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Joachim Streit fällt auf. Allein schon durch seine markanten Brillen und auffälligen Frisuren. In der Eifel ist der 55-Jährige erfolgreich als Landrat, jetzt will er auch in den Landtag.

Das Autokennzeichen "BIT-OK 1" kennt im Eifelkreis Bitburg-Prüm fast jeder. Es gehört zum Dienstwagen des Landrats Joachim Streit. Das "OK" steht für "Ökki", den Spitznamen von Streit aus Jugendzeiten. Dass sein Autokennzeichen so bekannt ist liegt daran, dass er damit seit Jahren quer durch die Eifel unterwegs ist. Streit setzt nämlich auf den persönlichen Kontakt mit den Menschen und ist deshalb regelmäßig in den 234 Dörfern seines Kreises unterwegs. Bei Wahlen im flächenmäßig größten Landkreis von Rheinland-Pfalz konnte er mit dieser Strategie bisher stets punkten. Bei seiner Wiederwahl als Landrat 2017 zum Beispiel wurde Streit mit 88,4 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt. Laut Statistischem Landesamt der dritthöchste Wahlsieg bei einer Landratsurwahl in Rheinland-Pfalz überhaupt.

Bitburger Platt und Doktortitel

Streit spricht die Sprache seiner Heimat (breites Bitburger Platt) genauso wie ein fast lupenreines Hochdeutsch – was in Rheinland-Pfalz mit all seinen Dialekten nicht selbstverständlich ist. Aufgewachsen ist er im kleinen Dorf Beilingen und der Stadt Bitburg. Nach dem Abitur in Neuerburg studierte er Rechtswissenschaften in Trier. Anschließend arbeitete er ein paar Jahre als Repetitor und bereitete Jurastudenten auf ihr Staatsexamen vor. Später folgte die Promotion. Seinen Doktor-Titel hat er allerdings nie zur Schau gestellt, wie es bei Politikern sonst oft üblich ist. Streit sagt: "Der Dr. grenzt ab von den Bürgern, deshalb verzichte ich darauf, ihn auf Plakaten oder Flyern herauszustellen". Er lebt mit seiner Frau und drei Kindern (19, 22 und 23 Jahre alt) in Bitburg.

Mit Haustürwahlkampf erst zum Bürgermeister, dann zum Landrat

Seine politische Karriere begann der Sohn eines Straßenwärters Ende der 1980er-Jahre in Bitburg. Im Alter von 24 Jahren zog Streit 1989 mit der von ihm gerade gegründeten Wählergemeinschaft "Liste Streit" in den Stadtrat ein. Den damaligen Bürgermeister von Bitburg stellte die SPD. Als 1996 klar war, dass der nicht mehr antritt, sah Streit seine Stunde gekommen. Er zog wochenlang durch die Straßen Bitburgs, um sich den Menschen dort vorzustellen. Nach einem intensiven Haustürwahlkampf gewann Streit im Alter von 31 Jahren überraschend die Wahl und wurde 1997 hauptamtlicher Bürgermeister von Bitburg. Acht Jahre später setzte er sich bei der Wiederwahl mit 85 Prozent der Stimmen gegen drei Herausforderer durch – und das bereits im ersten Wahlgang.

Spätestens nach diesem Erfolg wurde Streit als Kandidat für das Amt als Landrat gehandelt. Eine Idee, die auf den ersten Blick damals einem Himmelfahrtskommando glich, denn der Landkreis war absolutes CDU-Stammgebiet. Bei Kreistagswahlen holten die Christdemokraten zu der Zeit regelmäßig deutlich mehr als 50 Prozent. Als der CDU-Landrat sich 2004 dazu entschied, nicht mehr zur Wahl anzutreten, sah Streit auch hier seine Stunde gekommen. Ähnlich wie bei den Bürgermeisterwahlen in Bitburg, setzte Streit auch bei der Landratswahl 2009 stark auf den persönlichen Kontakt. Bereits ein Jahr vor der Wahl begann er damit, alle Bürgermeister der 234 Dörfer zu besuchen. Hinzu kamen hunderte Besuche von Festen, Feiern und Veranstaltungen im Kreis.

Streit setzt auf Social Media

Und: Als einer der ersten Politiker in Rheinland-Pfalz setzte Streit im Wahlkampf auf die damals neu entstandenen Social-Media-Kanäle. Im Netzwerk "Wer-kennt-wen" kurz WKW (2014 eingestellt) rief Streit die Gruppe "Alle kommen mit" ins Leben. Eine Anlaufstelle für Unterstützer und Sympathisanten seiner Landrats-Kandidatur, die nach Streits Angaben damals rund 8.000 Follower hatte. Am Ende setzte sich Streit gegen den CDU-Herausforderer durch und wurde erster FWG-Landrat im Eifelkreis Bitburg-Prüm. 

Bei der jetzt anstehenden Landtagswahl zieht Streit als erster landesweiter Spitzenkandidat für die Freien Wähler in den Wahlkampf. Bisher waren die Freien Wähler bei Landtagswahlen mit vier verschiedenen Bezirkslisten und damit auch vier verschiedenen Spitzenkandidaten angetreten. Wie schon bei seinen beiden Wahlen zum Landrat setzt Streit auf die Wirkung von Social Media. Über sein Facebook-Konto folgen ihm rund 15.000 Menschen. (Stand: 1. März) Im Vergleich mit den anderen Spitzendkandidatinnen und -kandidaten bei der Landtagswahl liegt Streit damit auf Platz zwei hinter Ministerpräsidentin Malu Dreyer.

Bekannt in der Eifel, aber im restlichen Rheinland-Pfalz?

Streit ist als Kommunalpolitiker erfolgreich und beliebt. Er gilt als guter Redner und hat das Image des Machers. Seine Wahlerfolge beruhen vor allem auf dem persönlichen Kontakt zu den Menschen. In der Eifel genießt er deshalb einen hohen Bekanntheitsgrad. Im Rest von Rheinland-Pfalz kennt ihn allerdings kaum jemand. Seine Möglichkeiten das durch einen für ihn gewohnten bürgernahen Wahlkampf zu ändern, sind aufgrund der Corona-Beschränkungen ausgeschlossen.

Seine Wahlkampfthemen wie "Öffnungsperspektiven für Geschäfte und die Gastronomie", "Vermeidung von Krankenhausschließungen", "Entschuldung der Kommunen" oder "Digitalisierung von Schulen" muss er nun auf anderem Weg streuen. Er und die Freien Wähler setzen auf Plakate, Facebook und Online-Werbung. Im SWR-Politrend vom 25. Februar erreichen die Freien Wähler erstmals den Wert von vier Prozent. Nach Angaben von Streit erzielten die Freien Wähler einen solch hohen Wert noch nie in einer Wahlumfrage. Ob daraus die erforderlichen fünf Prozent werden, um am 14. März in den rheinland-pfälzischen Landtag zu ziehen, bleibt abzuwarten. Bei der letzten Landtagswahl 2016 lagen die Freien Wähler bei 2,3 Prozent.

Daten und Fakten

NameJoachim Streit
Geboren4. Juni 1965 in Trier
AusbildungStudium der Rechtswissenschaften an der Universität Trier
Politische Karriere1988 Gründung der Freien Wählergemeinschaft Liste Streit
1989 - 1997 Fraktionsvorsitzender Liste Streit, Stadtrat Bitburg
1996 Wahl zum hauptamtlichen Bürgermeister der Stadt Bitburg
1999 – 2009 FWG-Fraktion Kreistag, ab 2005 Fraktionsvorsitzender
2009 Urwahl zum Landrat des Eifelkreises Bitburg-Prüm

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