Stadtansicht von Tübingen mit einer Wahlurne und einem Umschlag im Vordergrund. (Foto: Colourbox, SWR, Foto: Google Earth, Montage: SWR)

Tübingen vor der Kommunalwahl Wohnen in Unistadt: heiß begehrt und hoch bezahlt

Alle wollen nach Tübingen. Den Eindruck gewinnt, wer in der Unistadt eine Wohnung sucht. Für die Kommunalpolitik heißt das: Bezahlbaren Wohnraum schaffen ist Thema Nummer eins.

"Elysium" heißt ein kleiner Wald in Tübingen - der geografische Mittelpunkt von Baden-Württemberg. Die Großstädte Reutlingen und Stuttgart sind nicht weit, aber man ist auch schnell im Grünen. Der Naturpark Schönbuch grenzt ans Stadtgebiet, die Schwäbische Alb ist etwa 20 Kilometer weg, der Schwarzwald gut erreichbar.

Tolle Jobs und viele Studenten

Diese Vielfalt zieht offenbar an, Tübingen wächst stetig. Über 89.000 Menschen leben in der Stadt, zu der acht Dörfer gehören. Vor 30 Jahren waren es noch 10.000 Einwohner weniger. Das liegt natürlich auch daran, dass es in der Stadt attraktive Jobs gibt. An der Uni mit ihren groß gewordenen Kliniken oder in Unternehmen, die die Nähe zu Stuttgart, der Autobahn und dem Flughafen schätzen. Ganz zu schweigen von den Studierenden: Fast 28.000 junge Frauen und Männer studieren in 330 Studiengängen. Ob Ägyptologie oder Zahnmedizin - auch sie brauchen alle ein Plätzchen zum Wohnen.

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In welchem Viertel Tübingens man leben will, kann man schwerlich selbst entscheiden. Der Markt entscheidet - und der Geldbeutel. Mieten und Immobilienpreise sind so hoch, dass es sich viele gar nicht leisten können, in der Unistadt zu leben. Die Stadtverwaltung und allen voran Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) halten dagegen. Für viele grüne Flecken in der Innenstadt gibt es plötzlich Bebauungspläne, allenthalben stehen Kräne, und der Gemeinderat verbschiedet Bau- und Förderprogramme. Doch dem OB reicht das nicht.

Zuerst Mietpreisbremse

OB Palmer schwingt Keulen. Mit der Mietpreisbremse fing es an. Seit 2015 ermöglicht es ein Gesetz, den Anstieg der Mieten zu deckeln. Heißt: Wenn eine Wohnung neu vermietet wird, darf die Miete die ortsübliche Vergleichsmiete nur noch um höchstens zehn Prozent übersteigen. In Tübingen gilt diese Bremse.

Dann Zweckentfremdungsverbot

Inzwischen setzte der OB das Zweckentfremdungsverbot durch. Wer in Tübingen Wohnraum leer stehen lässt und das nicht angemessen begründen kann, muss ein Bußgeld zahlen - bis zu 50.000 Euro.

Jetzt Baugebot

Im Frühjahr nun kündigte Palmer ein Baugebot an. Die ersten 20 Briefe hat die Verwaltung schon an Eigentümer verschickt. Nicht bebaute Grundstücke dürfen demnach nicht mehr so bleiben. Man muss sie entweder in absehbarer Zeit bebauen oder verkaufen. Das Gesetz ermöglicht sogar eine Enteignung, sollten sich Eigentümer ganz verweigern. Rückendeckung bekam der Verwaltungschef erst von seinem Parteikollegen und Grünen-Chef Habeck und dann vom Deutschen Städtetag.

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Wohnen ist wichtig, aber natürlich nicht alles. Vor allem in Tübingen nicht. Hier muss man auch denken, lernen und lehren. Die Eberhard-Karls-Universität prägt die Menschen. Tübingen tickt anders, hört man vom Lande. Bildung ist nicht exklusiv, hier wird sie gelebt. Mehr Kinder als anderswo gehen aufs Gymnasium, die Uni glänzt mit Exzellenz-Clustern, und im Cyber Valley wird die Künstliche Intelligenz erforscht.

