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Der Wahlkreis Böblingen ist geprägt von der Autoindustrie und ihren Zulieferern. Kernthemen sind Verkehr, Transformation zur Elektromobilität, Klima, Soziales und Digitalisierung.

Die politische Ausgangslage

Seit der ersten Bundestagswahl 1949 hat die CDU nur einmal das Direktmandat im Wahlkreis Böblingen verfehlt: 1972 zog Hans Geiger für die SPD direkt in den Bundestag ein. Danach war es wieder die CDU, die das Direktmandat errang - in den 1990er-Jahren mit der langjährigen CDU-Schatzmeisterin Brigitte Baumeister. 1999 war sie in die CDU-Spendenaffäre verstrickt und trat von ihrem Amt zurück. Ihr Nachfolger Clemens Binninger verhandelte für seine Fraktion 2006 die Gesetze zur Terrorbekämpfung mit aus, war Vorsitzender des NSA-Unterssuchungsausschusses und leitete später den 2. NSU-Untersuchungsausschuss des Bundetags. Im Bundestagswahlkampf 2017 verlor die CDU mit ihrem Kandidaten Marc Biadacz rund 15 Prozent der Stimmen, behielt jedoch das Direktmandat. Deutlich zulegen konnte die FDP damals mit Florian Toncar, der sich zuletzt im Wirecard-Skandal einen Namen machte. Die AfD holte 2017 aus dem Stand heraus 11,2 Prozent der Stimmen für Markus Frohnmaier. Für die Vertreter der anderen großen Parteien im Wahlkreis reichte es nicht für ein Bundestagsmandat über die jeweilige Landesliste. Der Wahlkreis Böblingen ist nahezu identisch mit den gesamten Landkreis Böblingen. Lediglich drei Kommunen - Steinenbronn, Waldenbuch und der Porsche-Standort Weissach - sind umliegenden Wahlkreisen zugeordnet.

Die größten Herausforderungen vor der Bundestagswahl

Der Autobauer Daimler prägt zusammen mit den Autozulieferbetrieben den wirtschaftsstärksten Wahlkreis des Landes; im Landkreis Böblingen vertreten ist auch Porsche mit seinem Entwicklungszentrum und tausenden Beschäftigten in Weissach. Wie schafft man die Transformation der Autoindustrie ohne den Verlust von Arbeitsplätzen? Wie die Digitalisierung? Und wie bekommt man die Verkehrsströme umweltverträglich in den Griff? Die A81 am Rand des Naherholungsgebiets Schönbuch ist die wichtigste Route von Stuttgart an den Bodensee und weiter in die Schweiz. Gerade ist mit dem sechsspurigen Ausbau bei Sindelfingen/Böblingen begonnen worden. Die Arbeiten an der Dauerbaustelle ziehen sich voraussichtlich bis über die kommende Legislaturperiode hinaus. Nur der 850 Meter lange Deckel über die Autobahn zwischen den beiden Städten soll vorher fertig sein.

Die Direktkandidatinnen und Direktkandidaten

Die Reihenfolge der Kandidierenden ergibt sich aus dem Endergebnis der Bundestagswahl 2017 in Baden-Württemberg.

Bislang bewerben sich diese sechs Kandidierende der größten Parteien um das Bundestagsdirektmandat: Marc Biadacz (CDU), Jasmina Hostert (SPD), Tobias Bacherle (Grüne), Florian Toncar (FDP), Markus Frohnmaier (AfD) und Richard Pitterle (Linke).

Marc Biadacz (CDU) hat 2017 das Direktmandat in der Nachfolge des langjährigen MdB Clemens Binninger(CDU) geholt. Nachdem Biadacz sich zunächst für Markus Söder (CSU) als Kanzlerkandidat ausgesprochen hatte, unterstützt er nun Armin Laschet (CDU) als Kanzlerkandidat. Aktuell arbeitet der 41-jährige Sozialwissenschaftler als Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales sowie im Petitionsausschuss des Bundestags. Er war unter anderem Mitglied in der Enquete-Kommission Künstliche Intelligenz, macht sich für digitale soziale Marktwirtschaft stark und will den Verbrennungsmotor noch einige Jahre als Übergang in die emissionsfreie Mobilität produziert wissen.

Bei der vergangenen Bundestagswahl hatte es für Jasmina Hostert (SPD) mit Platz 25 der Landesliste nicht mehr in den Bundestag gereicht. Für die 38-jährige Regionalrätin beim Verband Region Stuttgart rückt ein Bundestagsmandat nach der diesjährigen Wahl durch einen der vorderen Landeslistenplätze in greifbare Nähe.

Tobias Bacherle (Grüne) studiert Politik- und Medienwissenschaft in Tübingen und setzt sich für einen nachhaltigen Strukturwandel in der Automobilindustrie, die Gäubahn, eine Verkehrswende und eine grüne Digitalisierung ein. Der 26-Jährige ist Fraktionsvorsitzender der Grünen in seiner Heimatstadt Sindelfingen und hatte 2017 den Einzug in den Bundestag verfehlt. Er belegt nun den aussichtsreichen Platz 13 der Grünen Landesliste für die kommende Bundestagswahl.

