war Mitglied des Demokratischen Aufbruchs und saß am Zentralen Runden Tisch der DDR. Anschließend war er im Bündnis 90 aktiv, verließ es allerdings aus Protest gegen den Zusammenschluss mit den Grünen wieder und fand seine politische Heimat schließlich in der CDU. Seitdem bekleidete er zahlreiche Parteiämter, war von 2006 bis Anfang 2010 Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung und ist mittlerweile deren Afrika-Beauftragter.

Stefan Heym griff mit seinen Schriften schon in den 1950er Jahren das DDR-Regime an. Er wurde daraufhin seinerseits immer wieder von der SED attackiert und durfte seine Bücher nicht mehr in Ostdeutschland veröffentlichen. Heym protestierte gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns und hielt Reden während der Berliner Montagsdemonstrationen 1989. Nach der Wende unterstützte er die PDS und äußerte sich wiederholt kritisch zu einer Benachteiligung der Ostdeutschen im Einheitsprozess. Stefan Heym starb 2001.

Die Autorin und Bürgerrechtlerin Katja Havemann ließ sich vom DDR-System nie kleinkriegen. 1970 lernte sie über Wolf Biermann (Foto) den Publizisten und Bürgerrechtler Robert Havemann kennen, den sie 1974 heiratete und politisch unterstützte. 1989 war sie Mitbegründerin des Neuen Forums, nach der Wende setzte sich Katja Havemann für die Rehabilitierung ihres 1982 verstorbenen Mannes ein. Mit Erfolg: Zwei DDR-Juristen wurden 2000 wegen Rechtsbeugung verurteilt.

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