Kopflastig: Tübingen zieht Denker an

Wo die Wissenschaft eine Heimat hat Kopflastig: Tübingen zieht Denker an

Ein Schild an einem Gartenzaun zum Garten von Leonhart Fuchs (Foto: SWR, Andrea Schuster)
Dieses kleine Schild am Gartenzaun eines Altstadthauses erinnert an den Botaniker Leonhart Fuchs. 1535 erhielt er eine Professur an der Universität Tübingen, wo er einen Arzneipflanzengarten anlegte - einen der ältesten botanischen Gärten der Welt. Fuchs gilt als einer der Väter der Pflanzenkunde. Eine heute noch beliebte Staude trägt seinen Namen: die Fuchsie. Auch der Astronom Johannes Kepler lebte im 16. Jahrhundert und begann seine wissenschaftliche Karriere in Tübingen. Andrea Schuster Bild in Detailansicht öffnen
Die Philosophen Hegel und Schelling waren "Stiftler". So nennt man in Tübingen Studierende der Theologie im Evangelischen Stift. Auch die Schriftsteller Wilhelm Hauff, Wilhelm Waiblinger, Eduard Mörike oder Hermann Kurz wurden dort wissenschaftlich ausgebildet. Hegel übrigens empfand die Erziehung am Stift als "bedrückend". Tübingen hält nicht hinterm Berg mit seinen "Käpsele". Straßen sind nach ihnen benannt und Redner aller Disziplinen berufen sich gerne auf das Hirnschmalz der Berühmtheiten. Andrea Schuster Bild in Detailansicht öffnen
Der Hölderlinturm am Tübinger Neckar ist das klassische Postkartenmotiv der Stadt. Andrea Schuster Bild in Detailansicht öffnen
Hölderlin, Uhland, Hesse, Hauff und Mörike? Wer gerne liest, kennt diese Herrschaften. Neben der Theologie und den Naturwissenschaften spielten Literatur und Musik im Geistesleben der Stadt eine gewichtige Rolle. Hermann Hesse etwa kam an den Neckar, um eine Buchhändlerlehre zu machen. Wilhelm Hauff schrieb Studentenlieder. Und Friedrich Silcher komponierte als Musikdirektor an der Universität. Hier sein Denkmal in der Uhlandstraße. Andrea Schuster Bild in Detailansicht öffnen
Dieses Schild hängt an einem Haus in der Hafengasse. Der Psychiater studierte eine Zeit lang in Tübingen und beschrieb erstmals die dann nach ihm benannte Krankheit. Mit dem Übergang ins 20. Jahrhundert gewinnen die Medizin und die Naturwissenschaften zunehmend an Bedeutung. Vor allem die medizinische Fakultät der Universität bleibt am Ball und gilt heute als renommiert. Dass die Uni und ihre Kliniken genügend Platz haben und expandieren können, war immer eine politische Herausforderung. Andrea Schuster Bild in Detailansicht öffnen
Christiane Nüsslein-Volhard ist die bekannteste Tübinger Wissenschaftlerin. 1995 wurde ihr der Nobelpreis für Medizin verliehen. Sie ist Biologin und beschäftigte sich mit Genforschung. Bis 2014 war die jetzt 77-Jährige Direktorin im Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen. Aus der Genforschung sind einige Unternehmen entstanden, die Forschungsergebnisse in der Praxis anwendbar machen. Auch für sie musste man Gewerbeflächen schaffen. SWR - Bild in Detailansicht öffnen
Die Künstliche Intelligenz will und soll auch in Tübingen ankommen. Im sogenannten "Cyber Valley" (das übrigens auf einem Berg liegt) haben sich Firmen angesiedelt, die Roboter und Algorithmen auf den Weg bringen. In der Stadt ist das umstritten. Dass neuerdings auch der Konzern Amazon eine Niederlassung hat, stört viele Tübinger. Sie sind skeptisch gegenüber diesen Firmen und ihren Zielen. Stadtverwaltung und Gemeinderat haben die Ansiedlung aber befürwortet. Bild in Detailansicht öffnen

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