Florian Toncar (FDP) war von 2005 bis 2013 und ist seit 2017 wieder Mitglied im deutschen Bundestag. Der Rechtsanwalt hat sich zuletzt im Wirecard-Untersuchungsausschuss einen Namen gemacht. Er setzt sich dafür ein, dass betrügerische Manager auch hinter Gitter kommen. Mit Platz fünf auf der Landesliste seiner Partei hat er gute Chancen, zum vierten Mal in den Bundestag einzuziehen.

Markus Frohnmaier (AfD) ist seit 2017 Sprecher von Alice Weidel (AfD). Im gleichen Jahr zog er erstmals in den Bundestag ein und war bis 2018 auch Sprecher der Jungen Alternative, die auch vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Zudem hatte er Kontakte zu völkischen und rassistischen Gruppen. Frohmaier will sich nach eigenen Angaben gegen die Verschwendung von Steuermitteln, das Lieferkettengesetz und unwirksame Projekte in der deutschen Entwicklungshilfe einsetzen.

Der in der Friedensbewegung engagierte Rechtsanwalt Richard Pitterle (Linke) ist diesmal nicht über einen Listenplatz abgesichert. Der 62-Jährige war von 2009 bis 2017 Mitglied des Bundestags und steuerpolitischer Sprecher seiner Fraktion.

Die Top-Themen vor der Wahl

Der Transformationsprozess der Automobilindustrie vor dem Hintergrund der Klimakrise und der Energiewende ist - wie in anderen Teilen der Region Stuttgart - das große Thema. Allein im Sindelfinger Mercedes-Werk hängen zehntausende Arbeitsplätze davon ab. Zahlreiche Zuliefererbetriebe sind abhängig von Daimler und Porsche. Auch der Ausbau und die Diskussion um die Gäubahn von Stuttgart nach Zürich hat direkte Auswirkungen auf die Mobilität im Wahlkreis Böblingen. Kritiker des neu in die Diskussion gebrachten, rund eine Milliarde Euro teuren Gäubahntunnels befürchten, dass damit der Raum Böblingen über mehr als fünf Jahre von der Gäubahn abgehängt sein könnte.

Das im Bau befindliche Flugfeld-Klinikum des Klinikverbunds Südwest soll ab Ende 2025 zentrale Aufgaben der Kreiskliniken Calw und Böblingen übernehmen. Auf Böblinger Gemarkung an der A81 entsteht für mehr als eine halbe Milliarde Euro das Nachfolgehaus der beiden Kliniken in Sindelfingen und Böblingen mit rund 700 Patientenbetten. Darüber hinaus setzt man weiterhin auf kleinere Klinikstandorte wie Leonberg und Herrenberg mit ihren Spezialisierungen. Diese Struktur der kommunalen Gesundheitsversorgung zu sichern und gleichzeitig die Bewältigung der Corona-Pandemie-Folgen im bundesdeutschen Gesundheitssystem im Blick zu haben, begleitet als Thema die Kandidatinnen und Kandidaten.

Verbunden mit Umbau und Weiterentwicklung der Autoindustrie ist auch die Digitalisierung eines der dringendsten Probleme der mittelständischen Industrie: Der Ausbau des Breitbandnetzes durch die Telekom geht vielen Betrieben noch zu langsam. Auch ländliche Gebiete haben an ihren Rändern weiterhin Probleme mit dem flächendeckenden Internet. Weil die Metropolregion Stuttgart und speziell die Landeshauptstadt mit hohen Mieten zu kämpfen hat, verlagert sich in diesem Bereich der Druck zunehmend auch auf den Kreis Böblingen. Bei der Entscheidung, wem man die Kreuzchen am Wahltag vergibt, wird es nach Einschätzung der Landeszentrale für Politischen Bildung Baden-Württemberg wohl auch maßgeblich um die Antworten auf die Fragen rund um die Bewältigung der Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen auf den persönlichen Bereich gehen.

So gehen die großen Parteien in den Wahlkampf

Wie im gesamten Bundesgebiet überschattet die Corona-Pandemie den Bundestagswahlkampf: Das Virus trifft alle Parteien - im Wahlkampfgeschehen fährt man auf Sicht. Je nach Inzidenz dürfen mehr oder weniger große öffentliche Veranstaltungen abgehalten werden. Wahlkampfstände auf Marktplätzen sind geplant, Podiumsdiskussionen und - unabhängig vom Infektionsgeschehen - werden die sozialen Medien bespielt. Auch Online-Veranstaltungen sind angekündigt. Die Landeszentrale für politische Bildung plant für den 13.September in Zusammenarbeit mit der örtlichen VHS eine Veranstaltung in Herrenberg. Dort werden Vertreterinnen und Vertreter aller größeren Parteien bei einer Präsenz-Veranstaltung erwartet, die voraussichtlich auch online gestreamt wird.

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