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Er war ein Überraschungskandidat, sogar für sich selbst: Michael Frisch hatte bis zum November 2019 niemand auf dem Zettel für die AfD-Spitzenkandidatur.

Im November 2019 überrascht die Personalie Michael Frisch nicht nur landespolitische Beobachter, sondern auch ein bisschen ihn selbst. Joachim Paul, der bis dato als Kronprinz des bisherigen Landes- und Fraktionsvorsitzenden Uwe Junge galt, muss nach einer SWR-Recherche zu seiner möglicherweise rechtsextremen Vergangenheit seine Kandidatur um den Landesvorsitz zurückziehen.

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Als Kompromiss-Kandidat präsentiert die Partei Michael Frisch, der Beobachtern bis dahin in Partei und Fraktion eher wenig aufgefallen war. Mit knapp 75 Prozent der Stimmen wird Frisch gewählt und gilt seither auch als konsensfähig. Dass seine Partei ihn nach knapp einem Jahr mit annähernd gleichem Ergebnis zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl wählt, zeigt: In der oftmals zerstrittenen Partei ist er akzeptiert. Nun spielt sogar der Hauptslogan zur Wahl mit seinem Namen: "Frischer Wind statt heiße Luft."

Michael Frisch vermeidet schrille Töne

Der 63-Jährige Trierer will die AfD als bürgerlich-konservative Partei präsentieren und spart das Leib- und Magenthema Migration in seinen Reden vor Parteitagen und dem Landtag weitgehend aus. Und auch im Wahlkampf gibt sich der grauhaarige Schnauzbart-Träger vordergründig mäßigend. Als die AfD ihre Wahlkampagne präsentiert, stellen Journalisten kritische Fragen – speziell zu einem Wahlplakat, das eine junge Frau zeigt. Darunter die Aufschrift: "Deutsche Frau kein Freiwild. Kapiert?"

Natürlich weiß Frisch, dass das provoziert und den Ton trifft, den viele Stammwähler von der AfD erwarten. Doch er weiß auch, dass die AfD ihr Wählerpotenzial mit allzu schrillen Tönen in Rheinland-Pfalz nicht ausschöpfen wird. Und so laviert sich Frisch um die Kritik herum, das Plakat könne fremdenfeindlich sein: Auch ausländische Frauen seien natürlich kein Freiwild, das Recht auf Schutz durch den Staat gelte auch für Zuwanderer.

Ein Haudegen ist er nicht - das übernehmen AfD-Parteifreunde

Die Haudrauf-Passagen überlässt Frisch also den Parteifreunden – was manchen vermuten lässt, dass er vor allem der Vorzeige-Kandidat für die Außendarstellung der Partei ist und andere die mitunter wütend-aufmüpfige Partei-Seele nach innen streicheln sollen. Er wolle weg vom Image der "Protest- und Dagegen-Partei", so der gelernte Berufsschullehrer für katholische Religion und Mathematik, der in seiner Heimatstadt Trier die Stadtratsfraktion der AfD führt.

Genauso wenig Haudrauf ist der vorsichtige Frisch auch bei Kritik an rechten Umtrieben seiner Parteifreunde: Über Landtagsfraktionsvize Paul wolle er "nicht den Stab brechen", obwohl dieser Zweifel daran nicht ausräumen kann, in der Vergangenheit für eine NPD-nahe Zeitschrift geschrieben zu haben. Der Parteiausschluss des rechtsextremen brandenburgischen AfD-Landeschefs Andreas Kalbitz sei zwar "logisch". Trotzdem sehe er nicht, dass die AfD ein dauerhaftes Problem mit Rechtsextremismus in den eigenen Reihen habe. Der politische Gegner wolle die AfD in die "rechte Ecke" stellen, bedient Frisch ein innerhalb seiner Partei beliebtes Narrativ.

Diesen Vorwurf macht der praktizierende Katholik auch den christlichen Kirchen, die sich nicht nur in Wahlkämpfen immer wieder gegen AfD-Kandidaten auf ihren Podien wehrten. Statt Ausgrenzung verdienten auch Christen in der AfD Respekt durch die großen Glaubensgemeinschaften, schrieb Frisch in einem bundesweit beachteten "kirchenpolitischen Manifest". Selbst die CDU stehe "nicht mehr für eine Politik zum Schutz des Lebens", so Frisch. Die Partei, in der er selbst lange Mitglied war, sei "beliebig geworden". Bürgerlich-konservative Politik mache stattdessen die AfD. Frisch engagiert sich bei der "Aktion Lebensrecht für Alle" - einem Verein, der sich gegen das Recht auf Abtreibungen einesetzt und Schwangerschaftsabbrüche als "vorgeburtliche Kindstötung" bezeichnet.

Michael Frisch will ein vergleichbares Ergebnis wie 2016 holen. Damals erreichte die AfD 12,6 Prozent.

Michael Frisch im Interview bei SWR Aktuell Rheinland-Pfalz

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Daten und Fakten

NameMichael Frisch
Geboren13. Mai 1957 in Trier
AusbildungLehramtsstudium Mathematik und katholische Theologie
Politische Karriereseit 2013 AfD-Mitglied
seit 2014 Vorsitzender der AfD-Stadtratsfraktion Trier
seit 2016 Landtagsabgeordneter, religions- und familienpolitischer Sprecher der AfD-Landtagsfraktion
seit 2019 AfD-Landesvorsitzender

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